Wissenschaftliche Sorgfalt unter der Lupe

25. Juni 2009, 13:42
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Kommission für wissenschaftliche Integrität nimmt Arbeit auf - Fälle werden vertraulich untersucht

"Wissenschaftliches Fehlverhalten ist eine Tatsache, mit der man immer rechnen muss." Rektor Winckler von der Universität Wien weiß, wovon er spricht: Schließlich arbeiten 6000 WissenschafterInnen an seiner Uni, die laufend Forschungsergebnisse publizieren. Da käme es mitunter natürlich auch zu Falschangaben bei der Autorenschaft oder wissenschaftlich unkorrekten Veröffentlichungen.

Damit in Zukunft Fälle von wissenschaftlichem Fehlverhalten koordiniert und von unabhängigen Experten untersucht werden können, wurde nun eine Agentur für wissenschaftliche Integrität eingerichtet, die ihre Arbeit dieser Tage aufgenommen hat. "Wir haben ausschließlich Experten aus dem Ausland in der Kommission sitzen, um über Verdachtsmomente, die Netzwerke betreffen, erhaben sein zu können", betonte Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP). Hahn hofft, dass auch jene drei Universitäten, die bisher noch keine Zusammenarbeit mit der Agentur zugesagt haben, sich innerhalb des nächsten Jahres dazu entschließen.

Kommissionsmitglieder auch wissenschaftlich aktiv

FWF-Präsident Christoph Kratky zeigte sich erfreut über die "hochkarätige Besetzung" der Kommission, die über alle eingehenden Fälle beratet. Vorsitzende dieser Kommission, die Fehlverhalten überprüft aber kein Recht sprechen kann, ist Ulrike Beisiegel, Biowissenschafterin aus Deutschland. Weitere Mitglieder sind die Wissenschaftler Pieter C. Emmer, Paul Kleinhues, Gerhard Wegner und Peter Weingart. Der österreichische Universitätsprofessor Robert Rebhahn übernimmt die rechtliche Beratung, hat aber kein Stimmrecht. 

Ulrike Beisiegel, die auch an der Ombudsstelle der deutschen Forschungsgemeinschaft arbeitet, ist davon überzeugt, dass die Agentur kein zahnloses Instrument sein wird: "Es ist wichtig, dass alle Mitglieder der Kommission auch aktiv im Wissenschaftssystem arbeiten, damit uns der nötige Respekt entgegengebracht wird." Zumindest in Deutschland hätte diese Form der Kontrolle sich mittlerweile etabliert. "Nach 10 Jahren merken wir mittlerweile eine Bewusstseinsänderung an den Universitäten."

Vertrauliche Behandlung der Sachverhalte

An die Agentur können sich Universitäten und Personen, die im wissenschaftlichen Bereich tätig sind, wenden. Die Kommission kann aber auch selbst bei möglichen Missständen aktiv werden. Vertraulichkeit wird groß geschrieben. "Wir schützen natürlich unsere Informanten", betont Beisiegel. Ob auch anonymen Sachverhalten nachgegangen werde, hänge von den jeweiligen Sachverhalten ab.

Die Kommission untersucht mögliche Missstände (u.a.: Plagiate, Fälschung oder Erfindung von Datenmaterial, Behinderung der Forschung, Fragen der Autorenschaft und des geistigen Eigentums) und gibt Empfehlungen ab. Die Entscheidung über disziplinarrechtliche oder arbeitsrechtliche Konsequenzen verbleibt bei den Universitäten selbst. "Wir haben als Universität ein Interesse daran schwerwiegende Verstöße an die Kommission zu melden - schließlich geht es um unsere Glaubwürdigkeit", meinte Rektor Winckler auf die Frage, ob es für die Universitäten nicht bequemer sei, diese Dinge intern zu regeln.

Je mehr Fälle, desto besser

Die Kommission hat jedenfalls nicht vor bei Pressekonferenzen plagiierende Wissenschaftler an den Pranger zu stellen. Sie will jährlich Berichte über die Mängel und Entwicklungen des Forschungsverhaltens veröffentlichen. Beisiegel rechnet mit etwa zehn bis fünfzehn Fällen jährlich: "Wenn es mehr sind, dann ist das ein exzellentes Zeichen. Es zeigt, dass die wissenschaftliche Integrität ernstgenommen wird."

In den Blickwinkel der Untersuchungen können auch die Arbeiten von Studierenden geraten, so Beisiegel: "Wir müssen auch bei den jungen Leuten ansetzen. Man kann nicht davon ausgehen, dass wir viele große Fische, die sich im kriminellen Bereich bewegen, fangen werden."

Die Agentur finanziert sich übrigens über die Beiträge ihrer Mitglieder (Universitäten, Forschungsinstitutionen), die zwischen 7.000 und 28.000 Euro zahlen. (Teresa Eder/derStandard.at, 25.06.2009)

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    Ulrike Beisiegel hat den Vorsitz der Kommission inne und wird Fälle, in denen möglicherweise wissenschaftliches Fehlverhalten vorliegt, näher untersuchen.

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