Rundschau: Agenten, Aliens & Analstöpsel

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coverfoto: heyne

Philip K. Dick: "Blade Runner / Ubik / Marsianischer Zeitsturz"

Broschiert, 847 Seiten, € 14,40, Heyne 2009.

Nachdem Heyne über die Nuller Jahre hinweg eine umfassende Philip K. Dick-Bibliothek - darunter auch die drei hier zusammengefassten Romane - wiederveröffentlicht hat, kommen nun die Schnäppchenjäger zum Zuge. Respektive diejenigen, die bei den dezent aufgemachten Einzelbänden noch gezögert haben. Zu derart hochgradig kanonischen Werken überhaupt noch etwas zu sagen, erübrigt sich fast - nur eine Frage bleibt wieder offen: Nämlich ob man "Blade Runner" ("Do Androids Dream of Electric Sheep?", 1968) wirklich einen Gefallen tut, wenn man den Titel der Verfilmung anstatt des bis dahin verwendeten "Träumen Androiden von elektrischen Schafen?" darübersetzt. Immerhin unterscheidet sich Ridley Scotts Klassiker - den wohl mehr Menschen gesehen als das Buch gelesen haben - vom Original beträchtlich.

Androidenjäger Rick Deckard ist hier kein Loner, sondern ein verheirateter und durchaus bürgerlicher Charakter: Die "Zauberflöte" treibt ihm die Tränen in die Augen, und am meisten wurmt es ihn, dass er sich das wichtigste Statussymbol seiner atomar verseuchten Zeit - eine lebendes Tier - nicht leisten kann und bloß eine elektrisches Schaf auf dem Dach stehen hat. Die Androidenjagd sieht er daher auch primär unter dem Gesichtspunkt, sich endlich ein lebendes Schaf - oder vielleicht sogar einen Strauß - leisten zu können. Die satirischen Züge des Romans, der unverkennbar den Atem der 60er Jahre verströmt, kommen in vielen Szenen zu Tage - und wenn Rick und seine Frau Iran mittels einer Stimmungsorgel ihre Gefühle für den Tag festlegen, wirkt das wie ein Weiterspinnen der Wirtschaftswunderträume vom vollautomatischen Haus auf dessen Bewohner und erinnert eher an Doris Day- und Jacques Tati-Filme als an Scotts düsteres Film-L.A. - Und während wir im Film alle mit Deckard rätseln, ob er nun selbst ein Replikant ist, geht es im Roman um die viel grundlegendere Frage, wo die Grenzen der Menschlichkeit an sich zu ziehen sind. (Warum als Androiden Verdächtigte nicht einfach an einem Röntgenschirm vorbeigescheucht werden, anstatt komplizierte Psychotests mit ihnen durchzuführen, bleibt nebenbei bemerkt unbeantwortet - aber um technische Aspekte ging es Dick auch nicht wirklich.) Während die Androiden immer komplexer und intelligenter konstruiert werden, scheint sich die Menschheit in einem Prozess der Rückentwicklung zu befinden. Als Spatzen- und Ameisenhirne bezeichnete geistig eingeschränkte Menschen treten immer häufiger auf, und Manipulationen an der Psyche - siehe Stimmungsorgel - lassen die Grenzen zwischen natürlich und künstlich weiter verschwimmen. Trotzig halten die Romanfiguren an der auf Empathie beruhenden Religion des Mercerismus als untrüglichem Wesensmerkmal der Menschlichkeit fest - doch kauft man ihnen diesen "entscheidenden Unterschied" wirklich noch ab?

Noch absurder ist die Wirtschaftswunderwelt in "Ubik" (1969), wo Türen für ihre Benutzung Münzeinwurf verlangen und Moratorien kurz vor dem Tod stehende Menschen in der Kaltpackung einlagern - gelegentlich taut man sie auf, damit man noch mit ihnen sprechen kann. Das seinem Namen entsprechend allgegenwärtige "Ubik" (Salatdressing? Putzmittel? Haarfestiger? jedenfalls ungefährlich ... wenn nach Vorschrift verwendet) wird zur Einleitung jedes Kapitels beworben und Anti-Psi-Schutzgesellschaften bieten ihre Dienstleistungen feil, da Telepathen und "Präkogs" Unternehmen unterwandern. Glen Runciter ist der Leiter einer solchen Schutzgesellschaft und fliegt mit einem grell gekleideten Einsatzkommando auf den Mond, um seinen Erzfeind auszuschalten. Der Einsatz geht jedoch schief, Runciter kommt zu Tode und die Überlebenden um Joe Chip kehren nach Hause zurück ... nur um zu erleben, wie sich rings um sie die Realität aufzulösen beginnt: Gegenstände verfallen, die Gegenwart scheint der Vergangenheit zu weichen und die Welt in die 30er Jahre zurückzustürzen. Im folgenden Katz-und-Maus-Spiel rätseln sie, von wessen Psi-Kräften sie hier manipuliert werden - während in Reklametexten Botschaften des verstorbenen Runciter auftauchen. Viel stärker noch als in "Blade Runner" werden die Romanfiguren hier mit einer klassischen Philip K. Dick-Frage konfrontiert: Befinde ich mich noch in der Realität? Und wenn ja ... in welcher?

"Marsianischer Zeitsturz" schließlich ("Martian Time-Slip", 1964) versetzt seine ProtagonistInnen auf einen Mars, der zwar trocken und trostlos ist, aber dennoch nach Wildwest-Manier kolonisiert wird: Staaten und Privatorganisationen stampfen Siedlungen aus dem Boden, die einheimischen Bleichmänner wurden von den "Marskanälen" in die Ödnis verdrängt oder dürfen für menschliche Dienstgeber schuften (ähnlich der Rolle der Androiden-Sklaven in "Blade Runner": "...kommen die herrlichen Zeiten der Südstaaten vor dem Bürgerkrieg wieder!" tönte da die Werbung). Und es sind ökonomische Motive, die die meisten Protagonisten antreiben: Sei es der Lebensmittelhändler Norbert Steiner oder der Psychiater Milton Glaub (wie in "Simulacra" spielt psychologische Forschung alten Zuschnitts hier eine große Rolle): sie alle versuchen sich am american way of life und scheitern. Der Chef der Kanalarbeitergilde Arnie Kott wiederum hat schon ein großes Stück vom Kuchen, hätte aber gern noch ein größeres. Als er hört, dass der "Autismus" eines Jungen (die psychologischen Zuordnungen würden heutigen Diagnosen eher nicht entsprechen) möglicherweise an einem veränderten Zeitempfinden liegt, wittert er darin eine Chance die Zukunft vorherzusehen und so bessere Geschäfte zu machen.

Nur der Mechaniker Jack, die eigentliche Hauptfigur des Romans, jagt nicht allein dem Geld hinterher. Für ihn war der Mars einst Zufluchtsort, nachdem ihn wie so viele andere auch die Arbeits- und Produktionsverhältnisse auf der Erde "schizophren" (wieder eine wackelige psychologische Bezeichnung) gemacht haben. Durch die Begegnung mit dem autistischen Manfred kehrt seine alte Angst aus der Realität herauszufallen zurück - er beginnt erneut Menschen als Dinger aus Drähten zu sehen und fürchtet den gesellschaftlichen Erwartungen nicht mehr entsprechen zu können: "Ich würde alles darum geben, wenn ich darüber hinwegtäuschen und eine Rolle spielen könnte." - Um Missverständnissen vorzubeugen: Das alles soll jetzt nicht bedeuten, dass Dicks Romane primär gesellschaftskritische Satiren sind - sie warten einfach mit einer erstaunlichen Vielzahl von Bedeutungsebenen auf. Und ebenso viele gute Gründe gibt es daher, dieses Buch zu kaufen.

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