"Sport in einer Ecke, wo er nicht hingehört"

24. Juni 2009, 16:40
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Leistungsdiagnostiker Holdhaus insistiert: Höchstleistungen auch ohne verbotene Mittel möglich

Maria Enzersdorf/Wien  - Er ist Österreichs bekanntester Leistungsdiagnostiker und leitet das Institut für Medizinische und Sportwissenschaftliche Beratung (IMSB) seit 1982. Außerdem ist Hans Holdhaus einer der profundesten Anti-Doping-Experten des Landes und Mitglied der Ethikkommission der nationalen Anti-Doping-Agentur (NADA Austria). Im Gespräch mit der APA äußerte sich der 64-Jährige zur aktuellen Doping-Diskussion und  seinen Glauben an Höchstleistungen ohne verbotene Hilfsmittel.

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Bewegt man sich in der Sportwissenschaft am Rande der Legalität?

Holdhaus: "Nein, das würde ich nicht so sehen. Die Grenze ist bekannt und diese gilt es nicht zu überschreiten. Das ist aus unserer Sicht überhaupt kein Problem."

Sie möchten, ähnlich wie früher der gedopte Gewichtheber Jürgen Matzku in einem Projekt mit Ihnen, nun auch mit einem gedopten Ausdauersportler zeigen, dass man ohne Doping Topleistungen erbringen kann.

Holdhaus: "Die Idee gefiel und gefällt mir sehr gut. Früher hat man gesagt, ohne Anabolika geht im Kraftsport nichts. In der Zwischenzeit weiß jeder, dass das nicht stimmt. Momentan behauptet man, im Ausdauersport kann man ohne EPO nichts erreichen. Es gibt sehr wohl jede Menge Alternativen. Wir finden immer wieder  Möglichkeiten zur Trainingsoptimierung.

Wie wäre es mit Bernhard Kohl?

Holdhaus: "Ich will mich da nicht festlegen. Sein Verhalten hat mir nicht wirklich getaugt. Ich bin der Meinung, wenn jemand etwas Verbotenes tut, dann sollte er dazu stehen und nicht ununterbrochen lügen.  Aber grundsätzlich wären solche Personen hochinteressant, weil die der Szene ein ganz klares Signal geben könnten, das geht wirklich."

Frustriert es Sie, dass einige Dopingfälle den gesamten Sport in Verruf bringen?

Holdhaus: "Es sind nicht die Fälle, die den Sport in Verruf bringen, sondern die Art und Weise, wie darüber berichtet wird. Wir haben in Österreich genauso viele oder wenige Dopingfälle wie auch in anderen Ländern. Nur werden sie bei uns derzeit bedauerlicherweise in einer sehr einseitigen Art und Weise aufbereitet und damit wird der gesamte Sport in eine Ecke gestellt, wo er definitiv nicht hingehört. Ich würde mir wünschen, dass der Aufwand, der betrieben wird, um Dopingsünder darzustellen, zur gezielten Aufklärung und Information der Bevölkerung zur Verfügung gestellt wird."

"Ein Dopingproblem wird es immer geben, weil es immer Menschen geben wird, die Regeln brechen. Das gibt es ja auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Ich muss sogar in dem Zusammenhang für den Sport eine Lanze brechen, denn der Sport ist das einzige Segment derzeit in der Gesellschaft, das sich ganz klar gegen einen Medikamenten-Missbrauch ausgesprochen hat. 

Soll die Gesetzeslage weiter verschärft werden?

Holdhaus: "Ja. Ich bin sehr dafür. Ich glaube auch, dass Österreich mit dem Anti-Doping-Gesetz einen Schritt gesetzt hat, um den uns viele Länder beneiden.

Sie meinen die strafrechtliche Verfolgung?

Holdhaus: "Auf der einen Seite stimme ich dem zu. Ich glaube, man kann die Strafen gar nicht hoch genug ansetzen, damit die Leute wissen, das ist ein Blödsinn und mehr als gefährlich. Auf der anderen Seite muss man vorsichtig sein, weil es immer wieder Sportler gibt, die tatsächlich, ohne es zu wissen, zum Dopingsünder werden, weil sie sich zum Beispiel mit dem Reglement überhaupt nicht auseinandergesetzt haben.

Warum haben eigentlich so viele Sportler Asthma?

Holdhaus: "Da muss man zwei Aspekte betrachten: Das Eine ist, dass die Belastungen im Hochleistungssport enorm sind. Zum Beispiel bei den Schwimmern: Man muss sich bewusst sein, dass ungefähr 10 bis 15 Zentimeter über der Wasseroberfläche eine erhöhte Chlorgas-Schicht vorliegt und das atmet der Schwimmer stundenlang ein. Dann gibt es Leute, die darauf allergisch reagieren, und dementsprechend gibt es dort das sogenannte Schwimm-Asthma. Oder Leute, die besonders auf Kälte empfindlich sind, das passiert dann den Langläufern. Es gibt tatsächlich eindeutige Fälle."

Medikamente, die man dagegen einsetzt, sind allerdings auch leistungssteigernd.

Holdhaus: "Völlig korrekt. Wenn man jetzt diese Mittel mit erhöhter Dosis nimmt, dann hat man eine anabole Nebenwirkung. Das war sicher auch ein Grund, warum sie auf die Dopingliste gekommen sind. Früher hat es das vereinfachte Ausnahmeverfahren gegeben, was dazu geführt hat, dass die Zahl der Asthmatiker wirklich sensationell angestiegen ist. Mit 1.1.2009 wurde die Regelung so verändert, dass sich Sportler, die eine Ausnahme-Genehmigung haben, einem Provokationstest unterziehen müssen. Das muss klinisch festgestellt werden, dass hier Asthma vorliegt.

Gibt es denn für den Sport-Asthmatiker Hoffnung, dass diese Krankheit wieder verschwindet?

Holdhaus: "Es gibt eine Studie, nach der viele Sportler, die an Asthma leiden, einige Jahre nach Beendigung ihrer Karriere die Krankheit los sind. Das ist tatsächlich ein belastungsbedingtes Asthma."

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