"Das läuft wie beim Schnapsbrennen"

23. Juni 2009, 19:26
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Magnesium könnte bald per Destillation recycelt werden - Der Metallforscher Richard Kretz im Interview mit Denis Dilba

STANDARD: Magnesium wird zum Teil schon recycelt - worin unterscheidet sich Ihr Verfahren von denen, die bereits zum Einsatz kommen?

Kretz: Wir schmelzen das Magnesium nicht wie bisher üblich, sondern destillieren. Das heißt, das Leichtmetall wird verdampft und dann wieder kondensiert. Das Metall wird dazu in einen druckdichten Behälter gegeben, der unter Vakuum gesetzt und dabei erhitzt wird. Das läuft ungefähr so ab wie beim Schnapsbrennen. Hat man etwa eine Mischung aus Aluminium und Magnesium, verdampft das Magnesium, genau wie beim Vergleich von Alkohol mit Wasser, schneller als das Aluminium. So kann man das Metall von fast allen Stoffen sauber trennen. Dabei nutzen wir den hohen Dampfdruck von Magnesium aus. Das Problem bei anderen Anwendungen von Magnesium, nämlich dass es vergleichsweise schnell verdampft, ist beim Recyceln ein großer Vorteil.

STANDARD: Das hört sich sehr aufwändig an. Ist das Aufschmelzen von Magnesium-Abfällen nicht viel einfacher?

Kretz: Etwas aufwändiger als das Schmelzen ist unser neues Verfahren zwar schon - allerdings kommt man bei der herkömmlichen Schmelzmethode schnell an Grenzen. Um das Leichtmetall aufschmelzen und dann wiederverwerten zu können, muss es nämlich sehr rein sein. Vor allem bei Magnesium, das mechanisch bearbeitet, also gefräst und gedreht wurde, sind die Späne mit Schmiermittel verunreinigt. Wenn man diese Späne schmilzt, beginnt das Magnesium mit dem Schmiermittel zu reagieren. In der Folge hat man einen großen Materialverlust. Der Verlust ist teilweise sogar so groß, dass man diese Magnesiumspäne lieber gleich endlagert, anstatt sie zu recyceln. Das wäre einfach zu teuer.

STANDARD: Ist das nicht zu kurz gedacht? Auf lange Sicht wird Energie doch in jedem Fall teurer, und auch die Rohstoffpreise werden langfristig weiter steigen.

Kretz: Absolut. Unsere Motivation war zu schauen, ob wir verunreinigtes Magnesium nicht doch irgendwie weiterverarbeiten können, ohne dass es zu den unerwünschten Reaktionen und Verlusten kommt. Vor allem die Preise von neu gewonnenem Aluminium und Magnesium hängen extrem vom Energiepreis ab. Für Magnesium brauche ich etwa 35 Kilowattstunden elektrische und thermische Energie pro Kilogramm. Das ist sehr viel. Ähnlich verhält sich das beim Aluminium.

STANDARD: Wann, schätzen Sie, könnte das Verfahren im industriellen Maßstab eingesetzt werden?

Kretz: Frühestens in vier, fünf Jahren. Es wäre toll, wenn wir eine Anlage entwickeln könnten, die für den kontinuierlichen Betrieb ausgelegt ist. Was sehr schwierig wird, weil wir wegen der Vakuumtechnik komplizierte Abdichtungen benötigen. Das Interesse ist allerdings sehr groß: Wir haben bereits mit vielen Anlagenbauern Kontakt geknüpft. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.06.2009)

Zur Person
Richard Kretz (52) wurde in Vöcklabruck geboren. Nach seinem Studium der Metallurgie mit dem Schwerpunkt Gießereitechnik an der Montanuniversität Leoben arbeitete er bei AMAG F&E an neuen Gießtechniken und im Bereich der Metallmatrix Verbundwerkstoffe. Derzeit ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter im Leichtmetallkompetenzzentrum Ranshofen und arbeitet als Projektleiter an Leichtmetallschäumen.

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