EU und Fußball bewahren Polen vor dem Absturz

25. Juni 2009, 19:19
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Während ganz Europa in der Rezession steckt, wuchs die polnische Wirtschaft im ersten Quartal 2009 um 0,8 Prozent

Warschau - Wenn der hagere Pawel Madler die polnischen Bauvorhaben für die kommenden Jahre präsentiert, wirkt es so, als habe er die Weltwirtschaftskrise verschlafen. Bis 2012 sollen in Polen 100 neue Vier- und Fünfsternhotels entstehen. 1000 Kilometer Autobahn will die Regierung bauen lassen, hinzu kommt der Neubau unzähliger Airport-Terminals, Kongresszentren und dreier Fußballstadien. Es gehe um Investitionen in Höhe von 20 Milliarden Euro, verkündet Madler, der für die staatliche Firma Pl2012 arbeitet, den staunenden Zuhörern, die diese Woche auf Einladung der Österreichischen Wirtschaftskammer nach Warschau gereist sind, um über Investitionspotenziale in Polen zu lernen.

Träumt er? Mag sein. Aber die von der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Dienstag vorgelegten Zahlen belegen: Während ganz Europa in der Rezession steckt, wuchs die polnische Wirtschaft im ersten Quartal 2009 um 0,8 Prozent. Neben den viel Kleineren Zypern und Malta ist Polen damit derzeit das einzige EU-Land mit einem BIP-Wachstum. Fürs Gesamtjahr 2009 prognostiziert die OECD zwar ein Minus von 0,4 Prozent beim Bruttoinlandsprodukt, verglichen mit dem Rest Europas ist das aber immer noch eine gute Nachricht.

Neues Stadion in Warschau

Die OECD-Experten führen die Stabilität Polens neben dem anhaltend starken Inlandskonsum und der moderaten Verschuldung in der Privatwirtschaft vor allem auf die anhaltend rege Bautätigkeit im Land zurück. "Das Land nutzt die Milliarden aus den EU-Fördertöpfen geschickt", sagt Ernst Kopp, der österreichische Handelsdelegierte in Warschau. Polen droht zwar wie Österreich ein Defizitverfahren der EU, noch habe der Staat aber etwa im Gegensatz zu Ungarn ausreichend Geld, um die EU-Projekte kozufinanzieren.

Als Katalysator kommt laut OECD schließlich die Europameisterschaft 2012 hinzu, die in Polen (und der Ukraine) stattfinden wird. So steht auch die Firmenchiffre Pl 2012 für das Fußballevent. Investitionen von 20 Milliarden Euro wird es nicht geben, sagen Experten, aber schon wenn die Hälfte der von Madler präsentierten Projekte in den kommenden Jahren umgesetzt würde, wäre das laut Analysten ein Erfolg. Tatsächlich laufen in Warschau bereits die Arbeiten für die Errichtung eines rund 300 Mio. Euro teuren Stadions. Ausgeschrieben ist auch der Bau einer U-Bahn-Linie, Stadionneubauten gibt es auch in Danzig und Breslau, für den Ausbau der Flughäfen sind mehr als 600 Millionen vorgesehen.

Öffentliche Aufträge stützen

Ohne die öffentlichen Aufträge sehe es natürlich trist aus, sagen die in Polen tätigen österreichischen Unternehmer wie die Alpine Bau, die das Stadion in Warschau errichtet. Kredite für private Projekte gibt es nicht mehr, die Quadratmeterpreise auf dem überhitzten Immobilienmarkt seien eingebrochen. Wer wie die österreichische UBM in den Aufbau eines Businessparks bei Warschau investiert hat, muss hoffen, nicht auf Büroflächen sitzenzubleiben. Neue Privataufträge gibt es laut Unternehmern fast nur von aus dem Ausland heimgekehrten Polen, die sich ein Haus bauen lassen. (András Szigetvari, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 27.6.2009)

 

 

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