Kampf um Ressourcen im "ewigen" Eis

23. Juni 2009, 19:48
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Das Eis der Arktis schmilzt, das weckt Begehrlichkeiten: Unter dem Eis liegen riesige Rohstofflager

Die Meldung, die Bremerhavener Klimaforscher vor wenigen Tagen veröffentlichten, klingt bedrohlich: Auch in diesem Jahr, schätzen Wissenschafter des Alfred-Wegener-Instituts, wird das Eis in der Arktis dramatisch schmelzen. Die Forscher erwarten gar, dass die Eisfläche noch stärker abnimmt als im Rekordjahr 2007. Für das Klima ist das eine Katastrophe: Die riesigen Eisflächen reflektieren momentan einen großen Teil der Sonneneinstrahlung und helfen so, den Planeten abzukühlen.

Zudem werden Ozeanströmungen und Windsysteme durch den Temperaturgegensatz von Tropen und Polargebieten gesteuert. Verändert er sich, hat dies wohl massive Auswirkungen, etwa auf den Golfstrom und das Wetter in Europa. Zusätzliche Probleme könnten tauende Permafrostböden verursachen: In ihnen sind große Mengen an Kohlenstoff und Methangas gespeichert. Werden diese Treibhausgase freigesetzt, könnten sie den Klimawandel beschleunigen.

Wem gehören die Schätze?

Doch der Eisschwund in der Arktis hat möglicherweise auch energiepolitische Folgen: Mit der Abnahme der Eisfläche wachsen die ökonomischen Begehrlichkeiten der Anrainerstaaten USA, Kanada, Russland, Norwegen sowie Dänemark mit Grönland. Denn im Meeresgrund unter der arktischen Eisdecke gibt es Studien zufolge riesige Rohstofflager. Ein Viertel des weltweiten Vorkommens an Erdöl und Erdgas sei in der Region zu finden, errechnete ein Team um Donald Gautier vom US Geological Survey in Menlo Park.

Demnach könnten 90 Milliarden Barrel Rohöl und 50 Billionen Kubikmeter Erdgas in der Arktis lagern. Hinzu kämen einer neueren Studie zufolge noch unentdeckte Öl- und Gasfelder, welche die Forscher in der Polarregion vermuten. Zusätzlich werden Gold, Nickel, Zink und auch Diamanten im arktischen Meeresboden vermutet. Doch wem gehören die Schätze?

Die Arktis gilt als internationales Gewässer. In der Seerechtskonvention von 1982 jedoch wurde den Anrainerstaaten eine Zone von 200 Seemeilen vor der eigenen Küste zugesprochen, die sie wirtschaftlich nutzen können. Doch es gibt noch eine Hintertür, die weit mehr Begehrlichkeiten weckt: Die Seerechtskonvention besagt, dass Staaten auch Anspruch auf internationale Gewässer anmelden können, die außerhalb ihrer 200-Meilen-Zone liegen - sofern ihre jeweiligen Festlandsockel unterseeisch über dieses Gebiet hinausziehen. Das heißt: Kann ein Land nachweisen, dass sein Festlandsockel in das arktische Gebiet hineinreicht, gehören ihm die Bodenschätze.

In der Tat gibt es in der Arktis ein unterseeisches Gebirge, dass für diese Klausel in Betracht kommen könnte: der Lomonossow-Rücken. Er zieht sich einmal quer durch die Arktis und reicht von den neusibirischen Inseln über den geografischen Nordpol bis zur Ellesmere-Insel nahe Grönland. 1800 Kilometer ist das Massiv lang, zwischen 60 und 200 Kilometer ist es breit.

"Der Lomonossow-Rücken ist kein ozeanischer Tiefseerücken, sondern ein von den Kontinenten abgespaltener Kontinentalrücken", erklärt Bernhard Grasemann, Leiter des Departments für Geodynamik und Sedimentologie der Universität Wien. "Und da der Schelf zur kontinentalen Kruste gezählt wird und laut UN-Seerechtsübereinkommen zu dem jeweiligen Land gehört, versuchen jetzt die betroffenen Staaten geologisch zu beweisen, dass der Lomonossow-Rücken ein Teil ihres Schelfmeers ist."

Suche nach Beweisen

Geologisch ließe sich das durchaus überprüfen: Die kontinentale Kruste besteht hauptsächlich aus Gesteinen, die reich an Silizium und Aluminium sind, etwa Granite und Gneise. Die ozeanische Kruste hingegen besteht eher aus Gesteinen, die reich an Silizium und Magnesium sind, beispielsweise Basalt. Eine individuelle Zusammensetzung könnte also einen Hinweis auf die Herkunft des Rückens geben.

Im August 2007 brach eine erste russische Expedition auf, um den wissenschaftlichen Beweis zu erbringen. Mit zwei U-Booten drangen sie in über 4000 Meter Tiefe vor, wo sie Gesteinsproben aus dem Lomonossow-Rücken bargen. Dabei ließen die Expeditionsteilnehmer auch ein kleines Andenken zurück: eine russische Flagge aus Titan am Meeresboden. Sie sollte den Konkurrenten schon mal deutlich machen, wer am Nordpol in Zukunft das Sagen hat.

Wenig später verkündeten russische Nachrichtenagenturen: Die Arktis ist russisch. Doch auch Dänemark schickte einen Forschertrupp los - und auch der will Beweise gefunden haben: für die dänische Zugehörigkeit des Lomonossow-Rückens. Ob der Streit überhaupt durch geologische Untersuchungen geklärt werden kann, bleibt fraglich. "Das Ganze ist wissenschaftlich nicht besonders seriös", meint Grasemann: "Geologisch ist der Lomonossow-Rücken sicher mit dem sibirischen Schelf verwandt. Allerdings wurde er bereits vor vielen Millionen Jahren abgespalten. Außerdem fällt der Lomonossow-Rücken an beiden Enden zum tiefergelegenen Meeresgrund hin ab und ist somit mit keinem Schelf wirklich verbunden."

Bislang jedoch scheinen die Anrainerstaaten das nicht einsehen zu wollen. Sie lassen lieber die Muskeln spielen: Kanada etwa kündigte an, in der Provinz Nunavut 5000 Reservisten in einem arktischen Militärzentrum zu stationieren. Und eine russische Sicherheitsstudie vom Mai dieses Jahres verkündet, es sei nicht ausgeschlossen, dass das Militär eingesetzt würde, um das Gleichgewicht der Kräfte in der Arktis zu wahren. (Tanja Krämer/DER STANDARD, Printausgabe, 24.06.2009)

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    Unter dem dahinschmelzenden Eis der Arktis werden gigantische Bodenschätze vermutet. Die USA, Kanada, Russland, Norwegen sowie Dänemark und Grönland versuchen sie sich schon jetzt zu sichern. Wer sie heben darf, sollen Geologen klären.

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