Philipp Weiss aß seinen Text auf

25. Juni 2009, 14:18
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Aktionismus, dann doch lebhafte Debatten und noch keine klaren Favoriten am ersten Lesetag

Klagenfurt - Philipp Weiss hat am ersten Tag des Wettlesens um den Ingeborg-Bachmann-Preis im Klagenfurter ORF-Theater für eine Überraschung gesorgt. Nach der Lesung seines Textes verspeiste der Wiener Autor diesen mit der Begründung, es sei "notwendiger Bestandteil des Textes". Ansonsten war der erste Tag geprägt von Lesungen auf durchaus hohem Niveau, die neu zusammengesetzte Jury lieferte sich nach Anlaufproblemen hitzige Debatten und Clarissa Stadler überraschte als durchaus aktive und ihre Meinung artikulierende Moderatorin. Favoriten für den Bachmann-Preis drängten sich bei den ersten Lesungen noch nicht wirklich auf.

Philipp Weiss las "Blätterliebe", einen Text um einen Autor, der sich am Ende sein mühsam abgerungenes Werk einverleibt, indem er es aufisst. Er begibt sich wegen undefinierbarer Schmerzen ins Spital, wo der Arzt bei einer Magenspiegelung feststellt, dass er einen Blätterhaufen in seinem Inneren trage. Mit stark repetitiven Elementen eignet sich die Erzählung ausgezeichnet zum Vortragen, über den Inhalt waren die Juroren uneins. Während Alain Claude Sulzer Vergnügen empfand, zeigte sich Ijoma Mangold "genervt". Karin Fleischanderl, neue Jurorin, die Weiss nominiert hatte, fand "Originalität und Neuartigkeit, während Paul Jandl feststellte: "Nichts ist so anstrengend wie Humor, den man nicht teilt."

Vor Weiss hatte der Schweizer Lorenz Langenegger den Auftakt gemacht, seine Erzählung "Der Mann mit der Uhr" erhielt freundliche, aber eher lauwarme Reaktionen. Juryvorsitzender Burkhard Spinnen bemängelte, dass ihm alles viel zu bekannt sei, der Text gleiche einer Etüde. Langenegger erzählt von Viktor, der jeden Tag Stunden auf einer Parkbank eines Friedhofs verbringt. Eines Tages wird er von einem Mann angesprochen, der gerade darauf wartet, was in der Firma über seine berufliche Zukunft entschieden wird. Er redet viel und schnell und als er den erlösenden Anruf erhält, lässt er Viktor links liegen, der traurig zurückbleibt.

Humor brachte Karsten Krampitz mit dem Vortrag seines Textes "Heimgehen" in den Wettbewerb. Eingebettet in diese Geschichte ist die Problematik der Stasi und der "inoffiziellen Mitarbeiter" in der DDR. Ausgangspunkt ist eine offensichtliche Selbstverbrennung, für die ein angeblicher Ex-Spitzel verantwortlich sein soll. Dieser wird Jahrzehnte später interviewt und erzählt von seinem Opfer, einem Alkoholiker, der über die Kirche wieder trocken wird. Stadler wollte Krampitz einen Preis in der Kategorie "Charmanter Vortrag" zuerkennen. Die Jury war sehr gespalten. Meike Feßmann und Paul Jandl übten scharfe Kritik, Hildegard Keller war von der emotionalen und sachlichen Nähe des Textes überzeugt. Ungewöhnlich im Wettbewerb: Der Autor meldete sich in der Diskussion zu Wort.

Kontrovers ging es auch nach der Pause weiter. Der Schweizer Bruno Preisendörfer beschrieb die Befindlichkeit eines Therapeuten, der den "Fifty Blues" hat und sich mit Schuldgefühlen herumschlägt. Mangold sah einen "moralischen Blues" ob des Zustands der Welt, Fleischanderl wieder ortete "Spassettl'n und Klischees" en masse.

Christiane Neudecker machte den Abschluss, sie erzählte in "Wo viel Licht ist" von einem Softwarekünstler, der nach Hongkong fliegt, um eine Performance mit seiner Computerkunst zu bereichern. Im Lauf der Arbeit bemerkt er, dass sich sein eigener Schatten selbstständig macht, bis am Ende der Erzähler der Schatten ist, der seinem Körper voraus ist. Sulzer gab sich erfreut darüber, dass das Genre der Horrorgeschichte auch einmal in Klagenfurt auftauche, Jandl freute sich über "hohe erzählerische Ökonomie", Fleischanderl wiederum fehlte "die Spur des Mysteriums". Spinnen wollte "nach zwei Seiten" gewusst haben, wie es ausgehen werde.

Am Freitag liest die Österreicherin Linda Stift als erste, nach ihr ist Ralf Bönt dran, gefolgt vom in Barcelona lebenden Schweizer Karl Gustav Ruch. Es folgt Jens Petersen, den Abschluss macht Andreas Schäfer. (APA)

 

 

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