Öffentliche Verschuldung und moneyistisches Denken

25. Juni 2009, 19:42
14 Postings

Die Strategie für den Schuldenabbau reduziert sich auf finanzielle Maßnahmen, der Aufrechterhaltung der öffentlichen Versorgung dient sie nicht - Von Paul Kellermann

Das Problem der öffentlichen Verschuldung als Folge der Maßnahmen gegen Finanz- und Wirtschaftskrisen wird wenig differenziert diskutiert. Vor allem wird nicht beachtet, dass Geld in jeder Höhe nur Wert besitzt, so lange ihm kaufbare Güter und Dienste entsprechen. Wenn einerseits weiterer Bedarf an Forschung und Entwicklung, Bildungseinrichtungen, Energiesparmaßnahmen, an Reparaturen von gesellschaftlichen und natürlichen Schäden, an Sicherheit vor Verbrechen und so weiter besteht, müsste entsprechend gearbeitet werden; wenn andererseits Arbeitsvermögen von Arbeitswilligen und Kapazitäten von Unternehmen aller Art dem Bedarf entsprechend nicht genutzt werden, kann staatlicherseits aufgenommenes Geld nicht voll gedeckt werden, weil die erweiterte Geldverfügbarkeit nicht einer erweiterten Verfügbarkeit an Leistungen, also Waren, entspricht. Offenbar wird dies von allen, deren Denken sich auf Geld beschränkt, bewusst oder unbewusst, hingenommen.

Demzufolge reduziert sich die Strategie für den Schuldenabbau auf finanzielle Maßnahmen, wie insbesondere

Sparen, was Effizienz und synergetische Effekte bringen soll und kann, aber jedenfalls auch (trotz ungestillten Bedarfs) die Streichung von Arbeitsplätzen, also eine Erhöhung der Erwerbslosigkeit, und damit die Minderung an verfügbaren Leistungen bedeutet;

Reduktion von Transferleistungen in Form von Subventionen, Unterstützungen von Familien und Erwerbslosen, Pensionen etc.

Erhöhung von Gebühren und Steuern;

Verkauf von öffentlichen Einrichtungen und Vermögen;

Entwertung (Inflationierung) der Währung, so dass die Schulden relativ zum stetigen Preisanstieg aller geldbezogenen Leistungen sinken; sowie

Umschuldungen.

Alle diese und ähnliche Maßnahmen können zwar das staatliche Budget entlasten, aber nicht zur Aufrechterhaltung - geschweige denn zur Erhöhung - der bisherigen öffentlichen Versorgung beitragen; das Gegenteil geschieht.

Der allein erfolgreiche Weg zur Bewältigung der Krisen ist, den lediglich an Geld orientierten Pfad zu verlassen und Geld nicht als Zweck aller Anstrengungen misszuverstehen, sondern als Mittel einzusetzen. Als Mittel zur Organisation der Produktionsfaktoren - also des gesamtgesellschaftlichen Arbeitsvermögens , um reale Leistungen zu erbringen, die ausschließlich den Geldwert (die Kaufkraft) erhalten beziehungsweise schaffen: Wenn im Extremfall für Geld keine Waren zu kaufen sind, weil sie nicht erzeugt werden, ist Geld nichts wert.

Die zweckmäßige, umfassende Organisation des Arbeitssystems kann nicht von privatwirtschaftlichen Betrieben bewerkstelligt werden, da sie auf die Sicherung ihrer eigenen Existenz im Rahmen der gegebenen Konkurrenz achten müssen; sie müssen betriebswirtschaftlich denken. Die Instanz zur volkswirtschaftlichen Organisation der Arbeit im Sinne der Sicherung und Verbesserung der allgemeinen Lebensbedingungen ist - eigentlich selbstverständlich - der Staat. Doch die verantwortlichen Politiker/innen denken moneyistisch kaum über Geld, Schulden und Sparen hinaus; sie bemerken nicht einmal, dass ihnen mit dem System der „Arbeitsmarktverwaltung" bereits ein ausgebautes Netzwerk zur Organisation erforderlicher Arbeit verfügbar ist. Sie merken es nicht, weil ihre Sicht beim „Arbeitsmarkt" und dessen „Verwaltung" endet; sie erkennen nicht, worum es wirklich geht: nämlich um den Arbeitsprozess selbst, seine Organisation und die gesamte Volkswirtschaft.


Das im Sinne volkswirtschaftlicher Versorgung für eine entsprechende Politik aufgenommene Geld würde nicht nur durch die entstehenden Leistungen gedeckt, sondern es ermöglichte auch, die Lebensqualität zu verbessern.

Die wesentlichste volkswirtschaftliche Funktion von Geld ist, den gesellschaftlichen Bedarf an Leistungen (an Gütern und Diensten) sowie die gesellschaftliche Leistungsfähigkeit zu vermitteln; diesen Prozess zu steuern ist die wirtschaftspolitische Aufgabe der Regierungen. Doch Geld nicht als Mittel zu erkennen, sondern als von eigenem Wert anzusehen, bedeutet nicht nur, suboptimale Versorgung, sondern letztlich auch Geldentwertung. (Paul Kellermann, derStandard.at, 26.7.2009)

 

Zur Person

Paul Kellermann, Jg. 1937, ist emeritierter Soziologie-Professor und Mitglied des Forschungsbeirats an der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Wirtschafts-, Bildungs- und Geldsoziologie. Er ist Herausgeber einschlägiger, interdiszilinärer Bücher wie "Die Geldgesellschaft und ihr Glaube" und "Geld und Gesellschaft". Zum "Garantierten Grundeinkommen" hat Paul Kellermann schon 1979 und 1980 (Rowohlt) publiziert.

 

Share if you care.