Eine Stadt als Abenteuerspielplatz des Theaters

24. Juni 2009, 18:30
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Im Juli beginnt der zweite Teil des Linz-09-Festivals "Theaterlust": Für das vielfältige und lebendige Programm werden verschiedenste Schauplätze der Stadt zu Theaterspielstätten

Der Schneesturm in der Linzer Hafenhalle hat sich gelegt. Zu Jahresbeginn ging dort der erste Teil des Linz-09-Festivals Theaterlust über die Bühne - unter großem Publikumszuspruch. Ehe nun der zweite Teil für schweißtreibende Temperaturen in der Halle sorgt, geht man den Weg ins Freie. Selbst auf die Gefahr hin, dass man sich dabei einen Sonnenbrand zuzieht, wie der Titel suggeriert.

Unter freiem Himmel werden ab Ende Juli Theatererlebnisse geboten. Zum Auftakt sorgt der flämische Choreograf Wim Vandekeybus mit seiner Kompanie Ultima Vez für Tanz, den er auf der Freifläche des Ars Electronica Centers präsentieren wird. Im Skaterpark Urfahr sollte es ebenfalls ordentlich wirbeln. Regisseurin Cornelia Scheuer ließ sich vom hiesigen Rollstuhl-Rugby-Team inspirieren und entwickelte mit den Sportlern eine Performance. Unter der Voestbrücke bringt Brett Baileys Show House of the Holy Afro Gospel, House, Tanz und Slam-Poetry unter einen Hut, und die brasilianische Formation Membros zeigt ebenda ihre HipHop-Trilogie.

Mehr als nur Schauplätze sind die Spielorte weiterer Produktionen: Willi Dorners Above Under Inbetween verlegt das Tanzgeschehen in eine Privatwohnung und bricht damit die räumliche Intimität. Im Freiraum des Lentos wiederum verkehrt sich diese Vorgangsweise, wenn Jean Michel Bruyêre ein Internierungslager errichtet: Im Hof ist Issa Samb lediglich vom Lagerpersonal umgeben.

Das Innere nach außen kehrt Luk Perceval mit seinem Film Die verborgene Stadt. Auf die Außenwand des Limonistollens projiziert er seine Reise durch das dahinterliegende Tunnelsystem, das einst die Häftlinge des KZs Mauthausen gegraben hatten. Die Erinnerungen an reale Geschehnisse in den Stollen liefern dafür das Drehbuch.

Den Tour-Guide durch die Linzer Gegenwart gibt die Theaterkompanie Back to Back. In Kooperation mit sicht:wechsel entwickelte man Stadtführungen, die mit hiesigen Performern durchgeführt werden. Das australische Ensemble integrierte schon bei Theaterlust1 eine intime Geschichte überzeugend in das Getriebe eines Welser Einkaufszentrums.

Ein neuer Stadtplan entsteht

Mit dem Fahrrad lässt sich der Blick auf die Stadt anders erfahren, meint das Kollektiv Blast Theo-ry. Die Ars-Electronica-Preisträger bringen elektronische Gimmicks ins Spiel: Ein Minicomputer am Fahrrad sorgt in Verbindung mit einer Wifi-Verbindung dafür, dass während der Performance aus den individuellen Wegen der Teilnehmer ein neuer Stadtplan entsteht.

Einer bestehenden Route folgt hingegen das Linzer Theaterlabor theaternyx. Es lädt zur abendlichen Reise mit der Buslinie 27, in der man direkt neben den Protagonisten des Stücks zu sitzen kommt. Aus Linz hinaus führt jene Reise, die sich auf die Spuren von unerwünschtem Aufenthalt und Abschiebung begibt. Ausgehend von Wolfsegg, bewegt das Theater Hausruck das Publikum mit Autobussen übers Land. A Hetz ist eine Mischung aus Theater, Expertenvortrag, Dokufiktion und Performance zum Thema Migration.

Die Vielfalt des Theaterpakets rundet eine Amateurproduktion auf dem Linzer Freinberg ab, wo Da Teufö volksstücksmäßig sein Unwesen treibt. Archaisches in Bezug auf die Theatergeschichte zeigt man u. a. mit balinesischem Schattentheater und der indischen Theatertradition Kuttiyatam. Das Puppenspiel von Cengiz Özek hingegen spannt den Bogen in die Gegenwart: Sein türkischer Kasperl Karagöz wartet mit zeitgemäßer Weltsicht auf.

Es wäre nicht Linz 09, wenn man nicht auch den Brückenschlag zu traditionellen Linzer Festivals suchen würde. Und so klinkt man sich noch vor der Theaterlust2 ins Pflasterspetakel ein, das seit mehr als 20 Jahren Straßenkünstler nach Linz holt. Beinahe ebenso lang bastelt der elsässische Regisseur Luc Amoros an seiner Theaterform, die er mithilfe von Schattenspiel, Pinseln und Filmprojektionen auf überdimensionalen Leinwänden live entstehen lässt. In Linz wird am 22. Juli seine neue Produktion Ein unbeschriebenes Blatt uraufgeführt. Auf dass es sich fülle. (Wolfgang Schmutz / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.6.2009)

 

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