Die Krise und der Philosoph

23. Juni 2009, 18:56
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Anmerkungen zu Konrad Paul Liessmann - Von Erhard Fürst

Konrad Paul Liessmanns brillant formulierte Kommentare und Analysen zu lesen, ist ungetrübter Genuss, auch wenn man nicht mit allem übereinstimmt. Während sich andere Autoren bloßstellen, wenn sie ihr ureigenstes Fachgebiet verlassen, gibt es für den Philosophen Liessmann kein ureigenes Fachgebiet. Gute Philosophie ist eben eine Metawissenschaft. Das zeigt sich an seinem Beitrag im Standard vom 20./21. Juni zur gegenwärtigen Finanz- und Wirtschaftskrise ("Die Krise in der Krise oder wie krank ist das System?").

"Ohne Staat, das heißt ohne politische Entscheidungen, geht nichts". Dem ist nichts hinzuzufügen. Außer dass auch ohne Markt, das heißt, ohne privatwirtschaftliche Entscheidungsautonomie und Privateigentum nichts geht. Markt und Staat bedingen einander, weil Markt nur funktionieren kann, wenn Staat die richtigen Rahmenbedingungen setzt. Und wenn Marktversagen offensichtlich zur Entwicklung der Krise beigetragen hat, kann sich auch der Staat seiner Verantwortung nicht entziehen. Es war der Staat, der in den USA eine stabilitätswidrige, die Bildung von Finanzblasen fördernde Geldpolitik gefahren ist, und es war der Staat, der in den USA ebenso wie in Europa durch eine zersplitterte und laxe Finanzaufsicht versagte.

Ja, von der Wissensgesellschaft sind wir in der Krise stärker entfernt denn je. Ja, die Krisenbewältigungsvorschläge eines um das Überleben kämpfenden Unternehmens zeichnen sich nicht durch mutige, längerfristig orientierte Innovationsstrategien aus. Aber wie sehen erst die von Liessmann eingeforderten politischen Entscheidungen aus? Kurzsichtiger Opportunismus, Subventionswettlauf, regelwidriger Protektionismus, exzessive Defizite bei gleichzeitiger Kürzung von Ausgaben für die Wissensgesellschaft.

Eines scheint absehbar: Gute Unternehmen werden aus dieser Krise gestärkt hervorgehen. Ob auch die Politik die Chancen der Krise zur effizienteren Gestaltung des öffentlichen Sektors nutzen wird, bleibt zumindest ungewiss.

Ich bin nicht sicher, ob wir auf die Krise mit einer prinzipiellen Kritik des Kapitalismus reagieren sollten. Der insbesondere in Europa zur ökosozialen Marktwirtschaft gezähmte "Haustierkapitalismus" ist - ebenso wie die parlamentarische Demokratie - ein höchst unvollkommenes System, aber ein besseres ist nicht bekannt.

Wirklich vorrangig wäre es, für die globalisierte Weltwirtschaft, aber auch für die transnationalen Unternehmen, für Ratingagenturen und die internationalen Finanzmärkte Governancestrukturen zu entwickeln und durchzusetzen, die ebenso leistungsfähig wie die auf nationaler Ebene existierenden sind. Die Alternative dazu wäre ein Rückbau der Globalisierung - das heißt: nationale wirtschaftliche Abschottung, Wettlauf bei Wechselkursabwertungen und Wettbewerbsbeschränkungen, Verbot von Betriebsverlagerungen, Dichtmachen der Grenzen gegenüber ausländischen Arbeitskräften usw. - und damit eine Megaweltwirtschaftskrise, im Vergleich zu der unsere gegenwärtige Probleme Peanuts sind. Tertium non datur. (Erhard Fürst, DER STANDARD, Printausgabe, 24.6.2009)

Zur Person

Erhard Fürst - ehemaliger Bereichsleiter für Industriepolitik und Ökonomie der Industriellenvereinigung.

  • Internationale Finanzmärkte brauchen leistungsfähige Governancestrukturen:  Erhard Fürst.
    foto: hendrich

    Internationale Finanzmärkte brauchen leistungsfähige Governancestrukturen:  Erhard Fürst.

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