Herrscher in Bedrängnis

24. Juni 2009, 12:11
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Der stark bedrohte Huchen ist der große Unbekannte in Österreichs Gewässern

Um ihn besser schützen zu können, nehmen Wissenschafter seine Lebensraumansprüche genauer unter die Lupe.

Ein sonniger Märztag an der Mur: Durch die gekräuselte Oberfläche des glasklaren Flusses sind zwei gut einen Meter lange Gestalten sichtbar. Keine Holzstämme, denn sie bewegen sich. Beim genaueren Hinschauen erkennt der Betrachter zwei kraftstrotzende Fischleiber. Hucho hucho, besser bekannt als Huchen oder Donaulachs, widmet sich der Fortpflanzung.

Das Weibchen legt seine Eier in einer selbst gegrabenen Grube im Kiesbett ab, dann werden sie vom Männchen besamt. Seit Millionen von Jahren dieselbe Prozedur, von Generation zu Generation.

Es gab Zeiten, zu denen ein solches Schauspiel nichts Außergewöhnliches war. Anfang des 20. Jahrhunderts bewohnte der Huchen noch fast alle österreichischen Donauzuflüsse und den Hauptstrom. Als begehrter, bis zu eineinhalb Meter langer und 60 kg schwerer Speisefisch stellte man ihm mit Netzen, Angelruten, ja sogar mit Mistgabeln nach.

Heutzutage dagegen ist H. hucho die wohl am stärksten bedrohte einheimische Fischart. Gute Populationen kommen nur noch in der Mur sowie in der niederösterreichischen Pielach vor. Ansonsten gibt es ein paar versprengte Restbestände, oder es werden mittels Besatzmaßnahmen mit Zuchtfischen quasi künstliche Populationen aufrechterhalten, ohne dass sich die Tiere in diesen Flüssen erfolgreich fortpflanzen können. "Wenn es so weitergeht wie bisher, wird der Huchen aussterben", prophezeit der Ökologe Stefan Schmutz von der Universität für Bodenkultur in Wien. Die Frage sei nur: wann?

Vom verbauten Lebensraum ...

Die Ursache für das Verschwinden des Huchens ist laut Schmutz nicht etwa Wasserverschmutzung, sondern der hemmungslose Verbau unserer Fließgewässer – und früher natürlich Überfischung. Durch Begradigungen, das Abholzen von Uferbäumen und den Bau von Staustufen wurden nicht nur die Lebensräume und Laichplätze des Donaulachses zerstört. Andere strömungsliebende Arten sind ebenfalls stark betroffen.

Zudem blockieren Dämme die Wanderrouten, eventuell eingebaute Fischpässe sind oft mangelhaft. Mit weitreichenden Folgen: Die Schuppenträger suchen vergeblich einen geeigneten Platz, um ihre Eier abzulegen, und wenn dies doch gelingen sollte, findet die frisch geschlüpfte Brut an den kanalisierten Ufern keine Schlupfwinkel mehr.

Stefan Schmutz erklärt, warum der bedrängte Herrscher der Donau von diesen Problemen gleich zweifach betroffen ist: Der Huchen ist ein Raubfisch, sagt der Experte, und in vielen Flüsse seien einfach zu wenige Beutefische vorhanden. So leben in der Drau heute nur noch zehn kg Fisch pro Hektar, früher waren es bis zu 600 kg. Besonders die Barben und Nasen, ursprünglich in Massen vorkommende Fischspezies, zeigen sich für das Überleben von H. hucho entscheidend.

An der Pielach konnte Schmutz mit seinen Kollegen beobachten, wie Brutlingsschwärme oft von einem Mini-Huchen begleitet werden. "Der schwimmt da mit und holt sich alle halbe Stunde einen", berichtet der Fischforscher. In freier Wildbahn wachsen die Donaulachse in ihrem ersten Lebensjahr bis zu 20 Zentimeter. "In der Fischzucht bringen die das nicht zusammen."

Trotz solcher Studien ist der wissenschaftliche Kenntnisstand über diese Prachtfische verblüffend gering. Über den Weißen Hai zum Beispiel gibt es wesentlich mehr Fachpublikationen. Warum? "Weil es eben kaum noch Populationen gibt, die man untersuchen kann", meint Stefan Schmutz lapidar. Zudem stehe für solche Forschung kaum Geld zur Verfügung. "Die einzigen, die sich jahrzehntelang um den Huchen gekümmert haben, waren die Sportfischer."

Inzwischen haben sich Naturschützer und Behörden ebenfalls des Donaulachses angenommen, wenn auch eher zaghaft. So wurde im Rahmen des EU-Life-Programms vor einigen Jahren an Pielach, Melk, Kamp und einem mehr als dreißig Kilometer langen Donauabschnitt in der Wachau das Projekt "Lebensraum Huchen" durchgeführt.

... zur geglückten Renaturierung

Ziel war es, durch den Bau neuer Fischpässe und Renaturierungsmaßnahmen die "fischökologische Funktionsfähigkeit" dieser Gewässer weitgehend wiederherzustellen und so die Huchenpopulationen zu fördern. Das Unterfangen war ein ziemlicher Erfolg, berichtet Stefan Schmutz. Huchen und andere Arten wanderten alsbald wieder frei in diesen Flüssen umher. Aber: Die Lebensräume und ihre Strukturen müssen weiter verbessert werden.

Schmutz befürchtet, dass sich die Fließgewässer ohne natürlichen, Schatten spendenden Auwaldwuchs an den Ufern infolge der Klimaerwärmung zukünftig zu stark aufheizen. "In der Melk wurde im Sommer schon 30 Grad gemessen." Und der Huchen verträgt nur maximal 25°C. (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Printausgabe, 24.06.2009)

  • Der Huchen oder Donaulachs gilt als die am stärksten bedrohte einheimische Fischart. Bisher litt er unter Überfischung und Verbauung. In Zukunft könnte ihm auch noch der Klimawandel zusetzen.
    foto: boku-ihg

    Der Huchen oder Donaulachs gilt als die am stärksten bedrohte einheimische Fischart. Bisher litt er unter Überfischung und Verbauung. In Zukunft könnte ihm auch noch der Klimawandel zusetzen.

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