Ehrenrettung der Dynastie

23. Juni 2009, 18:57
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Neunte internationale Qajaren-Konferenz fand im Juni in Wien statt

Als Jacob Eduard Polak Mitte der 1850er-Jahre Naseroddin Schahs Leibarzt wurde, war dieser noch keine zehn Jahre an der Macht. 1831 geboren, also ein Jahr später als Kaiser Franz Joseph, regierte Naseroddin Schah wie dieser ab 1848, und immerhin bis 1896 - womit er nicht ganz, aber doch fast an seine Longue-durée-Kollegen in Österreich und England - Queen Victoria - heranreichte.

Die große Modernisierungsphase, die Polak und fünf andere Österreicher an die neue Schule "Dar ol-Fonun" nach Teheran brachte, ist auch eng verbunden mit dem Namen Amir Kabir - dem Premierminister, der jedoch ein paar Tage, bevor die Österreicher eintrafen, verhaftet und verbannt (und später umgebracht) wurde. Der Sohn eines Hofkochs war auf diplomatischen Missionen in Russland und im Osmanischen Reich gewesen, dort wurde er auf die Tätigkeit österreichischer Fachkräfte aufmerksam. Als es an die Errichtung der Schule ging, streckte er - über seinen Dolmetscher John Dawud - seine Fühler nach Wien aus. Die Orientalische Akademie war bei der Lehrersuche behilflich.

Die Geschichte spielt also in der Qajarenzeit. Die Qajaren waren ursprünglich ein Nomadenstamm türkischer Herkunft, der Ende des 18. Jahrhunderts unter der Führung eines - kastrierten - Stammesführers eine neue Herrschaft über ganz Iran westlich von Afghanistan begründete. Dessen Neffe Fath Ali Schah entmachtete die Kernfamilie und gründete eine Dynastie, die 1925 von den Pahlavis abgelöst wurden. Mit ihnen zog die Geringschätzung der Qajaren in die iranische Geschichtsschreibung ein: als "Türken", schwach und kulturell eher minderwertig ("kitschige" Kunst), für den Ausverkauf des Iran an fremde Mächte verantwortlich und schuld an der Stagnation.

In den letzten Jahren ist jedoch eine revisionistische Neubeurteilung der Qajaren im Gange - an der die Familie selbst nicht ganz unbeteiligt ist. Die über die Welt verstreuten Qajaren pflegen sich einmal pro Jahr zu treffen, und zeitlich analog dazu findet eine Konferenz der International Qajar Studies Association (IQSA) statt.

Organisiert werden die Konferenzen von IQSA-Präsident Manoutchehr Eskandari-Qajar: Der heute in Santa Barbara in Kalifornien lehrende Qajare ist in Wien geboren, und die 9. IQSA-Konferenz fand Anfang Juni in Kooperation mit dem Institut für Iranistik (Akademie der Wissenschaften) in Wien statt. Thema war die qajarische Architektur - die Residenz des österreichischen Botschafters in Teheran befindet sich übrigens in einem besonders schönen qajarischen Haus. (guha/DER STANDARD, Printausgabe, 24.06.2009)

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    Naseroddin Schah, ein Zeitgenosse Kaiser Franz Josephs.

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