Im Schatten des Olivenbaums

12. Mai 2005, 10:03
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Eingebettet in die das Landschaftsbild dominierenden Olivenhaine erlebt die spanische Provinz Jaén im andalusischen Hinterland eine Renaissance - ihre zweite

Als fauler Mensch könnte man es sich leicht machen und sich die Sehenswürdigkeiten der Provinz Jaén im Ortskern ihres geographischen Zentrums anschauen. In Baeza. Dort, in einer Gasse, die mit "bilderbuchartig" gut beschrieben ist, verkauft ein gewisser Diego Lozano Jiménez nämlich nicht nur sein selbst hergestelltes Zitronen-Kracherl. Der alte, kauzige Brillenträger mit Hang zu wortreichen Erläuterungen seiner selbst, hat sich hobbymäßig den Kathedralen, Kirchen und anderen aus der Renaissance stammenden Prachtbauten der Gegend verschrieben, die er als maßgetreue Miniaturen aus weißem Stein schleift. Exzentriker der er ist, behält er sich jedoch vor, statt etwa einer geschundenen alttestamentarischen Originalfigur einen Punker mit Irokesenschnitt als boshaftes Detail aus einem Kirchenfenster schauen zu lassen. Auch Spaß muss sein.

Den hat der alte Mann in seiner, mit Kunst, Ramsch und Kracherlmaschine voll gestopften Werkstatt dann auch gerne mit jedem, der ihm lauscht. Weil der viele Text auf Dauer aber anstrengend wird und sich die architektonische Vielfalt und landschaftliche Eigenart des andalusischen Hinterlandes im Original ungleich verführerischer ausmachen, führt an ihnen kein Weg vorbei: Die Kathedrale von Jaén etwa offenbart sich vor Ort trotz schülerhafter Skepsis als spannendes Bauwerk. Das in unmittelbarer Nähe dazu gelegene arabische Bad überrascht mit raffinierter Lichttechnik, und die über der Stadt thronenden Ruine Santa Catalina belohnt ihre "Besteigung" mittels Auto mit einem fabelhaftem Blick auf die obligatorische Stierkampfarena, die Dächer der Altstadt und die Hänge der Umgebung.

Im Normalfall bleibt das Landesinnere Andalusiens von Touristen eher unbeachtet. Die Costa del Sol mit ihren Stränden gilt als Hauptanziehungspunkt, und der dahinter liegenden Sierra Nevada wird gerade so viel Aufmerksamkeit zuteil, als ihre Gipfel an klaren Tagen mit freiem Auge auch vom Strand aus zu sehen sind. Und einmal ehrlich: Was fällt einem zu Andalusien sonst noch ein? Cordoba, weil dort 1978 Hans Krankl dem österreichischen Selbstwertgefühle mit drei Türln gegen Deutschland auf die Sprünge half. Der Film Un Chien Andalou der Surrealisten Luis Buñuel und Salvador Dali wegen der grauslichen Szene mit dem Auge und dem Rasiermesser. Andalucia, eine Ballade von John Cale. Und Keramik. Aber dafür müsste man sich interessieren.

Wie wäre es mit Olivenöl? Die Provinz Jaén im Herzen Andalusiens ist der weltweit führende Produzent von Olivenöl jeder Klasse. Seit dem siebten Jahrhundert vor Christus, als die Phönizier mit der Pflanzung von Olivenbäumen begannen, gilt das Öl als wirtschaftliches Zugpferd der Region. Entsprechend offenbart sich die Landschaft Jaéns: Wie von riesigen Kämmen gezogene Olivenbaumgeraden überziehen Hügel und Täler und verleihen der krassen Monokultur einen stoischen und beruhigenden Charakter. Als informativer Botschafter der Tradition und der Bedeutung des Olivenöls erweist sich das Olivenölmuseum auf der Hacienda La Laguna südwestlich von Baeza. Inmitten von bis zum Horizont reichenden

Olivenhainen veranschaulicht es anhand reproduzierter und restaurierter Maschinen die Mühsal, die die Ölgewinnung für Mensch und Tier früher bedeutete.

Weil derlei Schinderei, auch wenn sie nur stellvertretend vorgeführt wird, ziemlich hungrig macht, bietet die Hacienda ihren Besuchern eine Ölverkostung. Diese verdeutlicht Raffinierungsunterschiede und revidiert landläufige Irrtümer wie "je dunkler das Öl, desto besser". Olivenöl ist ja kein Kernöl! Im angeschlossenen Restaurant dürfen schließlich die Schüler der dort betriebenen Hotelfachschule am lebenden Objekt mehrgängig üben. Die anschließende Siesta wird zur wohltuenden Pflicht und entspricht dem gepflegt-beschaulichen Lebenswandel in dieser scheinbar stressfreien Region.

Diese Unaufdringlichkeit besitzt einen infizierenden Charme. Kein Wunder also, dass sich die Provinz Jaén vermehrt über Kurzzeittouristen und Tagesausflügler freut die, abseits lauter Touristenzentren, hier vor allem Kultur und Lebensgefühl finden. Man spricht von einer Renaissance. Der zweiten - nach der dominierenden historischen Epoche. Diese ist an den Stadtbildern ablesbar. Viele Palacios, die lange leer und unbenutzt standen, werden heute renoviert und in Stand gesetzt. In historischen Gebäuden entstehen Museen und Schulen, während dezente Restaurants viele Patios neu definieren.

Im Umwidmen von Gebäuden hat man bereits Erfahrung: In Baeza wurde ein Frauengefängnis aus dem 16. Jahrhundert zu dem ungleich geräumigeren Hotel "Hospedería Fuentenuva" gemacht, und auch in Ubeda, dem verträumten Geheimtipp der Region, wurde ein ehemaliges Gefängnis einer neuen Bestimmung zugeführt. Dort wo früher Tunichtgute ihre Zeit absaßen, ist heute ein Seniorenheim unterbracht. Statt lebenslange Strafen abzusitzen wird heute Karten und Domino gespielt - ebenfalls lebenslang. (Karl Fluch, Der Standard/rondo/21/03/2003)

Info

Spanisches Fremdenverkehrsamt: Walfischgasse 8/14, 1010 Wien, Tel.: 01/512 95 80 13

Link

www.spain.info

www.iberia.com

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    enges Gässchen in Baeza

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