Nitsch – die Familienaufstellung

24. Juni 2009, 17:36
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Das Wiener Künstlerhaus zeigt "Nitsch – Vorbilder Zeitgenossen Lehre" - Die opulente Schau präsentiert den Meister aus Prinzendorf, umgeben von Werken seiner Nächsten - Hermann Nitsch im Interview

Markus Mittringer hat nachgefragt.

Alle sind sie da: der Brus, der Attersee, der Mühl. Aber auch der Schiele, der Kokoschka und der Gerstl. Und ebenso der Roth, der Tapies und der Vedova. Und darüberhinaus die Jüngeren, der Georg Bernsteiner, der Ludwig Gerstacker und der Hanno Milesi. Hermann Nitsch hat eine Familienaufstellung vorgenommen, hat Vorbilder mit Freunden, und Schüler mit Weggefährten konfrontiert; aufgestellt über beide Etagen des Künstlerhauses rund um eine zentrale Präsentation von ausgewählten eigenen Stücken.

Und so hat er, der stets die Lust, das Pathos, den Taumel verteidigt hat gegen ein Zuviel an Hirn, gegen ein Zuviel an intellektuellem Krampf, eine wahrlich umwerfende Schau komponiert. Am Plakat: Er selbst, gestylt, als ginge es darum, einer Musiklegende große Lieder neu abzumischen, als hätte Jack Rubin Hermann Nitsch statt Jonny Cash produziert und Anton Corbijn den Auslöser gedrückt. "Die vom Künstlerhaus haben das Sujet vorgeschlagen, ich selbst war eitel genug, um ,Ja‘ zu sagen. Wenn man so will, bin also ich selbst schuld" , sagt Nitsch.

Standard: Sie sind, nicht nur bei Ihren zahlreichen Ausstellungen, viel in der Öffentlichkeit zu sehen, auch bei vielen anderen Empfängen. Genießen Sie den Ruhm der späten Jahre?

Nitsch: Ja, jeder tut das. Auch die, die das Gegenteil behaupten. Es ist schön, wenn die Menschen Einladungen oder Kataloge signiert haben möchten, oder ein Foto mit mir.

Standard: Sie stellen sich im Rahmen ihres Umfeldes aus:mit Freunden, Wegbegleitern und Schülern. Wie würden Sie "Freundschaft" definieren?Nitsch: Eine exakte Definition getrau ich mir nicht abzugeben. Aber: Wenn man mit jemandem gerne Abende verbringt oder gemeinsam in eine Ausstellung geht, und man hat sich etwas zu sagen, oder man langweilt sich auch dann nicht, wenn man eben nichts zu sagen hat, wenn man einen Tag lang eine Ausstellung hängt, und dann am Abend froh ist, dass man kein intellektuelles Gespräch führen muss; dass man endlich ein bisschen Wein trinken und etwas Gutes essen kann, wenn man sich also nahe ist, dann ist das Freundschaft. Und die sollte nur insofern berechnend sein, als man die Zeit gerne mit jemandem verbringt. Aber natürlich nicht, weil der ein hohes Vieh ist, das einem irgendwann einmal helfen könnte.

Standard: Freundschaft zu hohen Viechern ist aber nicht ausgeschlossen?

Nitsch: Überhaupt nicht!

Standard: Waren Freundschaften zu Zeiten Ihrer Anfänge wichtiger denn heute? Schließlich gab es noch kein vergleichbar ausgebautes Ausstellungswesen?

Nitsch: Ich würde sagen, das Modewort "Kulturvernetzung" ist überhaupt nur so entstanden. Ich habe Rainer sehr verehrt und durfte einmal in sein Atelier gehen. Ebenso hab ich den Brus getroffen und den Kubelka und den Mühl. Wir hatten manche gemeinsame Interessen und waren schnell so etwas wie eine Kampfeinheit. Weil wir haben die Phantastischen Realisten nicht sehr gemocht. Die waren die Liebkinder aller Gemeinderäte der Stadt Wien. Zudem galt es, den Tachismus der Wiener Galerie nächst St. Stephan zu überwinden. Das Wichtigste dabei war die Findung des Performativen durch u. a. mich und den Mühl und den Schwarzkogler, das hat uns geeint.

Standard: Eines Ihrer "Vorbilder" ist Anton Bruckner. Wann haben Sie zum ersten Mal Bruckner gehört?

Nitsch: Ich habe bei meiner Mutter viel Radio gehört. Und war dann einmal im Konzert: Karl Böhm hat die späten Beethoven-Symphonien dirigiert. Dort habe ich das erste Mal gehört, dass es anderes neben Walzer und Operette gibt. Und Bruckner war mir riesig fremd. Ich habe das überhaupt nicht verstanden. Das war Geräusch für mich. Ich hab's nicht derpackt! Dann einmal kam ich zu meinen Großeltern, und da gab es im Radio um Mitternacht, wie die Mutter gesagt hat, "schwere Musik" . Da habe ich zum ersten Mal das Scherzo aus Bruckners 4. Symphonie gehört: Das war ein Erleuchtungserlebnis.

Standard: Was ist es, das Bruckner so auszeichnet?

Nitsch: Ein Amerikaner hat in einem Text über Bruckner geschrieben, das der eigentlich ein Verbrecher wäre! Weil er sich so viel getraut hat, bis in die Scheißhausmuscheln hinuntergegriffen hat. Der Bruckner, ein heiliger Komponist, war ein gewaltiger Tabubrecher.

Standard: Sie wollen dieser Intensität nahekommen, also auch Erleuchtungsmomente schaffen?

Nitsch: Mit anderen Mitteln, in einer anderen Zeit, sicher. Ich durfte vor zwei Jahren auf der Bruckner-Orgel in St. Florian spielen. Der Dirigent Jan Mathé, der am 4. Juli meine Ägyptische Symphonie in Mistelbach uraufführen wird, hat mich eingeladen. Es war ein derart wunderbares Erlebnis - die herrliche Orgel, diese Sentimentalität, die sich an diesem Ort eingestellt hat. Ich habe das Gefühl gehabt, der Anton, der dort begraben liegt, hat mir geholfen. Und was ich an meiner Musik sehr liebe, sind langgezogenen Töne, die Möglichkeit, Harmonien auszukosten. Bruckner hat sich auch oft stundenlang in Dreiklängen gesuhlt. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.6.2009)

 

  • Der Gesamtkunstwerker Hermann Nitsch zeigt sich im Künstlerhaus im Kreis von Freunden. Im Museumszentrum Mistelbach kommt am 4. Juli seine "Ägyptische Symphonie"  zur Uraufführung.
    foto: toppress


    Der Gesamtkunstwerker Hermann Nitsch zeigt sich im Künstlerhaus im Kreis von Freunden. Im Museumszentrum Mistelbach kommt am 4. Juli seine "Ägyptische Symphonie"  zur Uraufführung.

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