Der Soundtrack für die Krise

25. Juni 2009, 10:57
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Unerhörtes dringt aus Südafrika an unsere Ohren - Eine Glosse

Es gibt ja kaum noch einen Film, von dem sie nicht in Chinatown von Kleinhaugsdorf gleich auch die Soundtrack-CD mitverscherbeln. Da ist es nur richtig und wichtig, dass jetzt auch der Film "Weltwirtschaftskrise" - ein teurer Katastrophenschinken mit grottenschlechter Besetzung und überraschendem Ausgang - seinen Soundtrack hat: die "Vuvuzelas".

Diese kleinen einfarbigen Tröt-Fanfaren, für die man tatsächlich leider nur den Plural verwenden kann, sorgen beim derzeit gerade in Südafrika stattfindenden Fußball-Confederations-Cup für einen anhaltenden, selbstgerechten Hintergrund-Lärm, der laut Information des Herstellers an das Herannahen einer Elefantenherde erinnern soll. Auch hierzulande fühlt man sich in einen archaischen Urzustand zurückversetzt, wenn einem beim Lauschen des Klangs der Tröten gedanklich ein Schwarm Hummeln um die Ohren saust; fallweise auch die Mitbewerber um den Grand Prix de Kinder-Gokart im Wiener Prater.

"Der Pavian wird von viel Lärm getötet", so heißt ein altes südafrikanisches Sprichwort, demzufolge dem Gegner "symbolisch" Angst eingejagt werden soll. Die Südafrikaner werden also schon wissen, weshalb sie sich auch auf dem Fußballplatz an dieses Sprichwort halten und diesen Lärm dort fabrizieren, aber er führt leider zu ebenfalls lauter werdenden Beschwerden von Kickern wie Kommentatoren. Man versteht nicht mehr, was die Mitspieler sagen oder - noch schlimmer - was der Trainer schreit, klagen sie. Auch Ohrenärzte melden bereits erste Bedenken an.

In Südafrika wehrt man sich heftig gegen die Anwürfe. Die Vuvuzelas seien ein traditionsreiches Musikgerät, betont man. "Vielleicht dient der Radau aber auch als Weckruf für die eigene Mannschaft", heißt es dazu etwas grüblerisch auf www.kapstadtmagazin.de. Nicht ganz einig ist man sich lediglich, woher das Wort "Vuvuzela" eigentlich stammt. In der Sprache der Zulu heißt "Vuvu" angeblich "Lärm machen", mit dem Zusatz "zela" wird daraus "konstant Lärm machen". Im südafrikanischen Township-Slang klingt das Wort aber auch so ähnlich wie die geläufige Bezeichnung für "Dusche".

Jetzt ist das Turnier in Südafrika zwar in ein paar Tagen zu Ende, aber echte Fans können trotzdem schon jetzt nicht mehr schlafen - was teilweise am aktuellen Lärm liegt, noch mehr aber an der Angst um die Fußball-Weltmeisterschaft im nächsten Jahr. Die im Vergleich zum Confed-Cup ungleich wichtigere WM steigt nämlich ebenfalls in Südafrika - wo der Exporthandel mit den Vuvuzelas noch dazu gerade so richtig ins Tröten kommt.

Deutschland ist zwar beim Confed-Cup gar nicht dabei, trotzdem hat sich jetzt eine deutsche Firma die Exklusiv-Rechte an der Tröte "für alle Länder der europäischen Union" gesichert. Und zwar nicht nur die exklusiven Import-, sondern auch ("Weckruf für die eigene Mannschaft!") die Produktionsrechte. Womit die sagenhafte Story vom strauchelnden Export-Kaiser Germany zur prosperierenden Import-Export-Kolonie Deutschland - Motto: "Lärm ist, was man trotzdem macht!" - nur noch niedergeschrieben werden muss.

Eines ist aber sicher: Die Krise fängt gerade erst an. (Martin Putschögl, derStandard.at, 25.6.2009)

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