"Sein Grab war so etwas wie eine Pilgerstätte"

23. Juni 2009, 18:53
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Jacob Eduard Polak gehört zum "wissenschaftsgeschichtlichen Standard" für jeden iranischen Medizinstudenten, erzählt die Forscherin Afsaneh Gächter im Gespräch mit Gudrun Harrer

STANDARD: Ein Jude aus der Nähe von Prag ist der Begründer der modernen Medizin im Iran. Wissen das auch die Iraner?

Gächter: Ja, das gehört zum wissenschaftsgeschichtlichen Standard. Polaks Grab am Zentralfriedhof war auch immer so etwas wie eine Pilgerstätte für iranische Medizinstudenten, die nach Wien zum Studieren kamen. Aber im Iran kennt man ihn eher nur unter diesem Aspekt und nicht seine vielen anderen Rollen, seinen Vermittlertätigkeiten in Wirtschaft, Verwaltung und Naturwissenschaften.

STANDARD: Aber sein "Persien: Das Land und seine Bewohner" von 1865 wurde auf Persisch übersetzt.

Gächter: Es wird aber eher nur als Reisebericht rezipiert, das wird ihm nicht gerecht, auch wenn es für seine genauen und vielfältigen Beobachtungen gelobt wird. Aber das Buch zeigt, wie sich Polak jeweils anpassen konnte. Er erwarb dadurch viel Vertrauen - wie ja auch das von Naseroddin Schah, der extrem misstrauisch war und dessen Leibarzt er wurde. Wahrscheinlich hat das mit seinem eigenen Hintergrund zu tun.

STANDARD: Polak ging 1851 nach Teheran, gemeinsam mit fünf anderen Österreichern. Er kam 1860 zurück. Sie vermuten, das könnte auch politische Motive gehabt haben?

Gächter: Wir wissen, dass er äußert gerne fortgegangen ist. Er war 1846 von Prag nach Wien gekommen, um sein Medizinstudium zu beenden. Es gibt Indizien dafür, dass er im Vormärz politisch aktiv war, ob zwei mit J. Polak gezeichnete einschlägige Artikel von ihm waren, muss ich noch näher untersuchen. Und seine Rückkehr fällt in eine Zeit der Amnestie für die an der 1948er-Revolution Beteiligten.

STANDARD: Hat Polak nach 1860 den Iran noch einmal besucht?

Gächter: Ja, 1882, er hat im Auftrag der Geographischen Gesellschaft eine Expedition durchgeführt und dabei wichtige Fossilien mitgebracht, heute noch im Naturhistorischen Museum zu sehen. Er hat auch einen Artikel über die Veränderungen in den 22 Jahren seiner Abwesenheit geschrieben, feine soziologische Beobachtungen.

STANDARD: À la "Teheran ist auch nicht mehr, was es einmal war"?

Gächter: Im Gegenteil, er hat über Veränderungen ins Positive berichtet. Er wollte mehr österreichisches wirtschaftliches Engagement, er hat den Österreichern gesagt: Das ist ein Land, das an Modernisierung interessiert ist. (DER STANDARD, Printausgabe, 24.06.2009)

Zur Person
Die Soziologin und Ethnologin Afsaneh Gächter forscht am Institut für Iranistik an der Akademie der Wissenschaften. Ihr Forschungsprojekt "Wissens- und Kulturtransfer zwischen Österreich und Iran: der österreichische Mediziner und Ethnograph Jacob Eduard Polak (1818-1891)" wird aus Mitteln des Fonds für Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF) finanziert.

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