Uni-Reform

Betriebsräte sehen Kollektivvertrag konterkariert

24. Juni 2009, 12:21
  • Offener Brief der Uni-Betriebsräte

Massive Verstärkung autoritärer Elemente - mit offenem Brief

Wien - Die Betriebsräte des wissenschaftlichen und künstlerischen Personals an den Universitäten protestieren "aufs Schärfste" gegen die Regierungsvorlage des "Universitätsrechts-Änderungsgesetzes 2009". Besonders stören sie jene Bestimmungen, die den erst kürzlich abgeschlossenen ersten Kollektivvertrag (KV) für Unis "konterkarieren, ehe dieser in Kraft getreten ist", heißt es am Dienstag in einer Aussendung der Betriebsrätekonferenz.

Stimmrecht gefordert

Durch die Neuregelung der Kompetenzen von Senat, Universitätsrat und Rektorat in der von Wissenschaftsminister Johannes Hahn (ÖVP) geplanten Novelle zum Universitätsgesetz (UG) fürchten die Betriebsräte eine "weitere massive Verstärkung autoritärer Elemente und Möglichkeiten politischer Einflussnahme". Als Korrektiv fordern die Personalvertreter zumindest das Stimmrecht der Betriebsräte im Universitätsrat.

Kritik üben die Betriebsräte an der deutlichen Ausweitung der Möglichkeiten von Kettenverträgen, nicht nur zeitlich, sondern auch von der Anwendung her. Schon jetzt werde den Unis ermöglicht, großzügige Aneinanderreihungen von befristeten Arbeitsverträgen zulasten einer vernünftigen Lebensplanung der betroffenen Arbeitnehmer durchzuführen. Nun sollen diese Befristungen um vier Jahre auf bis zu zwölf Jahre ausgeweitet werden. Für den Betriebsratsvorsitzenden an der Universität für Musik und darstellende Kunst, Stefan Schön, ist das geradezu eine "Einladung" an die Unis für solche Kettenverträge, wodurch die vereinbarten Beschäftigungsmodelle des KV auf das Gröbste unterlaufen würden.

Keine Vertretung für freie Lektoren

Schlechterstellungen sehen die Betriebsräte auch für Lektoren: Jene, die nicht mehr als sechs Semesterstunden lehren, sollen laut UG-Novelle künftig nur mehr als freier Dienstnehmer beschäftigt werden. Dadurch wären sie vom Geltungsbereich des KV ausgeschlossen und eine Vertretung durch die Betriebsräte nicht möglich. Die Personalvertreter fordern eine freie Wahlmöglichkeit zwischen Anstellungsverhältnis oder Beschäftigung als freie Dienstnehmer für die betreffenden Lektoren.

Als zu korrigierendes "redaktionelles Versehen" werten die Betriebsräte, dass wissenschaftliche Mitarbeiter in Ausbildung zum Facharzt vom Wahlrecht zur korrekten Vertretungsgruppe im Senat ausgeschlossen sind. Immerhin würden diese Mitarbeiter im klinischen Bereich vieler Medizinuniversitäten 50 Prozent der Praktika des Studiums der Humanmedizin unterrichten. (APA)

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12 Postings
oskar-marie
00
30.6.2009, 11:45
zusatzverschlechterung statt notwendiger korrektur

Zuerst wurde klammheimlich eine Übergangsregelung in der KV reingenommen, die in vielen Fällen tatsächlich 300.-€netto/m WENIGER für jene vor 1.10 Angestellten bedeutet (u.v.m.). Und jetzt auch noch Kettenvertragsverlängerungen - Änderung des §109? LektorInnen als freie DienstnehmerInnen - Änderung des §100?
"Senior Lecturer" als nicht forschendes Lehrpersonal (oder philantropisch nachts auf Privatkosten)?
Ich hab sicher noch einiges an Unzumutbarkeit ausgelassen.
Wo bleibt die mediale Berichterstattung über freie LektorInnen, Drittmittelangestellte und NachwuchsforscherInnen?

Druckmittel der univ. Arbeitgeber: Wien ist eine schöne Stadt - die BewerberInnen stehen Schlange! Also wollen Sie mitmachen oder nicht?

good bye Austria!

per verser
01
26.6.2009, 15:10
ich finde das gerecht...

zuerst fielen ober- und mittelbau den studentInnen in den rücken.

jetzt sind sie selber dran - und schreien.

selbst schuld, ihr habt gedacht, daß ihr zu den neoliberalen gewinner gehört. jetzt werdet ihr durchrationalisiert und durchliberalisiert.

es braucht ohnehin bald nur mehr wenige von euch, wenn hahn den großteil der jungen menschen aus dem studium gesperrt hat.

die uni geht kaputt, und ihr habt das mitzuverantworten.

oskar-marie
00
25.6.2009, 15:54
Petition zugunsten des akademischen Mittelbaus der Universität Wien, Juni 2009

Zur Komplexität der Situation siehe Petitionstext
http://www.ig-elf.at/fileadmin... ni2009.pdf


Für eine ‚wirkliche’ Nachwuchsförderung sowie gute und gesicherte Arbeitsbedingungen.

Die von der IG Externe verfasste Petition umfasst folgende Forderungen:

· Die Einheit von Forschung und Lehre muss beibehalten und gestärkt werden

· Forschung darf nicht zur Privatsache werden

· WissenschaftlerInnen müssen sinnvolle Laufbahnmodelle angeboten werden

Unterstützung per email:

petition_kv@yahoo.de

mit folgenden Informationen: Titel, Name, Institution, Ort

Veronika Lenz
00
25.6.2009, 22:51
der hahn kräht in die falsche richtung

sie glaueben doch nicht, dass das System Feudalismus noch aufzuhalten ist

Theano
00
25.6.2009, 14:13

Lektorinnen und Lektoren sind wie Projektangestellte die Mägde und Knechte der akademischen Einrichtungen. In kurzen Abständen, wenn nicht von Jahr zu Jahr, wird entschieden, ob sie noch am Hof bleiben dürfen. Sozial am unangenehmsten finde ich übrigens die Geschwister der Bauersleute mit unbefristetem Aufenthaltsrecht, die es nicht geschafft haben, vom Hof wegzukommen. Sie meinen, sie hätten sich Besseres verdient, und zeigen den Mägden und Knechten, dass sie zumindest einer anderen Schicht zugehören.

Ian Richardson
00
25.6.2009, 17:02

Genau so ist es. Von Jahr zu Jahr wird meiner Erfahrung allerdings nicht entschieden - sondern von Semester zu Semester...

Ian Richardson
02
25.6.2009, 14:11

Mit der geplanten Novelle fällt eine große Gruppe des wissenschaftlichen Personals, nämlich die Lehrbeauftragten, die an manchen Instituten die Zahl der hauptberuflich Beschäftigten ums Doppelte übersteigen, arbeits- und sozialrechtlich in die Steinzeit zurück. Dem Prekariat wird hier in geradezu unglaublicher Weise Vorschub geleistet. Statt dass Ministerium und Rektorat endlich einen Personal-Entwicklungsplan für Lehre und Forschung an den Universitäten entwickeln, spart man bei den schwächsten Gliedern der Kette - und verstärkt gleichzeitig das autokratische Prinzip des dirigistischen Durchgriffs von oben. Es wird Zeit, dass auch die ProfessorInnenkurie endlich hinschaut und sich diesem Kahlschlag entgegenstellt.

peron 5
03
25.6.2009, 13:15
frechheit

ein echter klassiker für das, was derzeit unter politik verstanden wird: Denen, die schon haben, wird gegeben, denen, die nichts haben, immer noch was genommen. aber auch die unis selbst inkl. der betriebsräte haben sich kein ruhmesblatt erworben: den profs zahlen die unis mit inkrafttreten des kollektivvertrag als einziger personengruppe großzügige pensionsbeiträge, allen anderen nicht einmal ein drittel davon. und damit sich alles schön ausgeht in zeiten finanzieller engpässe, werden jetzt die ohnehin mieserabel bezahlten lektorInnen (die in vielen fächern den großteil der universitären lehre bestreiten) aus dem kollekivvertrag gleich wieder rausgekickt. gehaltsmindestgrenzen, vorrückungen, etc. sind damit elegant umschifft.

dasandere
04
24.6.2009, 23:45
Es ist einfach nur zum Auswandern.

smea_gol
12
24.6.2009, 16:02

Ich bin auf Seiten des Betriebsrats.
Aber: eine sache möchte ich hier schon ansprechen: das die Universitäten jetzt die Verträge studentischer Mitarbeiter und Tutoren kündigen, ums - soferne möglich (Beschäftigungsdauer weniger als 4 Jahre) - wieder befristet anzustellen, nur damit sie dann in den KV fallen, ist außerordentlich grenzwertig. Zwar sowohl von arbeitsrechtlicher Seite wie auch von gestzlicher Lage einwandfrei, aber für die Mitarbeieter - gerade die die schon länger als 4 Jahre dabei sein, und teilweise sehr viel für Lehre und Forschung machen, zu nachlast ihres eigenen Studiums - ist das ein Fusstritt in den Hintern. und ein Spucken auf die Häupter.

Theano
13
24.6.2009, 16:13

Wollen Sie studentische Mitarbeiter(innen) unbefristet einstellen? Befristete Verträge haben schon in manchen Bereichen Ihre Berechtigung. Es sollte jedoch möglich sein, in einer anderen Funktion weiter angestellt werden zu können und, wo sinnvoll, auch unbefristet.

smea_gol
00
28.6.2009, 22:45

es geht darum, dass deswegen rückwirkend bestehende verträge aufgelöst werden bzw. abgeändert werden, OHNE einwilligung der betroffenen.

Weiters: es macht sinn, studentische Mitarbeier unbefristet anzustellen, schließlich will keiner ewig in der position bleiben, überarbeitet und unterbezahlt... daher braucht man sich keine sorgen darüber machen, dass die bis zur pension bleiben...

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