Vor US-Rückzug aus Städten

25. Juni 2009, 17:18
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Wenige Tage, bevor sich die US-Armee aus Städten und Dörfern zurückziehen soll, erlebt der Irak eine Gewalteskalation

Vieles weist auf ein Wiederaufleben der Aktivitäten von Al-Kaida hin.

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Sie werden Klebebomben genannt. Sprengsätze, die unter ein Auto oder einen Lastwagen geklebt und per Fernzünder zur Explosion gebracht werden. Nach Sprengstoff in Plastiktüten und Einkaufstaschen, Gürtel, die um den Bauch geschnallt werden, Sprengsätze am Straßenrand, ist dies momentan die Waffe, die am häufigsten bei Anschlägen im Irak zum Einsatz kommt.

Fünf Bomben am Montag in Bagdad, die in unterschiedlichen Vierteln explodierten, und der Sprengsatz auf dem Markt in Sadr-City am Mittwochabend - der mindestens 72 Menschen tötete - waren Klebebomben. Seit Monaten sieht man überall im Land Autobesitzer zuerst einen Spiegel unter ihr Fahrzeug schieben, bevor sie einsteigen. Viele Sprengsätze konnten so entdeckt und entschärft werden.

Auffallend an den Anschlägen der letzten Tage, die fast 200 Menschen das Leben kosteten, ist, dass sie fast alle in mehrheitlich schiitischen Vierteln stattfanden. Auch der Anschlag in der Nähe von Kirkuk am Sonntag, bei dem über 70 Menschen starben, war gegen ein schiitisches Dorf gerichtet. Die Überzeugung drängt sich auf, dass hier sektiererisches Blutvergießen provoziert werden soll, wie schon vor zwei und drei Jahren, als der Irak am Rande eines Bürgerkriegs stand und das Gemetzel zwischen Sunniten und Schiiten bis dahin ungekannte Ausmaße annahm.

Vor diesem Hintergrund ist die Handschrift der neuerlichen Anschläge daher leicht zu erkennen. Sunnitische Terrorgruppen wie Al-Kaida, Ansar al-Sunna oder islamischer Jihad wenden derartige Methoden an. Ihr Ziel ist es Chaos zu schaffen, damit in dem dadurch entstehenden Machtvakuum ein islamisch-fundamentalistisches Regime Fuß fassen kann.
Allerdings ist dies ohne Basis und eine gewisse Verankerung in der Bevölkerung nicht zu realisieren. Es steht deshalb zu befürchten, dass vereinzelt auch wieder sunnitische Stammesführer übergelaufen sind, die vor drei Jahren einen Pakt mit den USA gegen Al-Kaida schlossen. Je intensiver sich die Stammesführer im Anti-Terror-Kampf engagierten, desto stabiler wurde die Sicherheitslage.

Längst geben auch verantwortliche US-Militärs zu, dass nicht der „Surge", die Aufstockung der US Truppen, sondern vor allem die Zusammenarbeit mit den Stämmen und den von ihnen gegründeten „Erweckungsräten" (Sahwat) und deren Kämpfern eine Verbesserung der Sicherheitslage gebracht hat.

Unzufriedene Stämme

Durch den bevorstehenden Rückzug der US-Soldaten aus den Städten am kommenden Dienstag, ist die Verantwortung für das Bündnis mit den Stämmen schon im Jänner in die Hand der irakischen Regierung gelegt worden. Der US-Wunsch war, dass die Stammesmilizen in die Sicherheitskräfte integriert werden sollen. Tatsächlich aber haben bis heute nur etwa zehn Prozent der Stammeskämpfer einen Platz in der Armee oder Polizei gefunden.
Die anderen sind seit Monaten ohne Bezahlung. Das schafft Unmut. Die Regierung hat dies nun erkannt und versprochen, in Kürze die ausstehenden Gehälter zu bezahlen. Sonst könnte aus dem blutigen Denkzettel der letzten Tage ein bleibender Moment werden.
Auch am Donnerstag starben wieder sieben Menschen bei Attentaten. Vizepräsident Tarik al-Hashimi zeigte sich überzeugt, dass das Ziel der Attentäter sei, den Abzug der US-Truppen aus den Städten zu sabotieren. (Birgit Svensson aus Bagdad, DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2009)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Einer der mindestens 72 Toten wird aus Sadr City, einem schiitischen Viertel in Bagdad, abtransportiert.

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