Der andere Streit um den Biodiesel

23. Juni 2009, 21:23
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Außer Dienst gestellte IIASA-Forscher sprechen von Zensur und Mobbing, Mediationsverfahren eingeleitet

Am Internationalen Institut für angewandte Systemanalyse (IIASA) in Laxenburg gärt es. Anfang Juni wurden der Energieexperte Günther Fischer und der Ernährungsexperte Mahendra Shah angewiesen, ihre Schreibtische zu räumen. Vier Tage nach ihrem Rauswurf erhoben die zwei renommierten, dem Institut seit Jahrzehnten verbundenen Forscher in einem internen Rundschreiben, das dem Standard vorliegt, schwere Vorwürfe: Ihre wissenschaftliche Arbeit werde zensiert und ihr Ruf geschädigt. Außerdem würden sie seit geraumer Zeit gezielt gemobbt.

Auslöser des Konflikts zwischen dem Direktorat und den beiden Forschern ist eine Auftragsstudie des in Wien ansässigen Opec-Fonds für internationale Entwicklung (OFID). Fischer und Shah berechneten, welche Folgen es für die weltweite Versorgung mit Lebensmitteln hat, wenn alle beschlossenen Vorgaben zum Anteil von Biodiesel tatsächlich realisiert würden. Sie schlossen, dass die rasche Umsetzung mit der bestehenden Technologie andere Ackerfrüchte verdränge und die Ernährungssicherheit gefährde.

Obwohl IIASA-Forscher schon früher vor einer solchen Entwicklung gewarnt hatten, reagierte die Institutsführung scharf, als eine von ihr nicht autorisierte Kurzfassung der Studie vom Auftraggeber OFID am vertraglich fixierten 18. März veröffentlicht wurde. Laut Fischer und Shah lag diese Fassung dem Direktorat acht Tage vorher unter Hinweis auf die Dringlichkeit vor. Als die IIASA-Leitung Shah verwehrte, die Studie auf einer Tagung in New York zu präsentieren, und dieser auf eigene Faust reiste, eskalierte der Streit.

Auf einer Krisensitzung sprach IIASA-Direktor Detlof von Winterfeldt vorige Woche erstmals von eigenen Fehlern. Gegenüber dem Standard räumt er ein, "die Eskalation des Konflikts nicht vorhergesehen zu haben". Gegen Zensurvorwürfe verwehrt er sich. Jede wissenschaftlich begründete Meinung könne von IIASA-Forschern vertreten werden. Die Publikation habe aber wissenschaftliche Mängel, die zu vermeiden gewesen wären, hätten Fischer und Shah die Institutsregeln befolgt. Die Auslegung dieser Regeln scheint innerhalb des Instituts indes umstritten.

Mobbingvorwürfe am IIASA gab es schon 2006, wie ein dem Standard vorliegendes Memo eines damals gekündigten Forschers zeigt. Von Winterfeldt, erst seit wenigen Monaten Direktor, kennt den damaligen Fall nur aus Andeutungen, weist aber zurück, dass im aktuellen Fall Mobbing im Spiel sei. Er räumt ein, dass Mitarbeitern bei Konflikten mit dem Direktorat eine Ansprechstelle fehle.

Mit Fischer und Shah ist mittlerweile eine Mediation vereinbart. Sie dürfen wieder die IIASA-Strukturen nutzen und sind bei vollen Bezügen von offiziellen Aufgaben entbunden, bis das Verfahren abgeschlossen ist. (Stefan Löffler/DER STANDARD, Printausgabe, 24.06.2009)

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    IIASA-Direktor Detlof von Winterfeldt: "Habe die Eskalation des Konflikts nicht vorhergesehen."

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