Träume ungelenker Bildträger

25. Juni 2009, 13:32
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Markus Schinwald in der Galerie Georg Kargl Fine Arts in Wien

SpongeBob ist so etwas wie der Inbegriff der Massenkompatibilität und globalen Verbreitung. Hatte Markus Schinwald im Winter im Kunsthaus Bregenz die Sitcom als populärkulturelles Display für seine Arbeiten gewählt, griff er diesmal in eine aus Hochkultur-Perspektive noch geringere Kategorie: zum hinlänglich bekannten und marketingtechnisch absolut ausgereizten Maskottchen Schwammkopf. In voller Absicht.

Zur Eröffnung bei schwülen Temperaturen wogten die appropriierten, zentnerschweren Schwämmchen wie ferngesteuert durch den Raum und trugen ihre Ölware wie ritterliche Schilde auf der Brust. Ein Ungelenksein, das zu den von Schinwald umgestylten Porträtgestalten des 19. Jahrhunderts auf ihren Vorderseiten passte: Figuren, die von mysteriösen Bartbinden und allerlei Prothesen und Zaumzeug ebenso in ihrer physischen wie wohl auch psychischen Bewegungsfreiheit gehemmt sind.

Schinwald, im Herbst mit einer Personale in der Kunsthalle Budapest, erzählt nicht nur die Geschichten unerfüllter Sehnsüchte mithilfe seiner beseelten Objekte weiter, sondern führt auch eine gelungene Debatte zum Kanon der Kunst, zu E- und U-Kultur, oder wenn man so will: zu Klassik und Pop. Auch die Idyllen löst Schinwald aus anderen Kontexten: Himmelsausschnitte aus alten Landschaftsgemälden bilden die Perspektive für "zerbröseltes" Chippendale-Mobiliar.

Chippendale ließ sich bei seinen Tisch- und Sesselbeinen von tierischen Hinterläufen animieren; es liegt also nicht fern, Menschliches an dem eingeknickten Stehwerkzeug zu erkennen, das auf einem Sockel elegant dargebracht wird. In der Blüte des viktorianischen Zeitalters waren Tisch- und Stuhlbeine sogar oft mit zarten Stoffen umhüllt, um die Ähnlichkeit zu weiblichen Formen vor dem männlichen Blick zu schützen.

Für edles Spitzengeklöppel hat Markus Schinwald in der kurzweiligen Schau jedoch keine Zeit: Er sucht die zarten Füßchen einfach mittels grober Säcke, verschnitten wie die Massenware der globalen Bekleidungsindustrie, zu verhüllen. Vergebens. (kafe/ DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2009)

 

Georg Kargl Fine Arts, Schleifmühlgasse 5, 1040 Wien.  Bis 14. 8. 

 

  • Schinwald lässt Chippendale-Füße knien.
    foto: galerie kargl

    Schinwald lässt Chippendale-Füße knien.

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