Alte Klischees und neue Wirklichkeiten

24. Juni 2009, 18:27
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Mit dem Hafenfest schließt das erste Halbjahr: Auf Einladung von Hubert von Goisern gibt es bekannte und unbekannte Live-Musik aus Mittel- und Osteuropa

Das Karandila Gypsy Brass Orchestra besteht aus gut zehn Männern. Und einer Frau. Irgendwer muss ja singen auch. Und das geht nicht gut, wenn mann zugleich ins Horn stoßen muss. Diese Dimensionierung hat verschiedene Gründe. Einmal erhöht es die Überzeugungskraft eines Ensembles, wenn fast ein Dutzend Mannsbilder gleichzeitig durch ihre Instrumente atmen. Dann begründet es sich in der Ökonomie. Wenn man etwa Hochzeiten bespielt, kann es schon einmal acht oder zehn Stunden dauern, bis endlich alle so müde und betrunken sind, dass die Tanzerei endlich aufhört. Man kann die Kondition des Orchesters also besser verteilen. Und schließlich erzeugt ein musikalisches Kampfkommando dieser Stärke mit all seinen Unschärfen eine Dynamik, wie sie kein verzwölffachter Synthesizer je generieren könnte.

Das Karandila Gypsy Brass Orchestra wurde 1994 in Bulgarien gegründet und wird bei seinem Auftritt im Rahmen des dreitägigen Hafenfests bei Linz 09 (3. bis 4. Juli, Programm siehe Kasten) auf Einladung Hubert von Goiserns auftreten. Goisern hat 2007 begonnen, mit einem zur schwimmenden Bühne umgebauten Schiff die Donau abzufahren. Als Botschafter einer damals noch künftigen Kulturhauptstadt Europas hat er nicht nur Werbung für Linz 09 gemacht, dem europäischen Gedanken verpflichtet, hat er sich dabei auch für die Musik in den von ihm bereisten Ländern interessiert.

Klischee und Gegenklischee

Goisern spielte bei unseren unmittelbaren und weiter entfernten Nachbarn nicht nur selbst auf, er hat mit regionalen Künstlern zusammengearbeitet, mit ihnen musiziert und sie zum Linzer Hafenfest eingeladen. Gerade das Karandila Gypsy Brass Orchestra ist Klischee und Gegenklischee in einem. Seit dem Fall des Eisernen Vorhanges boomt osteuropäische Folklore. Doch was zuerst vor allem den Reiz des Exotischen verströmte, ist mittlerweile nicht nur hinlänglich bekannt. Die osteuropäischen Musiker veränderten sich durch die neuen Umstände, die ihnen plötzlich erlaubten, zu reisen und zu touren natürlich ebenfalls.

Deshalb ist das Karandila Gypsy Brass Orchestra keine reine Folkore-Combo, sie hat ihre "Gypsy Music" längst mit anderen Stilen kurzgeschlossen. Afro-Beat wird hier ebenso gestreift wie elektronische Musik. Ja, sogar mit Shaun Ryder, bekannt und berüchtigt von der britischen Rave-Band Happy Mondays (Kinky Afro!) hat man zusammen aufgenommen.

Auch ein anderer von Goiserns Gästen gratwandelt souverän zwischen Tradition und Moderne, zwischen alten Klischees und neuen Wirklichkeiten: Antonije Pusic, besser bekannt als Rambo Amadeus kreuzt traditionelle Musik, die Andrew Sisters, Soul, Funk und Pop.

Anhand des aus Montenegro stammenden Musikers mit seinem oft knieweichen, humortriefenden Songs lassen sich bestehende Vorurteile bezüglich Popmusik aus dem Osten perfekt ad absurdum führen. Dieser Sound, diese Songs, sie könnten aus Rio de Janeiro ebenso kommen wie aus New York, New Delhi, London - oder eben Belgrad.

Ebenso global orientiert geben sich die aus Moldawien stammenden Zdob ºi Zdub. Sie bezeichnen ihre Musik selbst als Alternative oder Folk-Punk - und das stimmt auch. Eine Metal-Gitarre wird hier aufgefahren, Dancefloor-Beats, DJs und Rap-Gesang oder die alte Holzflöte vom Opa. Das ergibt eine zeitgenössische Popmusik, die aus dem Spannungsfeld von Alt und Neu Dynamik bezieht und das auch in Videos wie dem zu Everybody In The Casa Mare thematisiert wird. Zudem ist Zdob ºi Zdub die wohl einzige Band des Planeten, die sowohl mit Rage Against The Machine und Biohazard gespielt hat als auch beim Song Contest aufgetreten ist.

Aber nicht nur in Osteuropa wurde Goisern fündig, auch alte und neue Bekannte aus Deutschland werden beim Hafenfest zu erleben sein. Etablierte Namen wie Konstantin Wecker, der kauzige Bayer Haindling und seine Band oder Willi Resetarits & Stubnblues werden (auch im Verbund mit Hubert von Goisern) auf der Bühne stehen.

Oder Klaus Doldingers Passport. Oder die ein wenig angestaubten Deutschrocker BAP, die einst mit ihren im Kölner Dialekt vorgetragenen Songs so etwas wie Volkshelden in Deutschland wurden.

Apropos Volksheld. Einem anderen bekannten deutschen Musiker verdankt die Welt den ebenfalls auftretenden Philipp Poisel: Herbert Grönemeyer hat den aus Stuttgart kommenden Songwriter entdeckt und ihn auf seinem Label Grönland veröffentlicht.

Neuer Sensibler

Poisel ist ein neuer Sensibler, der seine deutschsprachigen Songs meist mit akustischen Instrumenten interpretiert, Streicher einsetzt und vor keinem Seelenstriptease zurückschreckt.

Gut 15 Bands werden in drei Tagen im Linzer Hafen auftreten, der Gastgeber ist selbst an allen drei Abenden zu sehen. Möge es der Wettergott gut meinen! (Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.6.2009)

 

Programm

3. Juli: Hubert von Goisern & Band, Köster/Hocker, Philipp Poisel, Claudia Koreck, Karandila, Klaus Doldingers Passport. Ab 17.00 Uhr.

4. Juli: Loredana Groza, Haydamaky, Hubert von Goisern & Band, BAP, Haindling. Ab 14.30 Uhr.

5. Juli: Stelzhamma & Dorfmusikantenquintett, Rambo Amadeus, Willi Resetarits & Stubnblues, Zdob ºi Zdub, Konstantin Wecker & Spring String Quartett, Hubert von Goisern & Band. Ab 14.30 Uhr.

Tickets für alle drei Tage in verschiedenen Preisklassen gibt es unter www.linz09.at

 

  • Drei Tage lang dauert das Hafenfest - unter anderem mit dem Karandila Gypsy Brass Orchestra
    foto: linz09/hannelore mollnhuber

    Drei Tage lang dauert das Hafenfest - unter anderem mit dem Karandila Gypsy Brass Orchestra

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