Nullgewicht, visualisiert

25. März 2003, 14:07
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Designer Gerald Kiska verwendet die Welle, wenn er einen "Lufthauch" darstellen will. Bei seinen Motorrädern ist der sanfte Schwung hingegen wenig angebracht, denn dort geht es um "Grundaggressivität"

"Es stellt auf jeden Fall große Anforderungen an die Materialtechnik, teilweise ist das ein Riesenproblem." Die kleinen Wellen aus dem Produktdesign, die von Architekten zu riesenhaften Wellen in Gebäuden adaptiert werden. "Seit zwei, drei, vier Jahren gibt es diesen Trend", sagt der Salzburger Produkt- und Industriedesigner Gerald Kiska im STANDARD-Gespräch, "Architekten versuchen die Formsprache von Konsumgegenständen in ihre Formensprachen und entsprechenden Dimensionen zu versetzen." Die Welle spielt dabei eine große Rolle. Bemerkenswerte Beispiele dafür seien laut Kiska etwa das kommende "Erlebnis- und Auslieferungszentrum" des bayerischen Autoherstellers BMW, das - entworfen vom Wiener Büro Coop Himmelb(l)au - neben dem "Vierzylinder", dem Hauptquartier des Industriekonzerns, bis 2005 entstehen soll, sobald das alte Olympia-Parkhaus abgerissen ist. Auch das Kunsthaus Graz von Peter Cook und Colin Fournier sei ein Beispiel.

Kiska selbst ließ sich von der Welle inspirieren, als er sowie den gesamten Point-of-Sale-Auftritt des oberösterreichischen Brillenherstellers Silhouette entwarf, der vor allem mit superleichten Titanium-Sonnenbrillen in jüngster Zeit reüssierte. "Die Brillen sind ja selbst ein Hauch von Nichts, die Schwünge stehen für Luftbewegungen, für die Visualisierung des Nullgewichts." Design sei eben dazu da, Kernmarkenwerte zu manifestieren.

Dies sei auch der Grund, warum die Welle als Thema so gar nichts bei Kiskas weltweit bekanntesten Werken ausrichten konnte - bei den Hardcore-Sportmotorrädern der Mattighofener Bike-Schmiede KTM. Hier ging es darum, eine "gewisse Grundaggressivität" auszudrücken. "Für jedes Modell gibt es eine Vielzahl von Grundregeln, die man einhalten muss. Ein Beispiel ist die Seitenverkleidung des Tanks mit dem ausgesparten Dreieck, das nach hinten zielt. Das finden sie, so wie zehn andere Merkmale, bei jeder KTM wieder - in unterschiedlicher Ausführung, Größe und Dimension."

Naturbeobachtung als Inspiration, um eine designerische Formensprache zu finden, sei im Fahrzeugbau selten. Im spannenden Bogen zwischen dem Lenker und dem Bürzel eine Wellenform zu sehen, sei reine Interpretation des Betrachters: "Gerade bei Geländemaschinen gibt es sehr viele technischen Vorgaben, keine Luft zwischen Außenhülle und der Funktion." Die Sitzbank ist eine, über die man beim Gatschhupfen schon bald einmal mit dem Hosenboden drüber schlittert, bis man auf den Tank trifft. Und das verträgt keine wie immer geartete Welle. (derStandard/rondo/Leo Szemeliker/21/03/03)

  • Shilouette-Messestand
    foto: werk

    Shilouette-Messestand

  • wellenlos: KTM Duke 950
    foto: kiska

    wellenlos: KTM Duke 950

  • geplantes BMW-Auslieferungszentrum in München
    foto: werk

    geplantes BMW-Auslieferungszentrum in München

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