Always Look on the Bright Side of the Uni-Reform?

25. Juni 2009, 18:02
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Oder: Was Max Kothbauer mit Monty Python verbindet - Eine Antwort auf die Botschaft des Wiener Uni-Rat-Vorsitzenden, doch einmal "das Positive an der Novellierung des Hochschulgesetzes zu sehen"

Die Regierungsparteien haben einen Entwurf für eine Novelle des Universitätsgesetzes vorgelegt, der von der überwältigenden Mehrheit der Universitätsangehörigen entschieden abgelehnt wird - Senatsvorsitzende, Dekane, der Universitätslehrerverband, Betriebsräte, Vertretungen der Studierenden, selbst die Rektoren, deren inneruniversitäre Macht ausgebaut werden soll, haben entsprechende Stellungnahmen abgegeben. Forschen, lehren und studieren demnach an den Universitäten nur "Skeptiker, Dauerkritiker und Unkenrufer" , wie es jüngst im Vorspann zu einem Kommentar von Max Kothbauer an dieser Stelle geheißen hat (Standard, 24. 6.)?

Führen wir dazu ein kleines Gedankenexperiment durch: Stellen wir uns einen Krug mit einem Fassungsraum von einem Liter vor, in dem sich ein halber Liter irgendeiner Flüssigkeit befindet, sagen wir Wein. Spricht der Besitzer von seinem halbleeren Krug, dann nennt man ihn einen Pessimisten, bezeichnet er seinen Krug als halbvoll, dann ist er ein Optimist. Doch unser Krugbesitzer hat Pech: Drei kräftige Männer teilen ihm mit, dass sie den gesamten Inhalt des Kruges für sich haben wollen. Nach längerem Verhandeln lassen sie ihm schließlich noch ein Achtel Wein übrig. Wie sollte man ihn nennen, wenn er daraufhin in lauten Jubel ausbricht und erklärt, was das für eine tolle Verbesserung im Vergleich zu seiner Lage vor der Begegnung mit seinen Widersachern darstellt? Vielleicht einen "Kothbauer"?

Einseitige Transaktion

Nun, eher doch nicht. Max Kothbauer, um bei unserer Parabel zu bleiben, wäre nämlich nicht der Besitzer des Kruges, sondern einer der drei Nutznießer. Zugegebenermaßen, der netteste von den dreien, der sich dafür einsetzt, nicht alles zu nehmen und selbst sogar mit einem unterproportionalen Anteil an dieser sehr einseitigen Transaktion zufrieden ist. Doch das Jubeln fällt wohl dem leichter, der gewinnt, als dem, der verliert.

Aber zurück zur geplanten Novelle des Universitätsgesetzes. Sie läuft vor allem darauf hinaus, die Autonomie der Universitäten drastisch zu reduzieren, einerseits durch die Schaffung neuer und den Ausbau bestehender Eingriffsmöglichkeiten des Bundesministers, andererseits durch eine erhebliche Stärkung der Universitätsräte, in denen keine Angehörigen der jeweiligen Universität Sitz und Stimme haben dürfen. Ergänzend dazu werden Rektoren und Rektorate inneruniversitär mit extrem ausgeweiteten Entscheidungsbefugnissen in Forschung und Lehre ausgestattet, zulasten der Senate, aber auch der Fakultäten, Fachbereiche und Institute. Dabei geht es nicht um eine Umverteilung von Besitzständen - hier hinkt der obige Vergleich natürlich - sondern um die Frage, welche Entscheidungen am effizientesten von wem und auf welcher Ebene getroffen werden sollen, oder anders ausgedrückt: wer über das erforderlich Fachwissen verfügt. Die für diese Novelle Verantwortlichen vertreten offenbar die Meinung, dass Rektoren und ihre Teams besser als die Wissenschafterinnen und Wissenschafter wissen, was und wie gelehrt und geforscht werden und welche Personen auf Professuren berufen werden sollen. Da die Rektoren selbst aber verstärkt unter der Kontrolle des Ministeriums und der Universitätsräte stehen, heißt dies wohl, dass dort das erforderliche Fachwissen in einem bisher ungeahnten Ausmaß gebündelt vorhanden sein muss.

Bei einem vom Handelsblatt vor kurzem erstmalig durchgeführten Ranking hat das Institut für Betriebwirtschaftslehre der Universität Wien überlegen den ersten Platz bei den Forschungsleistungen im deutschen Sprachraum eingenommen. Bei früheren Rankings hat das Institut für Volkswirtschaftslehre ähnlich gut abgeschnitten. Diese Erfolge wurden erzielt ohne Einmischung von Rektoren, Universitätsräten, Ministerialräten, Qualitätssicherungsagenturen, Evaluatoren und anderen Einrichtungen, welche die schöne neue Universitätswelt zu bieten hat.

Da ich seit 14 Jahren der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften angehöre, bin ich natürlich befangen, aber es fällt mir schwer zu glauben, dass im Rektorat, im Universitätsrat, im Ministerium oder in irgendwelchen "Qualitätssicherungseinrichtungen" mehr wirtschaftswissenschaftlicher Sachverstand anzutreffen ist als an meiner Fakultät.

Um nicht missverstanden zu werden: Diese Einschätzung beschränkt sich nicht auf die Wirtschaftswissenschaften und die Universität Wien: Sie gilt, vielleicht, mit ganz, ganz wenigen Ausnahmen, für alle Fachgebiete und alle Universitäten.

Wenn diese Einschätzung stimmt, dann folgt daraus ganz klar, dass Entscheidungen, welche Forschung und Lehre betreffen, von den Wissenschafterinnen und Wissenschaftern zu treffen sind und nicht von Politikern und Bürokraten.

Aufgabe von Ministerium und Universitätsleitungen wäre es, Forschung und Lehre durch Schaffung möglichst guter Rahmenbedingungen zu fördern und nicht durch Aufblähung der Bürokratie und fortgesetzte Einmischung in Detailfragen zu behindern.

Wie gut diese Aufgabe gelöst wird, kann man wiederum an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Universität Wien illustrieren. Sie ist seit Beginn der 90er-Jahre des vorigen Jahrhunderts auf zwei Bezirke aufgeteilt: den ersten und den 21. Die Fahrzeit von einem Standort zum anderen beträgt mit öffentlichen Verkehrsmitteln gut 45 Minuten. Jeder, der auch nur die geringste Ahnung vom Forschungsbetrieb hat, weiß, wie wichtig informelle Kontakte und Gespräche sind.

Ministerium und Universitätsleitung haben es in fast zwanzig Jahren nicht geschafft, dieses gravierende Standortproblem zu lösen. Dafür wurde die Fakultät in den 14 Jahren, in denen ich ihr angehöre, zweimal restrukturiert und umbenannt - kommt es demnächst zur dritten Studienplanreform, sind wir wieder einmal dabei, "Mission statements", Fakultätskonzepte und ich weiß nicht was sonst noch alles zu erarbeiten. Umso bemerkenswerter sind unter diesen Umständen die oben erwähnten Forschungsleistungen der Fakultät.

Singen und singen lassen

Wie Max Kothbauer richtig schreibt, ist es "ein historisch interessantes Phänomen, dass soziale Institutionen in der Lage sind, inhärente Strukturen gegen gesetzliche Regelungen aufrechtzuerhalten, wenn diese einfach nicht passen". Die Universitäten werden daher auch die UG-Novelle so recht und schlecht verkraften, auch wenn die neuen gesetzlichen Regelungen noch viel weniger passen als die bisherigen.

Sein Appell, diese Novelle positiv zu sehen, erinnert allerdings an die Schlussszene von Monty Pythons Das Leben des Brian: Ein Gekreuzigter animiert seine Leidensgenossen, "Always Look on the Bright Side of Life" zu singen und zu pfeifen. Nur: Max Kothbauer selbst gehört eben nicht zu den Gekreuzigten. (Gerhard Clemenz, DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2009)

Zur Person: Gerhard Clemenz war vor seiner Berufung nach Wien 1995 Ordinarius für Volkswirtschaftslehre an der Universität Regensburg und in den letzten sechs Jahren Vorsitzender des Senats an der Uni Wien.

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