"Geködert und in Falle gelockt"

24. Juni 2009, 18:21
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Austria Lustenau-Präsident Hubert Nagel im derStandard.at-Inter­view: "Reform keine Reform, sondern Auf­gewärmtes, das man vor Jahren weggeschmissen hat"

Wien - Am Donnerstag fällt im Rahmen der außerordentlichen Hauptversammlung der Fußball-Bundesliga im Wiener Hotel Marriott die endgültige Entscheidung über eine mögliche Aufstockung der Ersten Liga. Am 9. Juni hatte das ÖFB-Präsidium mit knapper Mehrheit für eine 16er-Liga in der zweithöchsten Spielklasse ab der Saison 2010/11 sowie für die Abschaffung der Regionalligen votiert, nun müssten noch die 17 wahlberechtigten heimischen Profi-Clubs mit einer Zwei-Drittel-Mehrheit diesem Beschluss zustimmen. derStandard.at sprach im Interview mit Austria-Lustenau-Präsident Hubert Nagel, der als Kritiker der Ligareform gilt.

derStandard.at: Sie gelten als strikter Gegner der Ligareform. Was sind Ihre Bedenken?

Hubert Nagel: Ich kann kein Gegner von einer Ligareform sein, weil es keine Ligareform ist. Das ist ein Rückschritt zu einer Liga, die vor zehn Jahren bankrott ging. Wie kann man sagen, das sei eine Reform, wenn der Kuchen für zehn Vereine zu klein ist und jetzt auf 16 aufgeteilt werden soll.
Der zweite Punkt ist, dass nicht einmal der Kuchen gleich groß bleiben wird, weil bei 16 Vereinen das Fernsehen einen Rückzug machen wird und weil Erste Liga-Sponsor Adeg die Lust verlieren wird. Wenn also weniger Sponsoren vorhanden sind, muss man weniger Geld auf mehr Klubs aufteilen. Das wäre also auch ein Riesennachteil.

Man hat davon geredet, dass man in der Ersten Liga wieder semiprofessionell arbeiten  könnte. Ich frage mich, wo da der Fortschritt liegen sollte, wenn die Spieler keine Profis mehr sein werden, sondern Arbeit suchen müssen. Ich habe selber eine Firma und frage mich, wer heute einen Fußballer als Arbeiter aufnehmen sollte, wenn dieser nur halbtägig arbeiten kann und das nicht zu fixen Zeiten, weil er entweder im Bus zu einem Auswärtsspiel sitzt, oder ein Testspiel hat oder verletzt aus dem Training kommt.

derStandard.at: Warum überlegt man überhaupt, die Erste Liga semiprofessionell auszulegen?

Nagel: Der Vorschlag wurde eingebracht, weil man glaubte, es würde dadurch billiger. Aber es würde im Gegenteil sogar teurer, weil sich mehr Klubs um die interessanten Spieler reißen würden. Die Gefahr ist außerdem, dass man eine Zweiklassengesellschaft bekommt, wie in der Schweiz, deren Ligastruktur man uns als Vorbild verkaufen will. Aber wir wohnen an der Grenze, wir kennen deren Probleme. Zum einen wäre da ein unglaublicher Leistungsunterschied, der Erste und Zweite machen in etwa soviele Punkte wie die restlichen 14 zusammen. Außerdem haben die Schweizer heuer zwei Lizenzverweigerungen oder Konkurse. Wenn man das als Vorbild nimmt, dann gute Nacht!

derStandard.at: Was sind die Gründe dafür, dass beim Premiere-Nachfolger Sky oder auch bei Adeg das Interesse an einer 16er-Liga nachlässt?

Nagel: Erstens weil das Niveau sicher nicht steigen wird, aber das ist noch das geringste Problem. Das Andere ist, dass es heute schon zu wenige attraktive Spiele für das Fernsehen gibt. Wenn man vor leeren Rängen überträgt, so ist das für niemanden angenehm. Es gibt ein paar Plätze, wo noch Leute sind. Das wäre etwa in Innsbruck und bei uns in Lustenau, dann gibt es noch zwei, drei, wo es noch halbwegs geht, aber dann kommt die große Leere. Und die Übertragungskosten würden bei acht Schauplätzen natürlich steigen, daher werden sie das nicht machen. Von Seiten Adegs hat man gehört, dass sie an einer 16er-Liga nicht interessiert wären.
Lustenau war seinerzeit in der 16er-Liga, doch die hat man vor zehn oder elf Jahren aufgelöst, weil die Vereine einfach nicht mehr konnten. Was funktioniert hat, war die Zehnerliga, für die sich auch Herbert Prohaska stets eingesetzt hat, die aber hat man aufgelöst, weil die Landesfürsten unbedingt den Direktaufstieg wollten und zum obersten Credo erhoben. Auch als österreichischer Meister ist man nicht in der Champions League, muss zumindest eine Quali-Runde spielen. Darum frage ich mich, warum man den Regionalligisten das nicht auch zumuten hätte können. Austria Lustenau ist auch dreimal gescheitert, wir haben nicht gemurrt, wir waren einfach nicht gut genug, haben es aber dann auch geschafft.

derStandard.at: Die Pläne des ÖFB, dass es für finanzielle Verluste eine einjährige Übergangslösung geben sollte, haben Sie als schlechten Scherz bezeichnet. Wie müsste  eine adäquate Entschädigung aussehen?

Nagel: Sie werden es ohnehin nicht machen, aber man müsste diese Ausfälle finanziell abgelten. Ich sehe dieses Vorgehen nicht nur als schlechten Scherz sondern finde es unmoralisch, wenn man die Klubs dazu bringt, für schnelles Geld auf den Zug aufzuspringen. Und im nächsten Jahr lässt man sie im Regen stehen. Das hat doch ein Dachverband nicht nötig. Die Vereine werden geködert und in eine Falle gelockt und nachher haben sie nichts mehr außer weniger Einnahmen.

derStandard.at: Ihrer Meinung nach wäre die Erste Liga mit 16 Vereinen nicht besser als zum Beispiel die Regionalliga Ost.

Nagel: Die Rapidler hätten nichts davon, weil sie würden das Niveau dahin runterziehen, wo sie ohnehin schon stehen. Man kann ja nicht besser werden, wenn man semiprofessionell arbeitet.

derStandard.at: Rapids sportlicher Leiter, Alfred Hörtnagl hat Dänemark als Vorzeigeland erwähnt. Dort sind die Amateurmannschaften der obersten Liga in die zweithöchste Leistungsstufe integriert.

Nagel: Was soll so gut sein an Dänemark? Wann sind die Dänen das letzte Mal international in Erscheinung getreten? Die grundsätzliche Frage ist, ob man besser wird, wenn man mehr trainiert, oder wenn man weniger trainiert. Konkurrenz und ein gewisser Leistungsdruck sind wichtig. Damit man besser wird, muss man gefordert werden. Wenn man geschont wird, wird man nicht besser werden. In einer Ersten Liga mit zehn Vereinen wird sich jedes echte Talent durchsetzen. Oder man kommt über den Umweg der Regionalliga nach oben. Das hat es auch früher schon gegeben. Auch ein Korkmaz ist den Weg gegangen. Wenn wer wirklich talentiert ist, bleibt er nicht auf der Strecke, sondern wird von irgendjemandem gesehen, weil die Leute heute schon so gut vernetzt sind.

derStandard.at: Wie stellen Sie sich die Ligareform vor? Sollte man alles so belassen, wie es ist? 

Nagel: Ich denke, dass zwei Zehnerligen sehr gut wären. Für mich als Austria-Lustenau-Präsident wäre eine 16er-Liga in der Bundesliga natürlich besser, aber im Sinne des Fußballs bin ich dafür, dass auch die oberste Spielklasse aus zehn Vereinen bestehen sollte. Statt den gespaltenen Regionalligen würde ich eine Dritte Liga installieren. Das müsste eine geförderte Liga mit ganz jungen Spielern sein, sonst würde das nicht gehen. Was total überschätzt wird, ist das Argument, dass man sich die Fartkosten nicht leisten kann, aber die 14-jährigen Buben fährt man ja auch quer durch Österreich. Warum sollte eine Dritte Liga demnach ausgerechnet an den Fahrtkosten scheitern?
In der Dritten Liga müssten dann die Talente für zwei Jahre spielen, ohne dass eine Leihgebühr zu zahlen wäre. Man müsste das als Ausbildungsjahre sehen. Das wäre etwas Neues und nicht etwas Aufgewärmtes, das man vor zehn Jahren weggeschmissen hat.

derStandard.at: Ihr Tipp? Wie wird die Abstimmung ausgehen? 

Nagel: Ich hoffe im Interesse des Fußballs, dass die Zehnerliga kommt. Wenn nicht, werden die, welche für die 16er-Liga sind, weit mehr darunter leiden, wie die anderen. Wenn man nämlich Fußballklubs wie Lustenau, die drei, vier Tausend Zuschauer Schnitt haben, das Fernsehgeld wegnimmt, dann werden die Vereine trotzdem überleben. Ob die mit 400 Zusehern überleben können, bezweifle ich. (Thomas Hirner, derStandard.at, 24. Juni 2009)

Zur Person:

Hubert Nagel ist Präsident von Austria Lustenau und Mitglied des Liga-Aufsichtsrats.

  • Nagel: "Wie kann man sagen, das sei eine Reform, wenn der Kuchen für zehn Vereine zu klein ist und jetzt auf 16 aufgeteilt werden soll."
    foto: sc austria lustenau

    Nagel: "Wie kann man sagen, das sei eine Reform, wenn der Kuchen für zehn Vereine zu klein ist und jetzt auf 16 aufgeteilt werden soll."

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