Rundschau: Agenten, Aliens & Analstöpsel

18. Juli 2009, 13:13
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coverfoto: heyne

Philip K. Dick: "Blade Runner / Ubik / Marsianischer Zeitsturz"

Broschiert, 847 Seiten, € 14,40, Heyne 2009.

Nachdem Heyne über die Nuller Jahre hinweg eine umfassende Philip K. Dick-Bibliothek - darunter auch die drei hier zusammengefassten Romane - wiederveröffentlicht hat, kommen nun die Schnäppchenjäger zum Zuge. Respektive diejenigen, die bei den dezent aufgemachten Einzelbänden noch gezögert haben. Zu derart hochgradig kanonischen Werken überhaupt noch etwas zu sagen, erübrigt sich fast - nur eine Frage bleibt wieder offen: Nämlich ob man "Blade Runner" ("Do Androids Dream of Electric Sheep?", 1968) wirklich einen Gefallen tut, wenn man den Titel der Verfilmung anstatt des bis dahin verwendeten "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" darübersetzt. Immerhin unterscheidet sich Ridley Scotts Klassiker - den wohl mehr Menschen gesehen als das Buch gelesen haben - vom Original beträchtlich.

Androidenjäger Rick Deckard ist hier kein Loner, sondern ein verheirateter und durchaus bürgerlicher Charakter: Die "Zauberflöte" treibt ihm die Tränen in die Augen, und am meisten wurmt es ihn, dass er sich das wichtigste Statussymbol seiner atomar verseuchten Zeit - eine lebendes Tier - nicht leisten kann und bloß eine elektrisches Schaf auf dem Dach stehen hat. Die Androidenjagd sieht er daher auch primär unter dem Gesichtspunkt, sich endlich ein lebendes Schaf - oder vielleicht sogar einen Strauß - leisten zu können. Die satirischen Züge des Romans, der unverkennbar den Atem der 60er Jahre verströmt, kommen in vielen Szenen zu Tage - und wenn Rick und seine Frau Iran mittels einer Stimmungsorgel ihre Gefühle für den Tag festlegen, wirkt das wie ein Weiterspinnen der Wirtschaftswunderträume vom vollautomatischen Haus auf dessen Bewohner und erinnert eher an Doris Day- und Jacques Tati-Filme als an Scotts düsteres Film-L.A. - Und während wir im Film alle mit Deckard rätseln, ob er nun selbst ein Replikant ist, geht es im Roman um die viel grundlegendere Frage, wo die Grenzen der Menschlichkeit an sich zu ziehen sind. (Warum als Androiden Verdächtigte nicht einfach an einem Röntgenschirm vorbeigescheucht werden, anstatt komplizierte Psychotests mit ihnen durchzuführen, bleibt nebenbei bemerkt unbeantwortet - aber um technische Aspekte ging es Dick auch nicht wirklich.) Während die Androiden immer komplexer und intelligenter konstruiert werden, scheint sich die Menschheit in einem Prozess der Rückentwicklung zu befinden. Als Spatzen- und Ameisenhirne bezeichnete geistig eingeschränkte Menschen treten immer häufiger auf, und Manipulationen an der Psyche - siehe Stimmungsorgel - lassen die Grenzen zwischen natürlich und künstlich weiter verschwimmen. Trotzig halten die Romanfiguren an der auf Empathie beruhenden Religion des Mercerismus als untrüglichem Wesensmerkmal der Menschlichkeit fest - doch kauft man ihnen diesen "entscheidenden Unterschied" wirklich noch ab?

Noch absurder ist die Wirtschaftswunderwelt in "Ubik" (1969), wo Türen für ihre Benutzung Münzeinwurf verlangen und Moratorien kurz vor dem Tod stehende Menschen in der Kaltpackung einlagern - gelegentlich taut man sie auf, damit man noch mit ihnen sprechen kann. Das seinem Namen entsprechend allgegenwärtige "Ubik" (Salatdressing? Putzmittel? Haarfestiger? jedenfalls ungefährlich ... wenn nach Vorschrift verwendet) wird zur Einleitung jedes Kapitels beworben und Anti-Psi-Schutzgesellschaften bieten ihre Dienstleistungen feil, da Telepathen und "Präkogs" Unternehmen unterwandern. Glen Runciter ist der Leiter einer solchen Schutzgesellschaft und fliegt mit einem grell gekleideten Einsatzkommando auf den Mond, um seinen Erzfeind auszuschalten. Der Einsatz geht jedoch schief, Runciter kommt zu Tode und die Überlebenden um Joe Chip kehren nach Hause zurück ... nur um zu erleben, wie sich rings um sie die Realität aufzulösen beginnt: Gegenstände verfallen, die Gegenwart scheint der Vergangenheit zu weichen und die Welt in die 30er Jahre zurückzustürzen. Im folgenden Katz-und-Maus-Spiel rätseln sie, von wessen Psi-Kräften sie hier manipuliert werden - während in Reklametexten Botschaften des verstorbenen Runciter auftauchen. Viel stärker noch als in "Blade Runner" werden die Romanfiguren hier mit einer klassischen Philip K. Dick-Frage konfrontiert: Befinde ich mich noch in der Realität? Und wenn ja ... in welcher?

"Marsianischer Zeitsturz" schließlich ("Martian Time-Slip", 1964) versetzt seine ProtagonistInnen auf einen Mars, der zwar trocken und trostlos ist, aber dennoch nach Wildwest-Manier kolonisiert wird: Staaten und Privatorganisationen stampfen Siedlungen aus dem Boden, die einheimischen Bleichmänner wurden von den "Marskanälen" in die Ödnis verdrängt oder dürfen für menschliche Dienstgeber schuften (ähnlich der Rolle der Androiden-Sklaven in "Blade Runner": "...kommen die herrlichen Zeiten der Südstaaten vor dem Bürgerkrieg wieder!" tönte da die Werbung). Und es sind ökonomische Motive, die die meisten Protagonisten antreiben: Sei es der Lebensmittelhändler Norbert Steiner oder der Psychiater Milton Glaub (wie in "Simulacra" spielt psychologische Forschung alten Zuschnitts hier eine große Rolle): sie alle versuchen sich am american way of life und scheitern. Der Chef der Kanalarbeitergilde Arnie Kott wiederum hat schon ein großes Stück vom Kuchen, hätte aber gern noch ein größeres. Als er hört, dass der "Autismus" eines Jungen (die psychologischen Zuordnungen würden heutigen Diagnosen eher nicht entsprechen) möglicherweise an einem veränderten Zeitempfinden liegt, wittert er darin eine Chance die Zukunft vorherzusehen und so bessere Geschäfte zu machen.

Nur der Mechaniker Jack, die eigentliche Hauptfigur des Romans, jagt nicht allein dem Geld hinterher. Für ihn war der Mars einst Zufluchtsort, nachdem ihn wie so viele andere auch die Arbeits- und Produktionsverhältnisse auf der Erde "schizophren" (wieder eine wackelige psychologische Bezeichnung) gemacht haben. Durch die Begegnung mit dem autistischen Manfred kehrt seine alte Angst aus der Realität herauszufallen zurück - er beginnt erneut Menschen als Dinger aus Drähten zu sehen und fürchtet den gesellschaftlichen Erwartungen nicht mehr entsprechen zu können: "Ich würde alles darum geben, wenn ich darüber hinwegtäuschen und eine Rolle spielen könnte." - Um Missverständnissen vorzubeugen: Das alles soll jetzt nicht bedeuten, dass Dicks Romane primär gesellschaftskritische Satiren sind - sie warten einfach mit einer erstaunlichen Vielzahl von Bedeutungsebenen auf. Und ebenso viele gute Gründe gibt es daher, dieses Buch zu kaufen.

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Warum als Androiden Verdächtigte nicht einfach an einem Röntgenschirm vorbeigescheucht werden,

....ähm, was soll das bringen? die androiden sind bei Dick und Scott, wenn ich nicht komplett irre, keine roboter sondern vielmehr genetisch gezüchtete super-menschen (abgesehen von den emotionalen defiziten) - da findet man also kein metall am röntgenschirm :P

J. Josefson
01

Gentechnisch gezüchtet waren die Replikanten im Film - die Androiden des Romans haben offenbar allerhand Mechanisches im Körper (das auch expodieren kann und dergleichen); sollte also funktionieren.

besten dank für die rezession... es wäre ja nicht so das ich noch ein paar bücher unbedingt lesen will bevor ich mir neue kaufe, aber ich denke den vorsatz werd ich mal wieder verwerfen müssen gg

wäre der standard notfalls dazu bereit ein spendenkonto für durch den buchkauf verarmte sifi leser einzurichten? :)


und kurz mal off topic, weiß jemand warum "die straße" im thalia unter den romanen statt sifi zu finden ist? damit hatte ich wirklich nicht gerechnet und eine halbe stunde umsonst gesucht bevor ich auf die grandiose idee kam nachzufragen ;)

Bei den Büchern die Cormac McCarthy bisher geschrieben hat, wäre es irgendwie seltsam, wenn plötzlich eines von ihm unter Scifi und nicht bei seinen restlichen Büchern zu finden wäre.


Ist weniger seltsam als die Bücher von Neil Stephenson die noch immer unter SciFi eingeordnet sind obwohl die letzten paar allesamt entweder in der Gegenwart oder in der Vergangenheit spielen...

Bei Leuten die sich nicht an das Genre ketten haben solche Themenregale eben ihre Grenzen.

In Thalia Landstraße findet man den Baroque Cycle unter den historischen Romanen und "Cryptonomicon" unter den Thrillern. Dort haben sie auch Baxters "Letzte Flut" eingeordnet.

betreffend gott schütze amerika

habe ich meinen wunsch wahr gemacht und das buch gelesen.

eine anfänglich witzige später teilweise erschrekcende reise durch sexuelle "perversionen". durchaus witziger plot. darin umfasst auch eine herzige liebesgeschte. jedenfalls nicht schlecht das buch.

kann mir auch vorstellen das der eine oder andere wortwitz durch die (gefühlsmäßig) nicht rauschende übersetzung untergeht.

Also mich täte schon interessieren wie der Herr Schreiberling anhand der Postings erkennen will, ob das Publikum hier männlich oder weiblich, romantisch oder unromantisch veranlagt ist. Glaubt er wirklich, dass weibliche Postings sich durch besonders "blumige" und "flockige" Sprache zu erkennen geben und dass Frauen nur auf Teenievampirschmus stehen? Kenne genügend Frauen die auf auf Sci-Fi/Fantasy/Horror stehen, ganz abgesehen von der lesbischwulen Community bei der Sci-Fi usw. extrem populär ist.
Ansonsten ist die Rubrik wirklich gelungen und freu mich immer darauf. Schade dass es in Wien kein Sci-Fi/Fantasy Filmfestival gibt. :-(

J. Josefson
03
20.7.2009, 12:03

Hm. Wie kommen Sie übrigens auf einen "Herrn" Schreiberling?

jössas!

du willst doch wohl keine zitrone!

*g*

Gar nicht mal schlecht! :-)

"Schade dass es in Wien kein Sci-Fi/Fantasy Filmfestival gibt. :-( "

was sollte man da denn zeigen?

Die Heyne-Ausgabe von Philip K Dicks Werk ist von der Gestaltung her sehr gelungen, leider teilweise schon vergriffen und kein Nachdruck geplant.

Philip K. Dick

*verneig*

Der größte der Großen.

Mir gefallen allerdings VALIS *niederknie* und die 3 Stigmata des Palmer Eldritch am besten von ihm.

und letztlich so gescheitert.

ich habe geweint, als ich blade runner zum ersten mal gelesen habe.

Palette an gesellschaftlichen Entwicklungsständen in der High Fantasy eben begrenzt

Eine ziemlich hochmütige Ansage. Nur weil einem Fantasy nicht gefällt heißt das noch lang nicht daß es keine originellen Exponenten dieses Genres gibt.
Die Qualitätsstandards deutscher Phantastik könnten höher sein - die Vielschreiber orientieren sich leider eher an Hohlbein als an Jack Vance - leider!

ich lese gerade kate wilhelms

where late the sweet birds sang.

zum ersten mal scheine ich in einem englischen buch so etwas wie sprachliche schönheit zu erkennen (es dauert viele jahre, bis man so weit kommt, offenbar).

wilhelms vision einer von naturkatastrophen und seuchen vernichteten menschheit und deren einziger überlebender (nämlich einer gruppe geklonter kinder) besticht weniger durch science, als vielmehr durch die sozialwissenschaftliche seite: kern des sehr kurzen buches ist doch die frage, was den menschen eigentlich zum menschen macht.

und da lese ich seiten, und hin und wieder gibt es da sätze oder auch nur kleine wortgruppen, die plötzlich gefühle auslösen, die überraschend schön sind, die in ihrer sprachlichen schlichtheit erhaben sind.

Unromantisch veranlagt?



Natürlich nicht! Totale Romantiker sind wir Männer allesamt. Aber nur im richtigen Leben. Beim Bücher lesen wollen wir die Abenteuer lesen für die wir eigentlich geschaffen wären!
Bzw. ganz konkret für diese Rubrik: Abenteuer für die wir geschaffen wären, würden wir in der richtigen Zeit leben, bzw. in der richtigen Alternativwelt leben.

Im realen hier und jetzt bleibt uns eh nur die Romantik.
Lesen solcher Bücher ist die Flucht aus der Realität und da wollen wir weder ein Buch über Romantik, noch ein Buch darüber wie Pärchen am Wochenende ins Kino gehen und anschließend fein essen gehen und dann...

Mir drängt sich immer mehr der Verdacht auf, dass Waren Ellis sein Buch tatsächlich unter dem Einfluss der Illuminatus-Trilogie (und ein paar anderer Substanzen ;-)) geschrieben hat.

Der Plot und die Bedeutung der Zahl 23 legen diesen Verdacht nahe...
http://de.wikipedia.org/wiki/Illuminatus!

also der plot zu "gott schütze amerika"

muss einem erst mal einfallen. das buch schnappe ich mir.

es gibt sie also noch...

...die Leute, die zugedröhnt Bücher schreiben ;-)

Ich dachte, die Illuminatus-Trilogie von Robert Shea und Robert Anton Wilson wäre das letzte Werk dieser Art gewesen.

kaufen sie sich die kronen zeitung

ich hatte aber auch den eindruck m.c. escher hätte zugedröhnt gemalt:)

Philip K. Dick weilt lange nicht mehr unter uns, Bruder.

Der folgende Link kann keine Originalität beanspruchen, aber der Artikel ist recht informativ:
http://de.wikipedia.org/wiki/Philip_K._Dick

Naja, Warren Ellis halt :)

Der Zusammenfassung nach könnte das Buch durchaus in seinem "Transmetropolitan"-Universum spielen (das würde ich übrigens auch wärmstens empfehlen).

Nach dem Buch muß ich mich umsehen :-)

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