Schicht bestimmt Gesundheit

23. Juni 2009, 19:35
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Die Sozialmedizin zeigt auf, wie sich Einkommen und Bildung auf die Gesundheit auswirken oder wie Vorsorge die Krankenkassen entlasten könnte

Fast jede fünfte Frau wird im Laufe ihres Lebens einmal gestalkt, bis zu 40 Prozent von ihnen fühlen sich dadurch auch gesundheitlich beeinträchtigt. Das ergab eine vom Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Med-Uni Graz kürzlich veröffentlichte Studie, die erstmals stichhaltige Daten zu Stalking lieferte, das bereits seit 2006 per Gesetz verboten ist. Die Gesundheitspolitik sollte "durch einen Ausbau der psychosozialen Betreuungsangebote für die Betroffenen" auf die Ergebnisse reagieren, betont Studien- und Institutsleiter Wolfgang Freidl.

Generell knüpfen sich an die sozialmedizinische Forschung immer auch gesundheits- und damit gesellschaftspolitische Forderungen: Immerhin geht es in diesem interdisziplinären Bereich um die komplexen Wechselwirkungen zwischen Gesundheit bzw. Krankheit und gesellschaftlichen Tatbeständen. Für die Politik bedeuten diese Erkenntnisse langfristige Herausforderungen, die nicht immer auf den nötigen Umsetzungswillen stoßen. "Manche in Auftrag gegebene Berichte werden gar nicht zur Kenntnis genommen", sagt Freidl.

Dem "Wiener Gesundheits- und Sozialbericht", mit dem das Grazer Institut vor einigen Jahren beauftragt wurde, ist dies erfreulicherweise nicht passiert. Unter die Lupe genommen haben die Forscher dabei die Auswirkungen der Schichtzugehörigkeit auf die Gesundheit der Bevölkerung.

Dabei zeigte sich, dass etwa gesunde Ernährung mit der Einkommenshöhe korreliert: "Ärmere und schlechter Gebildete essen fett, zuckerreich und wenig gesunde Lebensmittel", schildert Freidl. Auch leben beispielsweise nur 27 Prozent der Männer mit Pflichtschulabschluss in Nichtraucherhaushalten, während es bei den Uni-Absolventen 62 Prozent sind.

In einer anderen Studie wurden Erkrankungen des Bewegungsapparats bei Frauen zu deren Bildungsstatus in Beziehung gesetzt. Demnach leiden nur sieben Prozent der Frauen in der höchsten Bildungsschicht an solchen Erkrankungen, während nahezu jede dritte schlecht gebildete Frau davon betroffen ist. In dieselbe Richtung weisen auch die Ergebnisse einer Wiener Studie zur Sterblichkeit: Je niedriger die durchschnittliche Wertschöpfung je Einwohner in einem Wohnbezirk ist, desto geringer ist die Lebenserwartung.

Neben der brisanten Frage nach der Verteilung von Gesundheit und der Entstehung von Krankheiten im gesellschaftlichen Umfeld geht es der Sozialmedizin auch um die Weiterentwicklung unseres Gesundheitssystems. Aus dieser Aufgabenstellung entstand am Grazer Institut ein Fragebogen zur Patientenzufriedenheit, den die steirischen Krankenanstalten inzwischen zur standardmäßigen Qualitätssicherung einsetzen. Ein anderes Forschungsfeld der Sozialmedizin sind Gesundheitsförderung und Prävention. Seit 1998 gibt es in Österreich ein eigenes Gesundheitsförderungsgesetz sowie den Fonds Gesundes Österreich, der Mittel für praxisnahe Projekte vergibt.

Plan für Public-Health-Institut

Dennoch ist die Lage der österreichischen Sozialmedizin im internationalen Vergleich alles andere als rosig. "Gut dotiert ist nur die angewandte Gesundheitsförderung, nicht aber die Forschung. Eigentlich sollten an den Universitäten und in der Gesundheitsverwaltung viel mehr Sozialmediziner und Public Health-Fachleute sitzen", bemängelt Wolfgang Freidl: "Das ist in anderen Ländern viel besser." Auch hatten etwa die Schweiz, Deutschland oder England schon viel früher eine Public-Health-Ausbildung als Österreich.

Ein positives Signal gibt es aber: So sollen die drei österreichischen sozialmedizinischen Institute bzw. Abteilungen in Graz, Wien und Innsbruck demnächst ein eigenes nationales Public-Health-Institut aufbauen. "Ob dafür ausreichend Mittel zur Verfügung stehen werden, ist bislang aber noch offen", sagt der Sozialmediziner.(Doris Griesser/DER STANDARD, Printausgabe, 24.06.2009)

  • Ärmere und schlechter Gebildete ernähren sich weniger gesund. Die sozialmedizinische Forschung fragt nach Folgen und Lösungen.
    foto: standard/corn

    Ärmere und schlechter Gebildete ernähren sich weniger gesund. Die sozialmedizinische Forschung fragt nach Folgen und Lösungen.

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