Ein prominenter Neffe mit Show-Talent

24. Juni 2009, 17:52
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Frédéric Mitterrand ist neuer Kulturminister Frankreichs

Paris, die Megametropole mit zehn Millionen Einwohnern, ist in Wahrheit ein kleines Dorf, wo man alte Familienbande hochhält. Über Parteigrenzen hinweg. Diesen Eindruck vermittelt die am Dienstag umgebildete Regierung von Nicolas Sarkozy. Größte Überraschung: Frédéric Mitterrand wird neuer Kulturminister.

Der Sohn eines Bruders des früheren sozialistischen Staatschefs François Mitterrand verdankt seine Berufung nicht nur seinem berühmten Namen, sondern auch Carla Bruni: Sie soll ihrem Gatten Sarkozy den Mitterrand-Neffen "eingeflüstert" haben, wollen Medien wissen. Die italienische Chansonsängerin kennt den telegenen Neuminister aus der Kulturszene; seinen Namen hatte sie schon vor einem Jahr als Leiter der Villa Medici, dem französischen Kulturinstitut in Rom, ins Spiel gebracht.

Dort gab der 61-jährige Fernsehmann seine Ernennung am Dienstag schon vor der Regierungsumbildung selbst bekannt. Damit kam er sogar dem rasanten Staatschef im Elysée zuvor - und musste sich am Mittwoch bereits für seinen ersten Fauxpas entschuldigen. Sarkozy ist es einerlei: Er gewinnt mit dem Junior-Mitterrand einen prominenten TV-Chronisten. Mit Reportagen über Prominente und Monarchen hatte er sich einen (Vor-)Namen gemacht. Die schmeichelnde Stimme des "melancholischen Visionärs" (so der Figaro) ist jedem Franzosen ein Begriff. Damit ist er fast so bekannt wie die übrigen Familienexponenten - Danielle Mitterrand, Witwe des Ex-Präsidenten, dessen uneheliche Tochter Mazarine Pingeot, die sich als Journalistin und Schriftstellerin versucht, oder Präsidentensohn Jean-Christophe, der wegen diverser Affären seit Jahren vor allem mit der Justiz Kontakt pflegt.

Die große - und umstrittene - Frage ist, ob Frédéric Mitterrand das politische Erbe seines Onkels vertritt. Auf eine solche Journalistenfrage sagte er: "François Mitterrand gab keine Antwort, wenn er nicht wollte. Ich bin gleich."

1995 hatte der Ex-Moderator des Schwulensenders Pink-TV für den gaullistischen Präsidentschaftskandidaten Jacques Chirac gestimmt. Ganz recht scheint ihm das Image eines familiären Abtrünnigen aber doch nicht zu sein. "Nicolas Sarkozy war auch Minister zu Mitterrands Zeit" , versucht er sich zu rechtfertigen. Der Vergleich hinkt: Nicht Mitterrand hatte Sarkozy berufen, sondern der gaullistische Premier Edouard Balladur, der mit Mitterrand von 1993 bis 1995 zusammen regierte. Vertraute schildern den neuen Kulturminister trotzdem als "wenig mitterrandistisch". (Stefan Brändle/DER STANDARD, Printausgabe, 25.6.2009)

 

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