Sexarbeit zwischen Tabu und Realität

23. Juni 2009, 18:48
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Tagung an der Uni Wien: Von Kurtisanen, dem medizinischen Übel Frau, KZ-Bordellen, Zwang und freier Entscheidung

Nicht immer war der Tausch von sexuellen Diensten gegen Geld stigmatisiert. So genossen Kurtisanen in Italien im 16. Jahrhundert ein beachtliches gesellschaftliches Ansehen, wie die Schweizer Historikerin Angela Mattli bei der Tagung im Rahmen des 20-jährigen Bestehens von "L’Homme. Europäische Zeitschrift für feministische Geschichtswissenschaft" vergangene Woche an der Uni Wien, am Beispiel der Kurtisane und Dichterin Veronica Franco zeigte. Die Erscheinung der gesellschaftlich einflussreichen Kurtisane sei Ausdruck eines sehr freien und offenen Umgangs mit Sexualität in dieser Zeit gewesen.

Ganz anders zu Beginn des 19. Jahrhunderts, als "die Frau" von der Medizin als Herd sexuell übertragbarer Krankheiten ausgemacht wurde – insbesondere Prostituierte galten als Übel, ihnen war die Lustseuche Syphilis quasi aufgestempelt. Damit rechtfertigten Mediziner etwa auch die Experimente, für die sie diese Frauen benutzten, wie die Wissenschaftshistorikerin Katja Sabisch ausführte. In der Tatsache, dass nur der weibliche Körper als Krankheitsüberträger klassifiziert wurde, sieht sie Parallelen zur jüngsten Diskussion um die HPV (Human-Papilloma-Viren)-Impfung. Wieder stehe der weibliche Körper im Mittelpunkt, der männliche Part der Übertragung werde geradezu tabuisiert – wider das bessere Wissen der ForscherInnen.

Um Tabuisierung ging es auch im Vortrag von Insa Eschebach, Leiterin der KZ-Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Zwischen 1942 und 1945 wurden insgesamt zehn Bordelle in den NS-Konzentrationslagern errichtet – als Anreiz zur Leistungssteigerung für männliche Häftlinge.

Zwang und Pornografie

Mehrere hundert weibliche Gefangene wurden zur Sexarbeit gezwungen. Nach 1945 fehlte in den Gedenkstätten jahrzehntelang jeder Hinweis auf diese Realität, die Opfer schwiegen aus Scham. Andererseits fand der Zusammenhang von Sex, Gewalt und Nationalsozialismus Eingang in die Popkultur: In Israel waren in den 60er-Jahren etwa "Stalags" verbreitet, pornografische Groschenromane, die stereotyp von weiblichen SS-Offizieren handeln, die sich an Gefangenen sexuell vergehen. Eine Reihe italienischer Filme der 1970er-Jahre wiederum zeigte sadistische Sexszenen in KZs, oft an der Grenze zur Pornografie. So sei zwar das öffentliche Interesse auf die Existenz von sexualisierter Gewalt in den KZs gelenkt worden, "möglicherweise hat aber gerade diese fantasmatische Bilderflut dazu beigetragen, die reale Geschichte der Lagerbordelle zu vergessen", sagt Eschebach.

Mittlerweile wurde Zwangsprostitution in den KZs in Österreich und Deutschland zum Thema und über Ausstellungen auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Ganz anders in Polen, wie die Historikerin Joanna Ostrowska berichtete. Sexualität käme dort im Holocaustdiskurs nach wie vor nicht vor, Zwangsprostitution schon gar nicht: Forschung dazu sei nicht erwünscht.

Um moralische Vorstellungen ging es – zumindest indirekt – auch im Vortrag von Faika A. El-Nagashi vom Verein LEFÖ in Wien, der sich auch für bessere Arbeitsbedingungen für Migrantinnen in der Sexarbeit einsetzt. El-Nagashi kritisierte, dass gerade Teile der Frauenbewegung diese Gruppe von Sexarbeiterinnen zu Opfern machten, indem sie ihnen eine freie Entscheidung für diese Arbeit prinzipiell absprächen. Migrantinnen in der Sexarbeit würden meist im Zusammenhang mit Zwang und Frauenhandel gesehen – Sexarbeit müsse davon aber entkoppelt werden. Autonomie bedeute dann, dass Frauen freiwillig sexuelle Dienste gegen Geld anbieten können. (Sabina Auckenthaler/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.6. 2009)

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