derStandard.at-Interview

"Wer Bildung objektiviert, ist nicht gebildet"

24. Juni 2009 15:32
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    Rudolf Taschner befürchtet, dass durch eine zentralisierte schriftliche Mathematik-Matura der Freiraum und die Individualität im Unterricht verloren gehen könnten.

Mathematiker Rudolf Taschner erklärt, warum er ausschließlich zentral gestellte Matura-Aufgaben nicht für sinnvoll hält

"Wenn nur mehr 'teach to the test' praktiziert wird, haben die Lehrer gar keine Möglichkeiten mehr, den Unterricht selbst zu gestalten", sagt der Mathematiker Rudolf Taschner. Er ist dagegen, dass alle Matura-Beispiele in Mathematik künftig zentral erstellt und abgeprüft werden sollen. Im Interview mit derStandard.at spricht er über seine Beweggründe und die Vorteile eines Unterrichts, in dem auch Platz für die Spieltheorie ist. Die Fragen stellte Teresa Eder.

***

derStandard.at: Herr Taschner, sind Sie ein Gegner der Zentralmatura?

Taschner: Nein, allerdings bin ich der Meinung, dass in Mathematik nur ein Teil der Beispiele zentral gestellt werden sollte. So weiß man, dass eine Mindestqualifikation erfüllt ist, was auch sehr gut ist. Die anderen Beispiele sollen aber dann von den Lehrerinnen und Lehrern selbst gestellt werden dürfen.

Die schriftliche Matura dauert in Mathematik normalerweise vier Stunden. Der Prüfling hat also Zeit sich zwei Stunden mit dem zentralen Teil zu beschäftigen – das ist meiner Meinung nach ausreichend – und der Rest der Zeit ist für die Schwerpunkte, die die LehrerInnen gesetzt haben, da.

derStandard.at: Sie wollen also, dass nur das "Grundwissen" zentral abgefragt wird, der Rest aber individuell. Was zählt denn zum "Grundwissen" in Mathematik?

Taschner: Diese Grundfragen sollen so gestellt werden, dass jeder Normalbürger, der maturiert hat und nicht mehr mit der Schule in Kontakt ist, das Empfinden hat, dass diese Beispiele sinnvoll und nach einer endlichen Zeit von ihm und jedem anderen auch selbst gelöst werden können.

Jeder wird einsehen: Ein Aufgabe über die Bevölkerungskurve, bei der ausgerechnet werden soll, wieviele Pensionisten oder arbeitende Menschen sich darunter befinden, ist zum Beispiel sinnvoll. Um zu sehen, wieviele Arbeitende auf einen Pensionisten kommen.

Die Beispiele sollen lebensnah und relativ einfach sein; nicht gekünstelt. Sie sollen wirklich die Grundkompetenzen abdecken, so dass nachher gesagt werden kann, dass jemand die Fähigkeit hat zu studieren.

derStandard.at: Sie fordern, dass die Lehrer individuelle Aufgaben stellen können. Lässt es der Lehrplan überhaupt noch zu, Schwerpunkte zu setzen?

Taschner: Sicher. Es wäre zum Beispiel toll, wenn Professoren sagen: jetzt habe ich den erforderlichen Stoff durchgemacht, meine Klasse ist gut vorbereitet und jetzt mache ich ein bisschen Spieltheorie. Das ist an sich nicht im Lehrplan vorgesehen, aber ein sehr spannendes Thema. Die ganze Wirtschaft lebt davon: Wie gestalte ich eine Auktion? Wie entscheide ich, welche Firma von zweien den Zuschlag bei einer Ausschreibung erhält?

derStandard.at: Aber muss dieser individuelle Stoff auch bei der Matura gefragt werden?

Taschner: Wenn nur "teach to the test" praktiziert wird und man weiß, dass bei der schriftlichen Matura sowieso nur die Beispiele kommen, die einem gewissen Schema entsprechen, hat der Lehrer gar keine Möglichkeiten mehr den Unterricht selber zu gestalten. Denn sobald ein Lehrer sagt: Jetzt können wir bei diesem Vermessungsbeispiel ein bisschen tiefer gehen, zeigt hinten der „kleine Wolfi“ auf und fragt: Brauchen wir das bei der Matura? Wenn das nicht der Fall ist, sagen die Schüler: Dann üben wir lieber für die Matura, weil da wollen wir durchkommen.

Wenn ein Lehrer sich dem widersetzt, dann kommen die Eltern zum Direktor und sagen: der Lehrer muss dazu angehalten werden, dass mein Kind bei der Matura durchkommt. Mehr interessiert die Eltern ja nicht.

Der individuelle Stoff kann auch eine Bestätigung für die Kinder sein, weil sie wissen, dass sie mehr als das minimale Matura-Niveau können.

derStandard.at: Sind Sie grundsätzlich der Meinung, dass Bildung in gewissem Maße vergleichbar sein muss?

Taschner: Ja,  aber ich bin für ein "Sowohl als auch".  Ich plädiere für einen angemessenen Spielraum und ein angemessenes Maß des zentralen Teils. Ob dies die Hälfte ist, oder mehr oder weniger - das ist verhandelbar.

derStandard.at: Sie sehen keine Gefahr darin, dass Bildung immer objektivierbarer werden soll?

Taschner: Bildung können Sie nicht objektivieren. Sie können Ausbildung objektivierbar machen. Bildung per se ist nicht objektivierbar. Wer Bildung objektiviert, ist nicht gebildet. (Teresa Eder, derStandard.at, 24.06.2009)

Zur Person

Rudolf Taschner studierte Mathematik und Physik und ist seit 1977 an der TU Wien tätig. 2004 wurde er zum Wissenschafter des Jahres gewählt. Mit seinem Projekt "math.space" bietet er Mathematikvorträge für Kinder und Erwachsene an.

Pro & Contra Zentralmatura

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Ein Vergleich auf niedrigem Niveau

 

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Posting 1 bis 25 von 82
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susi.j.
07.09.2009 20:45
Danke Herr Taschner!

Sie sprechen mir aus der Seele. Minimalanforderungen für alle, der Rest liegt im Ermessen des Lehrers und im Leistungsniveau der Schüler. Bildung ist vielschichtig und nicht objektiv messbar.

trace route
29.06.2009 12:52
Was kann eigentlich ein Mathematik-Lehrer dafür, ...

... wenn er künftig in einer Schule unterrichtet mit einem Einzugs-Gebiet von vorwiegend Minderbegabten? Der wird sich ja sehr anstrengen müssen, dennoch werden die von ihm betreuten Kinderchen niemals zu den Besten gehören...

Umgekehrt falls es künftig eine Prämie geben wird für jene Mathematik-Lehrer deren Schüler die "besten" Zentral-Matura Noten erzielen, nur weil die Schule schwere Aufnahme-Tests hat und einfach die Begabtesten Kinder auswählt?

Ist doch beides völlig unfair, nicht wahr? Eigentlich sollte der Lehrer eine Prämie bekommen, der mit den sehr wenig begabten Kindern arbeitet und sich bemüht, diese zu motivieren. Denn das ist eindeutig die schwierigere Arbeit...

E. Pagliacchi
26.06.2009 10:05
Letzter Absatz

Man nehme hoch bewertete Begriffe, und konstruiere damit Unmöglichkeiten. Das ist ein lustiges Spiel, ohne intellektuelle Ambition.

Beispiele?
Wahrheit ist nicht erkennbar.
Schönheit ist nicht erklärbar.
Liebe ist nicht definierbar.

So errichtet man Denkverbote und Tabus. Ebenso mit der Aussage: Bildung ist nicht objektivierbar.

Ich halte mich an Galilei: Alles, was messbar ist, zu messen, und alles, was noch nicht messbar ist, messbar zu machen.

Mit den abgeschwächten Interpretationen
Objektiv (=intersubjektiv nachprüfbar) und
Schulbildung (=AHS-Lehrplan) lässt sich Taschners Aussage an Hand der Praxis, wie sie in anderen Ländern gelebt wird, widerlegen.

susi.j.
09.09.2009 19:58

Bildung hat aber absolut nichts mit Ausbildung zu tun!

mountaineer
27.06.2009 10:09

Der Mann hat nicht Unrecht.
Im Übrigen würde ich Galilei nicht mit den Bestrebungen Schmieds vergleichen wollen. Ist doch ein kleiner weltanschaulicher Unterschied zwischen den beiden. Kommt etwas grotesk.

notorischer Besserwisser
 
26.06.2009 22:49
Interessante These

Ich hab nur ein Problem mit ihrer 2. "abgeschwächten Interpretation":

Ich denke, Sie schwächen damit nicht nur ab, Sie verengen den Begriff und verändern ihn damit wesentlich, und das zweimal - einmal, indem Sie nicht von Bildung sondern von Schulbildung sprechen (eine Gleichsetzung ließe sich nur bei einem idealen Schulwesen vertreten), und das zweite Mal durch die Gleichsetzung mit einem Lehrplan, also einem inhaltlich klar abgesteckten Kanon.

es bleibt alles anders
26.06.2009 15:54
messbar machen

Die Frage ob Wissen als solches messbar gemacht werden kann, sei einmal dahin gestellt.
Wissen ist dynamisch und von daher mMn kaum quantifizierbar und wenn dann nur als Momentaufnahme.
Der Ansatz der bei der Matura (zentral vorgeben oder nicht) ist der, das Nicht-Wissen über ein bestimmtes Teilgebiet einer Wissenszisziplin nachgewiesen wird.
Wenn mans von der Seite betrachtet, wird der gefragte Mensch beim "Nichtwissen" zumindest nicht zum "Nichts-Wisser".

zockah
25.06.2009 14:05
Eine Einzelmeinung von irgendeinem Pädagogen


Na und?

Mr Bunbury
26.06.2009 16:19

Haben Sie schon einmal in Großbritannien gelebt? Dort wird es genauso gemacht - die Schüler lernen stupide Strukturen für ihre Deutschmatura auswendig, die immer nach dem selben Schema abläuft. Sobald auch nur eine kleine Änderung kommt, können sie nichts mehr sagen und sind völlig aufgeschmissen. Ganz, ganz mieses Niveau. Beispiel: Ich hatte eine Studentin, die zwar super sagen konnte "Ich bin in den Urlaub geflogen", mit "fahren" konnte sie das aber nicht sagen, weil sie nur bestimmte Verben in der Vergangenheit gelehrt bekommen hatte, aber nicht, wie man die Vergangenheit bildet. Die Dame hat mit "sehr gut" maturiert.

Sie haben offenbar überhaupt keine Ahnung von der Thematik, also sollten Sie besser schweigen.

Michael K77
25.06.2009 15:08
Nur weil irgendein Poster einen der führenden

Mathematik-Didaktiker nicht kennt, spricht das nicht gegen Prof. Taschner.

Abgesehen davon, dass er sich sehr differenziert äußert.

cipf
 
25.06.2009 13:15

Verzeihen meine insubordinenz Herr Doktor, aber ich wage zu widersprechen.
Bildung, bzw. ob jemand gebildet ist oder auch nicht, dieses lässt sich - in annähernd ähnlich gestalteten Kulturkreisen - schon objektivieren.
Dass interkulturell schon mit verschiedenen Messbechern objektiviert werden muss - das ist, ohne Wertung darüber, welcher Messbecher jetzt "besser" ist - ist, wenn das gemeint war, unbestritten.

Cpt Caveman
26.06.2009 11:37

Man kann beispielsweise immer noch nicht genau sagen welche Formen von Begabungen und Talenten es gibt (die Forschung ist da immer noch sehr lebendig) und du behauptest einfach so dass man Bildung objektivieren kann? Ja, deinen Widerspruch halte ich für sehr gewagt. Betrachte meinen Einwand als nur eines von vielen Beispielen dafür, warum sich Bildung halt doch nicht wirklich messen lässt.

cipf
 
29.06.2009 09:21

Verzeihen meine Beharrlichkeit, aber Talente und Begabungen waren nicht angesprochen.
Es geht um "Bildung" - von "etwas (in einem Menschen) heranbilden". Diesen Vorgang kann man schon normieren.
Das Ergebnis hingegen, eher wohl nicht. Da stimme ich schon zu. Aber es geht ja um den Zugang, nicht um das Ergebnis (wie immer im Schulbetrieb ;-))

Nitram1988
25.06.2009 11:53
In meiner Schulzeit haben immer gleich viele aufgepasst, obt der Stoff jetzt zu einer Prüfung kommt oder nicht.

bangser
25.06.2009 11:43

... "jetzt habe ich den erforderlichen Stoff durchgemacht" ...

Habe noch nie einen Lehrer erlebt, der den Stoff durchgebracht hätte

notorischer Besserwisser
 
25.06.2009 16:27
...was aber vielleicht auch

an den Lehrplänen und (in manchen Fächern) der Stundenanzahl liegt.

miesebriese
25.06.2009 13:37

mein mathe prof. hat es anno dazumal geschafft, spieltheorie war eine seiner weiteren alternativen

Shanajio
25.06.2009 10:26
Normalbürger

"Diese Grundfragen sollen so gestellt werden, dass jeder Normalbürger, ... von ihm und jedem anderen auch selbst gelöst werden können."

Ich glaube da ist der Herr Taschner ein bißchen weltfremd. Weit über 1+1=? werden diese Fragen vom Niveau her nicht kommen ...

Saurer Zivi
25.06.2009 09:42
weg mit dieser form von matura überhaupt...50% der matura sind die noten der oberstufe. punkt. 50% eine schulinterne prüfung. Prof T hat recht: guter unterricht hat auch einen "fun factor", also unterhaltungswert.

re lebenspraktische beispiele: bevölkerungskurve/n über arbeitende/pensioniste. fazit:uninteressant. weil: viel zu wenig lebensbezug.

warum setzen wir nicht beim alltäglichen an - den mietzahlungen! jeder wohnt u zahlt miete bzw BK im ausmaß seiner nutzfläche. betriebs u bewirtschaftungskosten samt richtwerten richten sich strikt danach.

wenn sich der liebe herr prof dann aber auf seinen monatlichen rechnungen anschaut, was da so draufsteht:"manipulationsspesen", "edv-gebühr" etc wird ihm die professorale Grausbirn aufsteigen.

als mathegenie möge man es nicht wagen, die Nutzflächenwerte der Hausverwaltung zu bezweifeln. sonst verliert man gar seine wohnung! wer gut rechnet, kommt ständig drauf dass er hint u vorn besch***en wird!

torch
 
26.06.2009 12:15

Die (W)NF können Sie amtlich überprüfen lassen ... das machen viele Leute und die in den Plänen ange- geben Maße beziehen sich je nach Bauart bzw. Konstruktionsart/Baualter zum Teil noch auf Rohbaumaße.

Und wenn Sie draufkommen können Sie bei der HV eine Differenz der NF geltend machen, ein Gutachten eines hiefür befugten Ziviltechnikers bringt sie da weiter.

Saurer Zivi
26.06.2009 18:53
alles schon mehrfach gehabt... Sie können nicht nur die Wohn Nfl sondern auch die Geschäftsraumnfl amtwegig überprüfen lassen.

es werden dann alle anstrengungen unternommen, das zu vereiteln. es wird behauptet, das MRG gilt für das haus nicht. lesen Sie mal § 1 MRG komplett mit judikatur und nebengesetzen. in ca. einem jahr haben Sie dann einmal den durchblick bis in die details des komplizierten förderungs- und ausnahmenrechts.

weiters haben wir sukzessivzuständigkeiten, also ein zweigleisiges antragsverfahren. es passiert nicht selten, dass sie nach 1 jahr der antragstellung genau dort stehen, wo sie vor einem jahr schon waren - wenn der antrag vom BG wieder als MSchli eingestuft und zurückverweisen wird.

das ist die realität. leider spielt mathe hier nur periphär eine rolle. obwohl ich mich ja gerne als mathe-freak, der sich nicht verrechnen will, oute!

ghoefi
25.06.2009 09:17

man würde sich die diskussion sparen, gäbe es aufnahmsprüfungen für das studium...

therd
25.06.2009 22:40

Wozu?

Entweder man schafft das Studium, aber eben nicht.

In meinem Studium (Mathematik) hat man einfach gemerkt, dass von der Schulbildung deutliche Unterschiede bestanden am Anfang des Studiums, teilw. sind jetzt aber die Leute die besten welche am wenigsten Schulbildung hatten.

Wenn man Lücken aus der Schule hat, kann man diese selber leicht füllen, außerdem wird der Schulstoff schnell sehr irrelevant. (In meinem Studium).

ghoefi
26.06.2009 09:34

man tut sich auch im mathematikstudium von anfang an leichter, wenn man gewissse rechenfertigkeiten schon hat (Differenzieren, Integrieren, mit Summen,Folgen und Reihen hantieren), da viele Beweise (grad am Anfang) "durchzurechnen" sind. Fast alle Männer und auch sehr viele Frauen haben vor Beginn des Studiums massenhaft Zeit (6 Monate Präsenzdienst bei 15 Monaten Wartezeit auf den Studienbeginn etwa). Eine gezielte Wiederholung des Schulstoffes für ein hoffentlich dann schon gewähltes Studium würde viel bringen. Macht aber keiner, denn es gibt ja keine Hürde am Anfang. Das Bewusstsein ist nicht da, dass man sich vorbereiten sollte und kann, leider wird das auch seitens der Universität nicht gefördert (Mit zB Literaturempfehlungen)

torch
 
26.06.2009 20:30

Wer die "Wartezeit" nicht zu einem Besuch von Vorlesungen, die sind bekanntlich öffentlich nutzt, der legt schon eine gewisse Gleichgütigkeit und Ambitionslosigkeit in Hiblick auf seine Ausbildungsziele an den Tag.

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