Schwacher Schutzschirm gegen Katastrophen

25. Juni 2009, 17:47
posten

Die Hälfte der vom Hochwasser betroffenen Hausbesitzer ist nicht versichert. Eine Volldeckung gegen die Unbilden der Natur gibt es nicht

Wien - Das Hochwasser gibt den Blick auf alle Schäden noch nicht frei. Der Kampf vieler betroffenen Hausbesitzer ums Geld hat aber bereits begonnen. Gut die Hälfte der Privaten ist nicht oder nur unzureichend versichert. Auch wer die dafür erforderliche Zusatzprämie geleistet hat, kann nur mit höchstens 50 Prozent der Versicherungssumme rechnen. Eine vollständige Abdeckung der Schäden ist bei Naturkatastrophen nicht drinnen. Was bleibt, ist der Weg zu den Katastrophenfonds der einzelnen Länder.

Die Sachverständigen der Versicherer sind mittlerweile im Dauereinsatz. Einige tausend Schadensmeldungen gingen bislang etwa bei der Wiener Städtischen ein, die Allianz zählt an die 600. Einig ist sich die Branche, dass das Ausmaß der Zerstörung längst nicht jenes der Hochwasserkatastrophe des Jahres 2002 erreicht: Dieses hatte die ös-terreichische Volkswirtschaft fast drei Milliarden Euro gekostet, 420 Millionen davon waren versichert.

Teure Regenfluten

Teuer sind die Regenfluten dennoch. Wolfgang Reisinger, Experte für Naturkatastrophen bei der Wiener Städtischen, schätzt den versicherten Schaden in Österreich auf rund 50 Millionen Euro. Der Versicherungsverband rechnet noch mit einer deutlich höheren Belastung.

Auf einzelne betroffene Hausbesitzer heruntergerechnet, zieht das Ausmaß der Schäden exponentiell an. Früher habe man in den Kellern Erdäpfel und Kohlen gelagert, heute stünden dort Fitnessgeräte und EDV-Anlagen, seufzt Erik Eybl, der die Schadensabteilung der Generali leitet. Er übt zudem harte Kritik an Gemeinden: Da würden Bürgermeister riskante Gebiete nach wie vor unter finanziellem Druck voreilig in Baugrund umwidmen.

Wem eine saure Wiese billig angeboten werde, der sollte misstrauisch sein, meint Reisinger; ein Fertigteilhaus, das sich "wie ein Schwamm ansauge" , sei hier wenig gut platziert. Alles in allem hätten die Österreicher aber ihre Lehren aus der Katastrophe von 2002 gezogen. "Wien und die Wachau haben ihre Schutzmaßnahmen verbessert."

Gemeindebund will nicht säumig sein

Der Gemeindebund gibt sich ob der Vorwürfe, bei baulichen Vorkehrungen weiter säumig zu sein und Bauland zu leichtfertig zu vergeben, empört. "Kein Bürgermeister spaziert durch sein Dorf, sieht drei Wiesen und widmet sie um" , sagt Gemeindesprecher Daniel Kosak. Die Kritik sei platt und impliziere den Vorwurf eines Gesetzesbruchs. Dass etliche Schutzmaßnahmen noch nicht umgesetzt seien, stimme. So ein Damm ließe sich aber nicht ohne weiteres bauen. Es brauche langwierige Genehmigungen, und da sei auch noch die Frage der Finanzierung. In vielen Gemeindekassen klaffen tiefe Löcher.

Mit häufigeren Schäden aus Naturkatastrophen leben lernen müssen Private wie Unternehmer. Auf das Hochwasser 2002 folgte schwerer Hagel im Jahr darauf, 2005 hieß es erneut Land unter. 2006 sorgten Schneemassen für enormen Druck. Die Jahre 2007 und 2008 wiederum waren von Stürmen gebeutelt.

Der Ruf nach dem Staat

Die Intensität der Katastrophen und die damit verbundenen finanziellen Belastungen steigen, daran gebe es keinen Zweifel, resümiert Rémi Vrignaud, Leiter der Allianz-Versicherungstechnik. Rückversicherer stärkten Versicherern zwar den Rücken. Auf Dauer werde es ohne den Staat aber nicht gehen.

Regelmäßig mit der Flut kommt daher die Debatte rund um die gesetzliche Pflichtversicherung auf. Es brauche größere Kollektive, Katastrophenpools, meint Eybl. Einzelne Landstriche wie etwa an der Donau seien sonst nicht mehr versicherbar. Gespräche mit der Politik über Risikogemeinschaften und Gefahrenbündelung seien jedoch stets versandet, klagt der Verband.

Generell genießt Versicherungsschutz nur, wer selbst mit anpackt. Der Gefahr untätig zu harren, spiele es nicht, warnt die Arbeiterkammer. Sei diese im Verzug, gebiete es die Sorgfaltspflicht, Vorkehrungen zu treffen. Wer sein Kellerfenster offen lässt, handelt fahrlässig. (Verena Kainrath, DER STANDARD; Print-Ausgabe, 27.6.2009)

 

Share if you care.