Der Schlamm und die schlechte Nachred'

25. Juni 2009, 17:38
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Sonnenschein begleitete die ersten Aufräumarbeiten, doch so mancher Geschädigte ärgerte sich am Donnerstag nicht nur über die Naturgewalten

Wieselburg - Werner Roher kommt nicht einmal dazu, einen Satz zu vollenden. Seit Mittwochfrüh das Gelände der Wieselburger Messe, deren Geschäftsführer Roher ist, nahezu völlig überschwemmt wurde, stehen die Telefone nicht mehr still. Wo Bundesheer und Feuerwehr noch kubikmeterweise Schlamm wegschaufeln müssen, soll ab Dienstag die "Inter Agrar" stattfinden, eine Landwirtschaftsmesse mit hunderttausenden Besuchern inklusive großem Volksfest.

Während Roher also aufgeregten Ausstellern versichert, dass die Messe planmäßig stattfinden wird und Getränke für die Helfer organisiert, ereilen ihn immer wieder Anrufe aus der unmittelbaren Nachbarschaft. Ein Reporter der ZIB 2 war am Mittwochabend live aus der Mostviertler Kleinstadt zugeschaltet; der Bau des Messezentrums, sagte er, werde in Wieselburg immer wieder als Grund für das Hochwasser genannt.

"Man ist irgendwie machtlos"

Hätte der ORF ihn befragt, sagt der Messe-Geschäftsführer, dann hätte er erklären können, dass die Messe erst 2007, nach dem letzten großen Hochwasser in der Region, 100.000 Euro in Retensionsflächen investiert habe. "Aber so ist man irgendwie machtlos" , sagt Roher kopfschüttelnd und kalmiert den nächsten Anrufer.

Jede Brücke und jede Halle auf dem Gelände, das direkt am Zusammenfluss von großer und kleiner Erlauf liegt, sei für ein 100-jähriges Hochwasser ausgerichtet. Mit den Erlauf-Fluten, die in nur wenigen Stunden das Chaos eines 130-jährlichen Hochwassers anrichteten, konnte niemand rechnen. Man müsse nun eben in neue Schutzmaßnahmen investieren, auch wenn das wertvollen Ausstellungsplatz koste. "Der Praxistest für unseren Hochwasserschutz ist leider zu einem denkbar ungünstigen Zeitpunkt gekommen" , meint Roher, der aber für die bevorstehende Messe schon wieder optimistisch ist: "Ich hoffe, wir sehen uns am Dienstag beim Bieranstich" , sagt er zum Abschied.

Einige Kilometer weiter südlich, in der Feuerwehrzentrale der Bezirkshauptstadt Scheibbs, ist am Tag eins nach dem großen Hochwasser schon wieder Ruhe eingekehrt. Der Geruch der Uniformen im Zeugraum und die vollen Aschenbecher in der Einsatzzentrale lassen erahnen, was hier in den letzten 48 Stunden los war.

Ein Hochwasser ist in der Stadt an sich nichts Ungewöhnliches. Aufgrund der enormen Regenmengen schoss das Wasser aber von den Bergen herab, die Scheibbs umgeben. Häuser in bester Hanglage wurden plötzlich überflutet, die Feuerwehrmänner sollten überall gleichzeitig sein. Dabei ist unter ihnen kein einziger Berufs-Feuerlöscher. "Manche haben sich Urlaub genommen, manche haben die ganze Nacht Keller ausgepumpt und sind dann am Morgen in die Arbeit gefahren" , erzählt der Presseverantwortliche Lukas Hürner. Die Freiwilligen haben ganze Arbeit geleistet, abgesehen von ein paar abgeknickten Ästen und verdreckten Straßen sind die Spuren der Naturkatastrophe praktisch beseitigt.

Im Mostviertel schien am Donnerstagnachmittag schon wieder die Sonne, und auch in Oberösterreich und in der Steiermark entspannte sich die Lage im Lauf des Tages zusehends. Im oststeirischen Hatzendorf, wo am Mittwochabend dutzende Menschen aus ihren Häusern flüchten mussten, floss das Wasser "beinahe so schnell ab, wie es gekommen ist" , sagte ein Feuerwehrmann.

Ähnlich verhielt es sich im südsteirischen Gosdorf, wo in der Nacht auf Donnerstag die Dämme brachen - wegen Bächen, die sonst im Sommer sogar austrocknen. "Wir sind von Haus zu Haus gegangen und haben Leute geweckt, die gar nicht gemerkt haben, dass das Wasser bereits in ihre Häuser eingedrungen ist" , schilderte Bürgermeister Anton Vukan.

Kritisch blieb Lage im Südburgenland, wo am Donnerstag auch erstmals das Bundesheer für Aufräumarbeiten angefordert wurde. Österreichweit waren über 650 Soldaten im Einsatz. Rasche Hilfe versprach auch Landwirtschaftsminister Niki Berlakovich (ÖVP). Laut ersten Schätzungen betrage der Finanzbedarf für Reparaturen und neuen Hochwasserschutz fünf Millionen Euro. Der Bund werde dazu "seinen Beitrag leisten" , stellte Berlakovich in Aussicht.

Flut in Tschechien und Polen


Das Hochwasser-Problem verlagerte sich am Donnerstag nach Tschechien und Polen. Im Osten und Norden Tschechiens ertranken fünf Menschen in den Fluten, vier weitere starben, weil medizinische Hilfe nicht zu ihnen vordrang. Besonders betroffen war der Ort Jeseník nad Odru, wo mehrere Häuser von der Flut weggerissen wurden. Auch in Südpolen sind ganze Ortschaften überschwemmt, manche nur aus der Luft erreichbar. Verursacht wurden die Fluten durch die ungewöhnlich lang andauernden Regenfälle der letzten Tage. (Andrea Heigl, DER STANDARD - Printausgabe, 26. Juni 2009)

  • Soldaten transportieren in Wieselburg den Schlamm dorthin zurück, wo er
hergekommen ist:in die Erlauf. Hunderttausende Besucher sollen nächste
Woche das Messegelände stürmen.
    foto: standard/christian fischer

    Soldaten transportieren in Wieselburg den Schlamm dorthin zurück, wo er hergekommen ist:in die Erlauf. Hunderttausende Besucher sollen nächste Woche das Messegelände stürmen.

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