Die Lokführer der Weltwirtschaft

25. Juni 2009, 19:52
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Die Erholung kommt aus den Schwellenländern – und gibt ihnen neue Verantwortung

Zwei Jahre nach ihrem Ausbruch ist die Weltfinanzkrise an einem Wendepunkt angelangt. Wenn sich nicht alle Volkswirte irren, dann hat die Rezession ihren Tiefpunkt erreicht und in manchen Ländern und Sektoren der Aufschwung eingesetzt.

Diese Nachricht bietet weniger Grund zum Aufatmen, als es scheint. Die Bankenkrise ist noch nicht ausgestanden und gefährdet die ersten grünen Wachstumspflänzchen. Insolvenzen und Arbeitslosigkeit werden in den Industriestaaten auch dann noch steigen, wenn das Bruttoinlandsprodukt bereits wieder expandiert. Und die Angst , dass die Rezession wie im Japan der Neunzigerjahre in eine jahrelange Stagnation mündet, bleibt sehr real.

In Österreich, wo der Abschwung erst im vergangenen Winter eingesetzt hat und von vielen Menschen noch gar nicht wahrgenommen wird, dürfte das Schlimmste noch bevorstehen. Die für den heimischen Industriesektor so wichtige Automobilbranche wird noch von Verschrottungsprämien am Leben erhalten, die bald auslaufen werden. Und auch das Ostrisiko der österreichischen Banken hat sich bisher kaum in den veröffentlichten Bilanzen niedergeschlagen. Erst der kommende Winter wird zur tatsächlichen Feuerprobe für die Krisenfestigkeit der heimischen Wirtschaft und Gesellschaft.

Auch in den Entwicklungsländern, vor allem in Afrika, drohen die Aussichten noch lange düster zu bleiben. Die ärmsten Regionen haben die Krise am stärksten zu spüren bekommen, Sie sind von Auslandskapital abhängig, das jetzt ausbleibt, sie leiden unter fallenden Rohstoffpreisen, und sie haben keine Mittel für Konjunkturprogramme. Für sie bedeutet eine Wachstumsdelle dort Hunger und Tod.

Die Hilferufe aus der Dritten Welt bei der derzeit laufenden Uno-Konferenz über die Folgen der Finanzkrise sind daher ernst zu nehmen - werden allerdings ohne Konsequenzen bleiben. Denn angesichts der größten Schuldenberge der Geschichte ist die Bereitschaft zur Aufstockung von Entwicklungsgeldern überall sehr gering.

Allerdings gibt es eine andere Entwicklung, die das Bild des armen Südens relativiert. Das Wachstum geht laut OECD_vor allem von den Schwellenländern aus _- Indien, Brasilien und China scheinen die Krise viel rascher zu überwinden als die Industriestaaten und können ihre Rolle als Wachstumslokomotiven daher weiter ausbauen. Das bringt, wenn es so kommt, in den nächsten Jahren eine Verlagerung der ökonomischen Kräfteverhältnisse mit sich. Der Aufschwung im Süden - das Schwellenland Russland kann laut Prognosen an dieser Entwicklung kaum teilnehmen - geht zwar nicht zulasten der USA_und der EU, die davon ja auch profitieren. Aber es wird den Wohlstand auf der Erde neu - und gleichmäßiger als vor der Krise - verteilen und den aufstrebenden Mächten erlauben, die Regeln der Weltwirtschaft, die bisher im Norden festgelegt wurden, mitzubestimmen.

Ob und wie diese Staaten diese Chance nützen, hat Folgen für alle - und vor allem für die ärmsten Staaten. Diese benötigen für eine Rückkehr zum Wachstum einen funktionierenden Welthandel abseits von regionalen Handelsblöcken - also einen Abschluss der Doha-Runde. Doch bei den bisherigen Gesprächen standen gerade die Schwellenländer auf der Bremse, und die jüngsten protektionistischen Reflexe der Chinesen lassen für zukünftige Verhandlungen wenig Gutes ahnen.

Auch bei der langfristigen Stabilisierung der Finanzmärkte ist China gefordert. Es müsste die Politik der ständig wachsenden Exportüberschüsse, die so viel zur Krise beigetragen haben, überdenken und überwinden. Lokomotiven brauchen Lokführer mit Weitblick und Verantwortungsbewusstsein. Für die Weltwirtschaft ist dies entscheidend.(DER STANDARD; Print-Ausgabe, 27.6.2009)

 

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