Eine kompromisslose Kämpferin geht

25. Juni 2009, 18:27
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Das Tanzquartier Wien wurde unter seiner Gründungsintendantin Sigrid Gareis zu einer europaweit beispielgebenden Institution

Nach acht Spielsaisonen geht heute Gareis' Ära offiziell zu Ende.


Wien - Als das Tanzquartier Wien Anfang Oktober 2001 eröffnet wurde, war allen, die den europäischen zeitgenössischen Tanz kannten, klar, dass es eine solche Einrichtung bis dato nicht gegeben hatte: einen angemessen budgetierten Ort für Kunstpräsentationen, Koproduktionen, künstlerische Forschung, mit eigener Bibliothek, Theorieabteilung und Studios zur künstlerischen Weiterbildung. Ein Haus, das ganz der avancierten, progressiven Choreografie gewidmet sein sollte.

Mit einem Jahresetat von zuletzt etwa 3,3 Millionen Euro und einer Auslastung von 80 Prozent im letzten Jahr kamen seit der Eröffnung rund 334.200 Besucher zu 1102 Tanzvorstellungen sowie zahlreichen Theorieveranstaltungen und Studiopräsentationen

Das TQW etablierte ein ausgeprägtes Profil, in dem vieles umgesetzt wurde, das der Platzhirsch Impulstanz in seinem vierwöchigen Format nicht in Angriff nehmen kann. Zudem bot Gareis von Beginn einen anderen kuratorischen Zugang an als das renommierte Sommerfestival. Unter Einbindung der lokalen zeitgenössischen Choreografie konnte sie auch jene Bereiche im Tanz sichtbar machen, die dem künstlerischen Experiment und einer progressiven ästhetisch-politischen Haltung verpflichtet sind.

Intendantin Sigrid Gareis richtete ihr Programm nicht auf jeweils hippste Tendenzen im Tanz. Vielmehr ging es darum zu zeigen, wie der Tanz als eigenständige Kunstform mit anderen Kunstrichtungen kommuniziert: mit Musik oder Film, mit bildender Kunst, Performance und zeitgenössischem Theater. Zudem brachte die Intendantin mit ihrem Team - unter anderen Martina Hochmuth, Krassimira Kruschkova und Katrin Roschangar, zu Beginn auch Jeroen Peeters, Peter Stamer, Milli Bitterli und Silke Bake - verschiedene Ebenen künstlerischer Produktion, Pädagogik und Reflexion in einen intensiven Austausch miteinander.

Das künstlerische Programm bot eine Bandbreite, die man Gareis bei Antritt ihres Postens nicht zugetraut hatte. Nahezu alle wichtigen österreichischen Tanzschaffenden traten auf, von Philipp Gehmacher, Willi Dorner, Barbara Kraus und Superamas bis hin zu Christine Gaigg, Anne Juren, Chris Haring, Doris Uhlich, Saskia Hölbling, Elio Gervasi und Rose Breuss. Konsequent sorgte sie zudem dafür, dass österreichische Künstler mit internationalen Kollegen zusammenarbeiten konnten. Die Liste der von Gareis eingeladenen Big Names ist beachtlich. Sie reicht von William Forsythe, Alain Platel, Trisha Brown Company und Jan Fabre bis hin zu Rosemary Butcher, Jérôme Bel, Boris Charmatz, Sasha Waltz und Xavier Le Roy.

Legendär geworden sind Schwerpunkte wie OstWest (2004), Inventur (2005), Wieder und Wider (2006), Performing Rights Vienna (2007) und (Precise) Woodstock of Thinking (2008), die mit radikal zeitgenössischen Ansätzen an politische und historische Problemstellungen in der Kunst herangingen.

Die ganz großen Namen

In künstlerischen Laboren trafen einander seit November 2001 Künstler, Theoretiker, Wissenschafter aus allen Bereichen, um gemeinsam an bestimmten Themensetzungen zu arbeiten. Bei den von Kruschkova kuratierten Vortragsreihen, deren Beiträge meist an aktuelle Aufführungen gekoppelt waren, kamen die ganz großen Namen der Gegenwartstheorie in Tanz, Performance und Theater: von Hans-Thies Lehmann über Ric Alsopp bis zu Monika Meister, Gabriele Brandstetter, André Lepecki oder Gerald Siegmund.

Schon vor der Eröffnung des TQW wehte Gareis ein scharfer Wind ins Gesicht. Ein Teil der Tanzszene fühlte sich in der Programmation unterrepräsentiert und gründete bereits einen Monat nach der TQW-Eröffnung eine Art Gegeninstitution, die "Halle 1030". Das Tanzquartier-Programm erschien damals als zu progressiv, die Auslastung der ersten Saison hielt bei 60 Prozent. Doch nach anfänglichem Zögern nahm das Wiener Publikum die Institution an. Heute spielt das Tanzquartier im zeitgenössischen europäischen Tanzkontext eine führende Rolle und so renommierte Institutionen wie The Place in London oder das viel größere CND in Paris locker an die Wand.

Hartnäckig stritt Gareis, deren Vertrag 2005 verlängert wurde, mit den Wiener Festwochen um eine Verbesserung der Vertragsbedingungen in den MQ-Hallen und fiel prompt beim Kulturamt der Stadt Wien in Ungnade. Eine zweite Verlängerung wurde ihr nicht mehr zugestanden - trotz massiver Unterstützung aus der Szene. Diese wusste, was sie an dieser kompromisslosen Kämpferin für die Sache der Kunst hatte. Nachhaltig förderte Gareis den tänzerischen Nachwuchs, setzte sich geschickt für den österreichischen Tanz im Ausland ein und unterstützte die Wiener Theaterreform.

Flaggschiff des Tanzes

Sie hinterlässt ihrem Nachfolger Walter Heun ein als europaweit beispielgebend geltendes Haus, das trotz seiner architektonischen Enge und Zerrissenheit, trotz aller politischen Widerstände ein Flaggschiff des zeitgenössischen Tanzes wurde. Hätte sie gewusst, was in Wien auf sie zukommt, sagt sie heute, hätte sie diesen Job niemals angetreten. Zu dieser Feststellung passt eine Bemerkung von Impulstanz-Leiter Karl Regensburger, der die Situation im Wiener Tanz so kommentiert: "Hier musst du alles dreimal beweisen." Und er bezeichnete die "Wiener Diskussionkultur als durchaus verbesserungswürdig". Das hat Sigrid Gareis, wie sie des Öfteren sagte, immer wieder an den Rand der Verzweiflung getrieben. (Helmut Ploebst/ DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2009)

 

  • Sigrid Gareis, die scheidende Gründungsintendantin des Wiener Tanzquartiers: Nach neun Jahren freut sie sich auf die neue Freiheit. Und will fürs Erste kein fixes Engagement.
 
    foto: standard/ heribert corn

    Sigrid Gareis, die scheidende Gründungsintendantin des Wiener Tanzquartiers: Nach neun Jahren freut sie sich auf die neue Freiheit. Und will fürs Erste kein fixes Engagement.

     

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