Die "unterernährte Katze im Sack"

25. Juni 2009, 15:11
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Lebensversicherungen versprechen viel, am Ende bleibt oft wenig über - Von einer gar wundersamen Geld-Verminderung

Wien - "Lebensversicherungen sind ein Renner", erklärt Franz Floss, Geschäftsführer des Vereins für Konsumenteninformation (VKI) bei einer Pressekonferenz am Donnerstag. Die Zahlen geben ihm Recht: Derzeit gibt es nach Angaben des VKI rund sechs Millionen bestehende Verträge, allein 2008 wurden 900.000 neue abgeschlossen.

Sind Lebensversicherungen also das klassische Veranlagungsprodukt? Nicht unbedingt, wenn man nach der jüngsten Testreihe des VKI geht. Für das Magazin "Konsument" überprüfte der VKI 18 ausgelaufene Verträge, darunter Er- und Ablebensversicherungen sowie reine Erlebensversicherungen, unterschiedlicher Versicherer. Das Ergebnis: Alle Versicherten erhielten weniger ausgezahlt, als ihnen zu Vertragsabschluss in Aussicht gestellt wurde. Absoluter Ausreißer nach unten: Statt den prognostizierten 98.000 Euro nach einer Laufzeit von 17 Jahren lag der tatsächliche Auszahlungsbetrag bei knapp über 47.000 Euro, eine Differenz von fast 52 Prozent. Bei den übrigen Verträgen siedeln sich die Weniger-Erträge im Durchschnitt bei 13 Prozent an.

Wie diese teils enormen Differenzen zustande kommen, erklärt Floss mit teils zu optimistischen Zukunftsperspektiven und einer intransparenten Kostenstruktur. "Man kauft oft die Katze im Sack. Und wenn man die Katze auspackt, merkt man, dass sie unterernährt ist", so Floss. Für eine Lebensversicherung fallen neben der Versicherungssteuer auch noch eine Vermittlungsprovision, Verwaltungskosten und ein nicht zu vernachlässigender Unterjährigkeitszuschlag bei monatlicher Zahlung an. "Bei einem Einzahlungsbetrag von 100 Euro bleiben so nur 85 Euro übrig, und nur die werden verzinst", erklärt die VKI-Versicherungsexpertin Gabi Kreindl. Die Angebote werden mit einer garantierten Verzinsung beworben - der bezieht sich aber immer nur auf den Sparanteil, dem Beispiel folgend also nur auf die 85 Euro. "Derzeit werden 2,25 Prozent auf den Sparanteil garantiert, daraus ergibt sich für neue Verträge eine Rendite von ungefähr 0,3 Prozent", so Kreindl weiter.

Mehr Transparenz

Der VKI fordert vor allem eines: Mehr Transparenz. Nur wenigen ist bewusst, dass die Vermittlungsprovision zu Beginn der Laufzeit bezahlt wird und folgt damit einer seit über hundert Jahren üblichen Praxis, dem so genannten Zillmerungs-Verfahren (benannt nach August Zillmer (1831-1893), einem deutschen Versicherungsmathematiker). Deswegen raten die VKI-Experten auch dezidiert davon ab, Lebensversicherungen vorzeitig und übereilt zu kündigen, da die Provision über die ersten fünf Jahre der Laufzeit fällig ist und somit den einbezahlten Betrag beträchtlich schmälert. Zeitgemäß seien diese Bedingungen nicht mehr, ist sich Kreindl sicher: "Eine größere Flexibilität bei Prämie und Laufzeit kann es nur über eine ungezillmerte Vergütung geben."

Auch der Unterjährigkeitszuschlag schmälert den Ertrag einer Lebensversicherung nicht unwesentlich. "Man könnte es so erklären: Der Beitrag wird zu Jahresbeginn fällig. Wer den Betrag nicht auf einmal zahlt, sondern in Monatsraten, erhält vom Versicherer quasi einen 'Kredit' und der kostet", so Kreindl. Ein Beispiel: Zahlt man statt 100 Euro monatlich 1.200 Euro jährlich, ergibt sich bei einer Laufzeit von 20 Jahren eine Ersparnis von 2.425 Euro.

In der Testreihe des VKI fehlten fast durchgehend Informationen zum Spar-, Risiko- und Kostenanteil. In dieser undurchsichtigen Form hält Floss Lebensversicherungen weder zur Veranlagung noch zur Altersvorsorge empfehlenswert. Eine Möglichkeit zu mehr Transparenz sieht Floss beispielsweise in einer "Kennzahl für Kosten, Rendite und Risiko". Die Konsumenten ganz aus der Verantwortung nehmen will man aber nicht: "Auch bei Lebensversicherungen müssen sich die Konsumenten genau anschauen, was sie erwerben und unterschreiben", fasst Floss zusammen. (rom, derStandard.at, 25.6.2009)

Link

"Konsument" sammelt die Erfahrungen von Konsumenten zu Lebensversicherungen.
www.konsument.at

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    Der VKI sieht bei Lebensversicherungen einen eklatanten Mangel an Transparenz: aus der "Katze im Sack" wird eine "unterernährte Katze im Sack". Die Differenzen zwischen prognostiziertem und tatsächlichem Auszahlungsbetrag sind teils enorm.

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