Kollektive Krisenintervention

25. Juni 2009, 12:59
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Claire Fontaine in der Galerie Gabriele Senn in Wien

Als Diebstahl, nicht als Aneignung oder Appropriation versteht das 2004 in Paris gegründete Künstlerkollektiv Claire Fontaine seine Vorgehensweise: Die Übernahme des Namens einer bekannten französischen Schulheftmarke war aber nur der erste Streich - die erste Wiener Ausstellung der Künstlergruppe in der Galerie Senn steckt ebenfalls voll krimineller Energie.

Die Galerie Senn wirkt ausgeräumt - wohl nicht ganz zufällig, hängt an der Wand doch ein Schlüsselbund, der mit Einbruchwerkzeug und Dietrichen vollgepackt ist. Zwei Anhänger in Form von Sisi und Kaiser Franz Joseph verorten die damit zu knackenden Schlösser in Wien, wo ihre Aufforderung zur "Umverteilung" von Eigentum gerade auf ganz andere, wenngleich nicht viel lauterere Überlegungen trifft.

Tatsächlich reagieren Claire Fontaine in der Ausstellung aber viel weniger auf die aktuelle Debatte in Wien als auf die weltweite Krise, in der sie aktives Handeln gegen passives Aussitzen setzen: Zentrale Ausstellungsstücke sind deswegen auch die beiden Recession Sculptures, mit denen man Wohnungsmieter zum Nachahmen animiert - denn es handelt sich dabei um zwei gewöhnliche Gas- bzw. Stromzählgeräte, die aufgrund nachvollziehbarer Manipulationen außer Kraft gesetzt wurden.

Claire Fontaine fordert damit aber nicht bloß dazu auf, die Stromrechnung zu umgehen; das Readymade-Kollektiv kommentiert auch die Einzigartigkeit der berühmten Fountain von Duchamp, wenn sie den Nachbau und die massive Verbreitung ihrer Skulpturen forciert.

Im Untergeschoß gehen zwei Neonarbeiten auf die italienische Feministin Carla Lonzi zurück, die in ihrem Buch Sputiamo su Hegel (dt.: Lass uns auf Hegel spucken) die Entwicklungslinien des männlichen und weiblichen Orgasmus schematisch dargestellt hat: Die Analogien zum Crash des Finanzmarkts sind unübersehbar; ganz unverhohlen wird überdies auch hier wieder Diebesgut präsentiert, denn für die beiden Neon Orgasms hat man sich ganz offensichtlich bei Bruce Nauman bedient. (cb/ DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2009)

 


Galerie Gabriele Senn, Schleifmühlgasse 1a, 1040 Wien.  Bis 1. 8.

  • Es braucht nicht viel für eine "Recession Sculpture".
    foto: galerie senn

    Es braucht nicht viel für eine "Recession Sculpture".

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