Ewige Kindsköpfe

20. März 2003, 19:46
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Die Sparks spotten über die heutige Jugend und geben sich kommerziell selbstmörderisch: "What are all these bands so angry about?"

Gewöhnlich findet man in den diversen Listen etwaiger bester Songs aller Zeiten statt unseren heutigen Helden meistens Queen und Bohemian Rhapsody. Wenn es aber darum geht, klassische Musik mit Pop, Größenwahn und purer Dreistigkeit zu koppeln, muss an Stelle der vier Briten entschieden mit dem kalifornischen Brüderpaar Ron und Russell Mael argumentiert werden. 1974 vermochten die von L. A. der schönen Künste und des alten Europas wegen nach London emigrierten Sparks immerhin mit der Single This Town Ain't Big Enough For The Both Of Us einen der genialsten Würfe der 70er-Jahre zu landen.

Der Glamrock von T. Rex, David Bowie oder Roxy Music und die etwas prolligere und bezüglich Brusthaaren wolligere Variante mit The Sweet und Slade wurde mit grandios mit dem Vorschlaghammer dargebrachtem Buffo-Sängertum einer italienischen Oper für die ganz Eiligen gekoppelt. Wie die Sparks mit Hitler-Bart-Träger Ron und dem androgynen, hysterischen Falsett-Tragöden Russell dann auf weiteren Alben wie Propaganda oder Indiscreet im Sinne eines Konzepts namens "Mehr ist mehr" überhaupt gern dazu neigten, immer zu viel in den Topf zu geben.

Wir verdanken den Sparks so einige der wunderbarsten überkandidelten und schwer durchgeknallten Songs des letzten großen Pop-Jahrzehnts, in dem von Glamrockern wie Roxy Music oder Bowie erstmals mit ruhigem Gewissen und voller Absicht auf frühere kulturelle Codes zugegriffen und damit dekonstruktivistisch hantiert wurde. Mit den Sparks und ihren Rückgriffen auf die Klassik, den Swing, sämtliche Klischees der Filmmusik und überhaupt den Themenpark Hollywood hielt damals die Postmoderne Einzug in den Pop. Und mit ihr heutige Songklassiker wie Never Turn Your Back On Mother Earth, Under The Table With Her, Get In The Swing oder Looks, Looks, Looks.

Später arbeiteten die Maels mit dem Munich-Disco-Gott Giorgio Moroder zusammen und erfanden nebenher so etwas Ähnliches wie den Stil der "Autoren-Disco". Aus dieser Zeit, Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre, datieren noch großartige Singles wie Change, Number One Song In Heaven und vor allem die zeitlose männliche Befindlichkeitsstudie Angst In My Pants. Danach ging es sowohl künstlerisch als auch kommerziell den Bach runter.

Nach dem großartigen Comeback Gratitious Sax & Senselless Violins aus 1994 und Balls aus 2000 wollen es die Sparks jetzt mit Lil' Beethoven definitiv wissen. "Auf Wiedersehen to the beat!", heißt es programmatisch in The Rhythm Thief. Mit Orchester, Klavier, Sample-Keyboards und hunderten Lagen des gewohnt angestochenen Gesangs entwerfen hier die Maels großteils ohne Drums ein Kitsch-Purgatorium, exakt in der Mitte zwischen "Aus der Welt der Oper" und gutem altem Popcorn-Kino. Neben typischen Sparks-Stücken wie I Married Myself oder Ugly Guys With Beautiful Boys dürften vor allem zwei Songs die Jugend als Käufer vergraulen, die beiden MTV-Spottgesänge What Are All These Bands So Angry About? und Suburban Homeboy. Kinder demütigen - aber richtig.
(DER STANDARD, Printausgabe, 21.3.2003)

Von
Christian Schachinger
  • Sparks  Lil' Beethoven (Artful/Musica)
    foto: artful/musica

    Sparks
    Lil' Beethoven
    (Artful/Musica)

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