Dresden wurde der Welterbe-Titel aberkannt

25. Juni 2009, 20:33
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Unesco entschied, dass Bau von vierspuriger Autobrücke die Kulturlandschaft zerstöre

Sevilla/Dresden - Dresden darf sich nicht länger mit dem begehrten Titel "Welterbe" schmücken. Die UN-Kulturorganisation Unesco entzog am Donnerstag wegen des Baus der Waldschlösschenbrücke im Dresdner Elbtal den erst 2004 verliehenen Titel, wie der Sprecher der deutschen Unesco-Kommission, Dieter Offerhäußer, mitteilte.

Das Welterbekomitee der Unesco entschied in Sevilla, dass die vierspurige Autobrücke in Sichtweite der historischen Innenstadt die Kulturlandschaft mit ihren Flussauen an einem sensiblen Punkt irreversibel zerschneide. Es ist erst das zweite Mal in der Geschichte der Unesco, dass sie einer Welterbestätte diese Bezeichnung wieder streicht. 2007 hatte der Oman wegen der Verkleinerung eines Naturschutzgebietes den Titel verloren.

Um den Bau der Waldschlösschenbrücke, mit dem im November 2007 begonnen wurde, gibt es in Politik und Öffentlichkeit heftige Auseinandersetzungen. Eine breite Mehrheit der Bürger der Stadt stimmte allerdings in einem Entscheid für den Brückenbau und hält jüngsten Umfragen zufolge den Titel mehrheitlich für entbehrlich.

Dresden hatte das Gütesiegel 2004 für rund 18 Flusskilometer erhalten. Die Elbe schlängelt sich durch breite Wiesen und die Dresdner Innenstadt. Zu sehen sind vom Fluss aus unter anderem die Semper-Oper, die Frauenkirche und der Zwinger. Auf diese und andere Gebäude, auf Kunstsammlungen, Gärten- und Landschaftsgestaltungen, die meist ihre Wurzeln im 18. und 19. Jahrhundert haben, beruhte der Titel Weltkulturerbe.

Förderungen gestrichen

Die Aberkennung hat auch finanzielle Folgen: Dresden erhält kein Geld mehr aus einem 150 Millionen Euro schweren Unesco-Förderprogramm für deutsche Welterbestätten.

Eine von Bauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) einberufene Expertenkommission sieht wegen des Titelentzugs keine Grundlage mehr für die Finanzhilfe. Weitere wirtschaftliche Folgen dürften eintreten, falls infolge des Unesco-Beschlusses weniger Touristen nach Dresden kommen. (Reuters/ DER STANDARD, Printausgabe, 26.6.2009)

 

Chronologie: Streit um die Waldschlößchenbrücke

15. August 1996: Stadtrat beschließt den Bau einer weiteren Elbbrücke

29. November 2000: Erster symbolischer Spatenstich

2. Juli 2004: UNESCO nimmt Dresdner Elbtal ins Welterbe auf

8. September: Neuer Stadtrat friert Projekt-Finanzierung ein

27. Februar 2005: Bei Bürgerentscheid stimmen 67,9 Prozent für Brücke

11. Juli 2006: UNESCO setzt Elbtal auf die "Rote Liste" des gefährdeten Welterbes, damit droht die Aberkennung

10. August: Stadtrat stimmt gegen Baubeginn und für Titel-Erhalt

14. August: Regierungspräsidium ordnet Baubeginn an, Klagen folgen

6. Juni: Bundesverfassungsgericht schmettert Beschwerde und Eilantrag der Stadt gegen Brückenbau ab

14. Juni: Regierungspräsidium ordnet Vergabe der Bauaufträge an

25. Juni: Welterbe-Komitee setzt eine Gnadenfrist bis zum 1. Oktober

19. November 2007: Baubeginn

28. Jänner 2008: Modifizierte Waldschlößchenbrücke wird vorgestellt

10. März: UNESCO-Gutachter empfehlen Tunnel statt Brücke

April: Stadtverwaltung kippt Bürgerbegehren mit ihren Vetos

10. Mai: UNESCO fordert Baustopp und neuen Bürgerentscheid

12. Juni: Regierungspräsidium erklärt Bürgerentscheid für unzulässig

3. Juli: UNESCO fordert einen Tunnel, sonst erfolge Aberkennung 2009

5. Juli: Bund signalisiert finanzielle Hilfe für Tunnel statt Brücke

16. September: Verwaltungsgericht lehnt Antrag auf Baustopp ab

30. Oktober: Verwaltungsgericht erteilt Tunnel eine Absage

16. Jänner 2009: Stadt avisiert Fertigstellung der Brücke für 2011

Mitte Mai: UNESCO-Welterbezentrum in Paris empfiehlt Mitgliedern des Welterbe-Komitees die Titel-Aberkennung für das Dresdner Elbtal

13. Juni: Dresden bekommt kein Geld mehr aus Welterbe-Fördertopf

25. Juni: UNESCO erkennt Elbtal den Welterbe-Titel ab (APA/dpa)

 

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