Wellen machen, Gott spielen

20. März 2003, 19:22
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Mithilfe der Welle schaffte der Designmeister Ron Arad einen seiner größten Würfe, nämlich das Regal "Bookworm". Ein Gespräch über alten und neuen Schwung in der Formgebung

der Standard: Was verbinden Sie persönlich mit dem Begriff "Welle"?

Ron Arad: Ich denke dabei an Bewegung. An Bewegung, die harmonisch ist. Eine Welle verändert ständig ihr Äußeres. Sie ist wie eine Hülle, die immer wieder neue Formen annimmt. Wellen sind wogende Linien, sie haben etwas Endloses. Wenn man am Meer sitzt, sieht man eine Welle nach der anderen heranrauschen, immer und immer wieder. Übrigens liebe ich das Meer weit mehr als die Berge. Müsste ich mich für eine der beiden Landschaften entscheiden, würde ich immer das Meer wählen.

Und welche Rolle spielt die Welle in der Welt des Designs?

Vom Meer ist der Begriff "Welle" in die Mode übertragen worden. In diesem Metier hoffen die Menschen, dass ihre neue Bewegung zum "new wave" wird. Das finde ich problematisch, denn wir wissen: Es folgt immer wieder eine neue Welle, eine neue Bewegung. Aus einer neuen Welle wird dann ganz schnell eine alte.

Sie sprechen von harmonischen Bewegungen, die Wellen auszeichnen. Haben Wellen nicht einen ambivalenten Charakter?

Entscheidend ist, dass Wellen brechen können. Sie können als nette, freundliche Miniwellen starten und dann zu Riesenwellen anwachsen, die eine ganze Stadt unter sich begraben. Wellen haben also durchaus etwas Bedrohliches an sich - je nachdem, wie ehrgeizig sie sind und wie stark sie anwachsen.

In welcher Form fließen Wellen in Ihre Arbeit ein?

Ich sitze gerade an einigen Architekturprojekten, bei denen die Welle eine zentrale Rolle spielt. Mich fasziniert dabei primär die Bewegung der Welle, nicht ihre äußere Form. Eine Skulptur von mir, die ich für die Stadt Manchester plane, verkörpert beispielsweise die Bewegung einer Welle in vertikaler Form. Und für die Residenz des Scheichs von Katar entwickle ich einen Fußboden, der programmiert ist, Bewegung herzustellen. Das sieht dann aus wie eine Welle, eine wunderbar harmonische.

Was hat es mit diesem Wellen-Fußboden auf sich?

Der Boden entwickelt einen ganz besonderen Reiz: Man kann für einen Moment Gott spielen, indem man eine Welle gestaltet. Nicht nur am Computer, sondern auch in der Wirklichkeit. Das ist ein ungeheuerliches Gefühl!

Wo genau liegt die Faszination an der Bewegung der Welle?

Ich mag Bewegung genauso gerne wie Statik. Es hängt immer davon ab, was ich gerade entwerfen will. Man kann mit Farbe, Gerüchen, Licht oder Bewegung arbeiten - alles davon ist faszinierend! Also ist Bewegung nur eine Faszination von vielen. Die Welle hat ja auch als Form Bestand.

Wovon hängt das Wellenaufkommen in Ihrer Arbeit ab?

Es gibt eine Menge unterschiedlicher Formen. Man kann meiner Meinung nach nicht sagen, eine Form sei interessanter als eine andere. Jede Form ist spannend und hat ihren Reiz. Ob gerade Linien oder gekrümmte - sie alle sind nützlich. Für meine Arbeit gilt nicht, dass runde Formen besser sind als gerade Linien oder dass ich generell organische Formen bevorzuge, die einer Welle ähneln. Das hängt immer davon ab, was ich gerade entwerfe.

Bei Ihrem Regal "Bookworm" beispielsweise haben Sie sich für runde Formen entschieden.

Ja, doch letztlich entscheidet der Benutzer über die Form: Meinen "Bookworm" können Sie nämlich auch als völlig gerades Regal aufhängen - oder eben in Kurven. Kommt ganz darauf an, was Sie gerade wollen.

Auch Ihre Entwürfe, wie der Stuhl "Fantastic Plastic Elastic" oder die Treppen im Foyer der Oper in Tel Aviv, zeigen Rundungen und fließende Formen, wie sie in letzter Zeit auch bei anderen Designern verstärkt auftauchen. Von einem Trend zum organischen Design möchten Sie dennoch nicht sprechen?

Der Einsatz von Computern hat es in den vergangenen Jahren sicher leichter gemacht, mit Kurven umzugehen. Im Computer sind sehr viele Kurven mathematisch voreingestellt. In der Tat sieht man heute mehr gerundete Dinge. Das hängt auch damit zusammen, dass die Technologie, solche Formen herzustellen, immer ausgefeilter wird. Werfen Sie einfach einen Blick auf die Geschichte des Stuhldesigns: Es gab immer gerundete Formen. Die Menschen überlegten von Anfang an, wie man Holz, Metall und andere Materialien biegen kann. Um uns herum existieren aber Geraden und Kurven - jeweils aus gutem Grund. Wir sollten deshalb damit aufhören, zu sehr zwischen organischem und nicht organischem Design zu unterscheiden. Ich unterscheide lieber zwischen "spannendem" und "langweiligem" Design. Ich kann mich über etwas freuen, das kantige Ecken und gerade Linien hat - und angeödet sein von schlecht gemachten Kurven.

Wenn es schon immer sowohl gewellte als auch gerade Formen gab: Kann dann ein Designer überhaupt noch etwas vollkommen Neues entwerfen?

Kann man eine neue Farbe entwickeln? Eine, die noch nicht existiert? Wir können zwar Farben verschieden kombinieren, aber keine neue Farbe erfinden! Genauso ist es mit den Formen. Unsere Aufgabe ist es, die existierenden Formen auf neue Art und Weise zu kombinieren. Und dabei gibt es absolut keine Begrenzung. Das macht gerade die Freiheit des Designers aus.

Welche Folgen hat das zum Beispiel für das Sesseldesign?

Nehmen wir die gerade laufende Sesselausstellung "Take a seat" im Berliner Vitra Design Museum. Was ist das Besondere daran? Die Funktion von Stühlen ist ja ziemlich eindeutig, nämlich jemanden in bestimmter Höhe über dem Boden zu halten. Stellen Sie sich vor, jemand von einem anderen Planeten würde die Ausstellung besuchen. Der würde sich fragen: "Was ist so besonders daran, dass Leute ihren Hintern auf so etwas setzen?" Nun, das Besondere daran ist, dass es immer wieder neue Ideen, neue Materialien, neue Herstellungsweisen gibt. Das macht die Sache so spannend - und hat mit Rationalität nichts zu tun. Es gibt für uns Designer stets etwas zu entwerfen, was noch nie da gewesen ist. Auch Liebeslieder werden doch immer wieder neu geschrieben, auch wenn man glaubt, alles sei schon gesagt worden.
Interview: Mareike Müller

Stühle von Ron Arad und mehr als 200 Sitz-Stücke anderer Designer sind noch bis 22. Juni im Vitra Design Museum Berlin zu besichtigen. Die Ausstellung "Take a seat" zeigt Möbeldesign von 1800 bis heute und bietet die Möglichkeit, auf Klassikern Platz zu nehmen. (derStandard/rondo/21/03/03)

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