Zentralmatura: Wo lassen schreiben?

24. Juni 2009, 16:54
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Warum die geplante Vereinheitlichung der AHS-Matura Zweifel an der pädagogischen Reife ihrer Erfinder weckt - Von Christian Goldstern

Wie weit reicht die Vorstellungskraft eines österreichischen Ministerialbeamten, der die Richtlinien für die neue Zentralmatura entwirft? Hat er seinen Schreibtisch schon einmal verlassen? Hat er sich überlegt, welche Folgen sein Glasperlenspiel-Entwurf im wirklichen Leben haben könnte?

Der an alle AHS-Lehrer Österreichs ausgesandte Entwurf des Unterrichtsministeriums erläutert, dass die (voraussichtlich) ab 2014 gültige Version der Reifeprüfung an Allgemeinbildenden Höheren Schulen aus drei Säulen bestehen wird: Neben der Absolvierung eines schriftlichen und eines mündlichen Teils muss der Kandidat auch eine sogenannte "vorwissenschaftliche Arbeit" verfassen, wobei das Thema frei wählbar ist. Immerhin wurde dieser erste Entwurf nach heftigen Protesten von Lehrerseite inzwischen so weit geändert, dass die Arbeit nun vor der Prüfungskommission auch kurz präsentiert werden muss. Das war ursprünglich nicht vorgesehen.

Dennoch bleibt fraglich, wie sinnvoll eine Zwangsbeglückung aller AHS-Schüler durch eine derartige Arbeit ist. Im Rahmen der derzeitigen Reifeprüfung ist die Abfassung der sogenannten "Fachbereichsarbeit" auf Freiwillige beschränkt, was zur begründeten Hoffnung veranlasst, dass die meisten dieser Arbeiten doch tatsächlich vom jeweiligen Schüler selbst verfasst werden.

Dass nämlich das eigenständige Abfassen einer solchen Arbeit keine Selbstverständlichkeit ist, zeigt ein beliebiger Blick über den beamteten Tellerrand hinaus, z.B. auf die florierenden Internetseiten, die die Abfassung von "Papers" aller Art und zu jedem gewünschten Thema anbieten. In den USA ist die Angelegenheit längst zum Big Business geworden. Fachausdrücke wie "Paper Market" oder "Term Paper Mill" (was sich notdürftig mit "Fabrik zur Produktion von Abschlussarbeiten" übersetzen lässt) schwirren durch die Medien, und die professionellen Verfasser dieser "term papers" bestätigen gerne in Interviews, dass sie ziemlich gut von ihrer Tätigkeit leben können.

Was die Legalität betrifft, sieht sich einer der zitierten Spezialisten, Nick Mamatas, durch den ersten Zusatz zur amerikanischen Verfassung gedeckt, der jedem Bürger das Recht auf freie Meinungsäußerung zusichert. "Wenn Nazis mit einschlägigen Parolen durch die Straßen ziehen dürfen und die Tabakindustrie ihre Presseaussendungen machen darf, warum sollte ich dann nicht zweimal pro Woche eine Diplomarbeit über Hamlet oder eine Seminararbeit über Luftverschmutzung schreiben dürfen?" , meint er schmunzelnd. Was andere mit dieser Arbeit dann anfangen, könne man ja wirklich nicht ihm vorwerfen.

Auch dass man bei der Abfassung solcher Arbeiten vorsichtig sein muss, um nicht allzu schwierige Begriffe zu verwenden, weiß der Profi zu berichten - allein schon aus Selbstschutz: Man vermeidet dadurch, vom Kunden, der sich auf die Präsentation seiner Arbeit vorbereitet, mehrmals angerufen zu werden, weil die Bedeutung oder auch nur die Aussprache eines Fachausdrucks nicht klar ist.

Zurück nach Österreich: Dass das Schwindeln in unserem Schulsystem einen ganz besonders hohen Stellenwert hat, weiß jeder, der schon einmal miterlebt hat, wie erschüttert englische Sprachassistenten in den Schulen regelmäßig sind, wenn sie sehen, wie bei uns mit diesem Thema umgegangen wird. Dass sich das mit Einführung der Zentralmatura plötzlich ändern könnte, erscheint unwahrscheinlich. Dass der florierende Nachhilfemarkt in Hinkunft auch die Nische "Vorwissenschaftliche Arbeit" entdecken wird, steht daher außer Frage.

Als speziellen Service bietet Nick übrigens an, die zentralen Passagen der Arbeit eigens zu markieren, damit der Schüler/Student auch weiß, welchen Teil er selbst lesen muss, um bei seiner Präsentation nicht unangenehm aufzufallen. Der Profi denkt eben einfach an alles. Vielleicht könnte das Ministerium ihn bitten, ihm bei seinem nächsten Gesetzesentwurf behilflich zu sein? (Christian Goldstern/DER STANDARD-Printausgabe, 25. Juni 2009)

Zur Person:

Christian Goldstern ist AHS-Lehrer in Wien

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