"Kein besorgniserregender Zustand, aber Pflege nötig"

25. Juni 2009, 14:45
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Erster Nationaler Bildungsbericht "differenzierte Diagnose der Situation des Schulwesens"

Wien - "Der Patient ist in keinem wirklich besorgniserregenden Zustand, es gibt aber Bereiche, die der Zuwendung und Pflege bedürfen." Diese Diagnose stellte der Herausgeber des ersten "Nationalen Bildungsberichts" (NBB), Werner Specht, vom Bundesinstitut für Bildungsforschung (BIFIE) bei der Präsentation des 700-seitigen Werks Mittwoch Abend im Klub der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten in Wien. So liegt Österreich etwa bei der Zahl der frühen Schulabgänger mit maximal Pflichtschulabschluss im europäischen Vergleich sehr gut, allerdings steigt deren Anteil seit 2004 wieder an.

Für den Bildungswissenschafter Specht ist der NBB eine "differenzierte Diagnose der Situation des Schulwesens" und ein "Versuch, einer evidenzbasierten Bildungspolitik einen Schritt näher zu kommen". Als Bereiche, die der Pflege bedürfen, nannte Specht die Gesamtsituation der Schule der Zehn- bis 14Jährigen und die starke Abhängigkeit des Schulerfolgs von der sozialen Herkunft. So würden etwa die Zugangschancen zu höheren Schulen bei Kindern, deren Eltern eine Hochschule abgeschlossen haben, um das 25- bis 30-fache höher liegen als von Kindern, deren Eltern nur Pflichtschulbildung haben. Probleme in der Hauptschule und AHS-Unterstufe seien die frühe Auslese, die Tendenz zur Bildung von "Restschulen" und "Restklassen", eine ausgeprägte Chancenungleichheit, nachteilige Begleitfolgen der Leistungsgruppen, die Entstehung von Risikogruppen, etc.

Zu wenig Wissen über Schulsystem

In einem Punkt waren sich die Autoren des Berichts einig: "Wir wissen noch viel zu wenig über die österreichische Schule", so Mitautorin Christiane Spiel, Bildungspsychologin an der Uni Wien, das Schulsystem sei "unglaublich heterogen" und komplex. Einzelne Maßnahmen würden kaum Verbesserungen bringen, betonte Mitautor Martin Hartmann vom Institut für Schulforschung an der Uni Innsbruck, es brauche ein paralleles Vorgehen in vielen Bereichen - ein Befund, der auch von Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ) geteilt wird.

Ein Bereich, wo man noch viel zu wenig wisse, sind die Lehrer. So haben die Wissenschafter etwa nicht erheben können, wie viele fachfremde Lehrer im Bereich Naturwissenschaft unterrichten, betonte Konrad Krainer vom Institut für Unterrichts- und Schulentwicklung der Uni Klagenfurt. Die Kompetenz von Lehrkräften sei aber ein entscheidender Faktor für das Interesse und die Freude der Schüler an Gegenständen wie Chemie, Physik, Mathematik, etc, - ein Bereich, in dem Österreich bei PISA Schlusslicht ist und der sicher auch Auswirkungen auf das nur durchschnittliche Abschneiden Österreichs in Mathematik und Naturwissenschaften bei PISA hat.

In Deutschland würde es einen hohen Anteil an fachfremden Lehrkräften geben, "Rückmeldungen einzelner Landesschulräte deuten darauf hin, dass es in Österreich ähnlich wie in Deutschland aussieht", so Krainer. Im Zusammenhang mit fachfremden Lehrern könnte ein weiterer PISA-Befund stehen - dass Österreich Schlusslicht bei der Unterstützung der Schüler durch Lehrer ist. "Lehrer, die sich unter Druck fühlen, geben den Druck an Schüler weiter", sagte Krainer.

Kritik kam von den Experten auch von der in den vergangenen Jahren vernachlässigten Fachdidaktik an den Unis. In Deutschland gebe es etwa 80 Professuren für mathematische Fachdidaktik in der Grundschule, in Österreich keine. "Jahrzehntelang wurden jene zu Fachdidaktikern, die in ihrem Fach nicht top waren - und die haben die Lehrer ausgebildet", sagte Spiel.

Der nächste Bericht soll in drei Jahren erscheinen, wobei man sich dabei thematisch auf Schwerpunkte der Bildungspolitik fokussieren will. Für Schmied ist der NBB eine wesentliche Grundlage für die bildungspolitische Arbeit und ein Schritt zu einer Versachlichung der bildungspolitischen Diskussion. Sie wünscht sich eine breite politische Debatte darüber. Im Parlament wurde dafür beim gestrigen Unterrichtsausschuss ein eigener Unterausschuss gebildet, in dem der Bericht im Herbst erörtert werden soll. Für Specht wäre der NBB ein Erfolg, "wenn wir in ein paar Jahren feststellen könnten, dass der bildungspolitische Diskurs differenzierter geworden ist und sich versachlicht hat". (APA)

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