Männer müssen künftig um Gehälter zittern

25. Juni 2009, 18:47
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Unterbezahlte Frauen, Firma ertappt: Bisher wurden in solchen Fällen ihre Gehälter an jene der Herren angepasst - In Krisenzeiten könnte sich das jetzt ändern, meint Ingrid Nikolay-Leitner

Wien – Die meisten Frauen kommen durch Zufall drauf. Etwa, wenn ihnen ein männlicher Kollege eines Tages von seinem Gehalt erzählt. Oder so wie vor ein paar Jahren in einem heimischen Transportunternehmen: Dort bekamen die weiblichen Angestellten plötzlich spitz, dass die Arbeitsverträge der Männer zwei Seiten umfassten, während ihre eigenen auf einem einzigen Blatt Papier festgehalten waren. Auf Seite zwei der männlichen Verträge waren die Anrechte auf Prämien aufgelistet, in deren Genuss keine der Frauen bis dahin gekommen war.

In Fällen wie diesen tut sich die Gleichbehandlungsanwaltschaft leichter, bei Unternehmern und Chefs einzuschreiten – weil die Diskriminierung schwarz auf weiß nachweisbar ist. Seit sich Frauenministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) für Gehältertransparenz in Firmen und Strafen bei Unterbezahlung von Frauen starkmacht, wird in den Betrieben, Büros und Kantinen des Landes lebhaft diskutiert und mitunter sogar wild darüber gestritten: Wie das überhaupt umgesetzt werden könne? Nicht wenige Männer zittern da sogar schon um ihre Löhne, weil sie befürchten, dass ihnen bald zugunsten der Kolleginnen etwas weggenommen wird.

Hunderte Beschwerden

Fakt ist jedenfalls: Dass Frauen in Österreich bis heute um ein gutes Viertel weniger als Männer verdienen. Damit liegt unser Land EU-weit an vorletzter Stelle, was die Einkommensgerechtigkeit betrifft. Und Fakt ist auch: Dass schon seit 18 Jahren, also seit 1991, die Gleichbehandlungsanwaltschaft daran arbeitet, mangelnde Fairness bei der Entlohnung zu beseitigen. Knapp 200 Beschwerden werden Jahr um Jahr an die staatliche Einrichtung herangetragen, nur ein bis zwei Fälle enden tatsächlich vor Gericht, bilanziert Gleichbehandlungsanwältin Ingrid Nikolay-Leitner im Gespräch mit dem Standard.

Kriegt eine weibliche Arbeitnehmerin mit, dass sie für ihren Job schlechter entlohnt wird als ihre männlichen Kollegen, und kann sie dies auch belegen, gibt es neben Gang zum Kadi weitere Wege, wie ihr geholfen werden kann. Bei der sogenannten "informellen Verhandlung" nimmt die Gleichbehandlungsanwaltschaft zunächst vertraulichen Kontakt zur/m Arbeitnehmer/in auf und bittet ihr/n um eine Stellungnahme, wie sie/er es mit der Gehälterdiskriminierung weiter halten will. "Oft wird auch mit Unterstützung des Betriebsrates entschieden, was weiter passieren soll", erzählt Nikolay-Leitner.

Häufig angewandt werde auch ein "Kommissionsverfahren", mithilfe dessen "objektiv geprüft" werden könne, ob der Arbeitgeber das Gesetz einhält. Eine genaue Statistik darüber, wie viele Streitfälle zugunsten der Frauen entschieden werden, hat die Gleichbehandlungsanwaltschaft noch nicht erstellt.

Nur soviel verrät Nikolay-Leitner ob der Sorgen männlichen Arbeitnehmer: Um unterbezahlte Frauen von monetären Forderungen abzuhalten, "drohen Unternehmer bei Verhandlungen tatsächlich immer wieder", auch die Männer im Betrieb – quasi als Ausgleich – "schlechter zu bezahlen. Bisher war es aber immer noch so, dass keine Gehälter reduziert sondern die der Beschwerdeführerinnen nach oben angeglichen wurden", weiß die Expertin. Ob sie garantieren könne, dass dies auch in den Krisenzeiten so gehandhabt werde, in denen Unternehmer möglicherweise zusätzlich ins Trudeln geraten, wenn sie plötzlich einige weibliche Gehälter an jene der Herren anpassen müssten? "Natürlich könnte die Krise dabei künftig eine Rolle spielen, dass sich da etwas ändert."

Bis es jedoch soweit ist, verweist die Gleichbehandlungsanwältin lieber auf das schwedische Modell als Vorbild: 1991 führten die SkandinavierInnen die Verpflichtung zur Gehältertransparenz ein, erst 2003, also zwölf Jahre später, wurden die ersten Firmen sanktioniert, weil sie Frauen für die gleiche Arbeit mieser bezahlten als Männer.

Das heimische Transportunternehmen übrigens, in dem vier weibliche Angestellte bei einem gerichtlichen Vergleich glaubhaft machen konnten, dass sie um Premien geprellt wurden, musste letztlich empfindlich hohe Beträge an seine Mitarbeiterinnen nachzahlen – nämlich zwischen 3500 und 6700 Euro. Parallel dazu stellte die Firma damals ihr Lohnsystem um. Seit jedoch eine Mitarbeiterin neuerlich ihr vorenthaltene Prämien einklagen wollte, hat die Firma ihr hauseigenes Gehälterkonzept wieder verschleiert. (Nina Weißensteiner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 26.6.2009)

 

 

  • Gleichbehandlungsanwältin Nikolay-Leitner: "Unternehmer drohen bei
Verhandlungen immer wieder, auch die Männer schlechter zu bezahlen."
Das könnte bei Diskriminierung bald Realität werden.
    foto: hendrich

    Gleichbehandlungsanwältin Nikolay-Leitner: "Unternehmer drohen bei Verhandlungen immer wieder, auch die Männer schlechter zu bezahlen." Das könnte bei Diskriminierung bald Realität werden.

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