Ein auf Persien spezialisierter Humboldtist

23. Juni 2009, 18:50
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Ein österreichischer Mediziner, assimilierter Jude aus der Nähe von Prag, wird Mitte des 19. Jahrhunderts zum Begründer der modernen Medizin im Iran

Er ist ein für die oftmals gescholtene Personengeschichtsschreibung besonders eindrücklicher Fall: Unbestreitbar ist, dass ohne ihn die Beziehungen zwischen dem Habsburgerreich und dem Iran im 19. Jahrhundert anders verlaufen wären. Jacob Eduard Polak, 1818 als Sohn einer jüdischen Familie in Böhmen geboren, Arzt, ging 1851 als Lehrer für die medizinischen Fächer an die im Rahmen einer Modernisierungswelle neu gegründete Schule "Dar al-Fonun" (eine Art Polytechnikum) nach Teheran. Er blieb dort neun Jahre, führte ein westliches medizinisches Curriculum ein, schrieb die Lehrbücher dazu, gründete eine Poliklinik und ein Militärspital, war ein eifriger Operateur und wurde Leibarzt des Schahs, mit dem er im Land herumreiste. Er ist der Begründer der modernen Medizin im Iran.

Daneben blieb ihm unerklärlicherweise genug Zeit, auch noch profunde naturwissenschaftliche Forschungen anzustellen, von der nicht nur die Wiener Museen, sondern die ganze Disziplin später in Österreich profitieren sollte. Und 1860 nach Wien zurückgekehrt, scheint seine Vermittlerrolle erst recht zu beginnen.

Polak, der nach seiner Rückkehr als Mediziner am AKH wirkte, wird jetzt im Rahmen eines Projekts an der Akademie der Wissenschaften (Institut für Iranistik) von der Ethnologin Afsaneh Gächter beforscht, genauer gesagt, Polaks Rolle und Wirkung im Wissens- und Kulturtransfer zwischen Österreich und Iran.

Ist er vergessen? Ja und nein - sein ethnografisches Buch "Persien: Das Land und seine Bewohner" gilt zwar als Standardwerk, ist aber, sagt Bert Fragner, Direktor des Instituts, in ein Sprachloch gefallen: Die Qajarenforschung (die ganze Geschichte spielt ja in der Zeit der Qajarenherrschaft im Iran) kam erst so in den 1960/70er-Jahren in Schwung, und "damals war das Lesen deutscher Quellen schon unüblich geworden" in der Wissenschaft. Nur Polaks ins Englische übersetzter Artikel "Zur Prostitution in Persien", der sich mit dem Phänomen der "Zeitehe" in schiitischen Pilgerstädten befasst, wurde überall rezipiert, und so hat Polak doch den Weg in internationale Bibliografien gefunden.

Was die Forscher an Polaks ethnografischem Werk besonders beeindruckt, ist das "Unorientalistische", die völlig vorurteilslose Beschreibung eines "Menschen naturwissenschaftlichen Geistes": "Das war ein auf Persien spezialisierter Humboldtist im höchsten Sinne", vor der Trennung zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, sagt Fragner.

Er war aber viel mehr als ein Iran-Experte der Zeit, betont Gächter. Während seiner Zeit in Teheran, mehr noch danach, vermittelte er Technologie sowie das nötige Personal dazu nach Teheran. Die Iraner und Iranerinnen verdanken ihm etwa die Segnungen der Stempelmarke (und sind sie etwa zur selben Zeit wie die Österreicher wieder losgeworden). Er versuchte, die Beziehungen zwischen Iran und Österreich auf allen Ebenen anzukurbeln.

Gleichzeitig zog sich die Wertschätzung für die Kultur, die er im Iran kennengelernt hatte, durch sein weiteres Leben. Er unterrichtete an der Universität Wien Neupersisch, verfasste ein Wörterbuch und pflegte seine Liebe zur persischen Dichtung - die sich auch in einem Saadi-Vers auf seinem Grabstein niederschlug.

Das MAK in Wien verdankt Polak übrigens auch die derzeit laufende Ausstellung "Abenteuer mit Hamza", ohne ihn allerdings zu erwähnen (wohl aber den von ihm erstellten Katalog). Polak fungierte nämlich bei der Weltausstellung 1873 als "kaiserlicher Kommissär der persischen Ausstellungs-Kommission" und bestimmte, was nach Österreich gebracht und ausgestellt wurde. Darunter waren die persischen Miniaturen der Mogulhandschrift Hamzaname, und ein Teil davon wurde später in Wien verkauft und ist jetzt zu sehen.

So war er durchaus auch für die "andere" Seite tätig. Bei einem Cholerakongress in Wien vertrat er einmal hochoffiziell den Iran. Dass Österreichern gegenüber eine Öffnung in Teheran vielleicht leichter fiel als Bürgern anderer Länder gegenüber, erklärt Gächter auch mit den geopolitischen Konstellationen der Zeit: Im Gegensatz zu England, Frankreich und Russland spielte Österreich in der Region keine politische Rolle.

Polak starb 1891 und liegt auf dem Zentralfriedhof begraben (Tor 1, jüdische Abteilung, Grabstelle 16-57-45). Ein iranischer Arzt aus Deutschland, der das Grab in einer alten Tradition besuchte, glaubte etwas Gutes zu tun, als er die jüdische Kultusgemeinde anrief, sie auf die Bedeutung Polaks aufmerksam machte und um eine Erneuerung des zerstörten Grabsteins bat.

Am Grab wurde in der Folge eine neue schlichte Tafel (mit Grammatikfehler in der Unterzeile) aufgestellt. Aber der alte Grabstein mit den Saadi-Versen, den Afsaneh Gächter im November 2007 noch gesehen hatte, war verschwunden - auf einen Steinhaufen geworfen, wo ihn Gächter genau am Tag, bevor er entsorgt werden sollte, wiederfand und ihn darauf ins Institut für Iranistik schleppen ließ. Dort wird jetzt des jüdischen Leibarztes des iranischen Schahs freundlich gedacht. (Gudrun Harrer/DER STANDARD, Printausgabe, 24.06.2009)

  • Jacob Eduard Polak in späteren Jahren in persischer Tracht in Wien. Er hielt seine Erinnerungen an Teheran hoch.
    foto: bildarchiv der önb

    Jacob Eduard Polak in späteren Jahren in persischer Tracht in Wien. Er hielt seine Erinnerungen an Teheran hoch.

  • Der gerettete Grabstein Polaks (hier Pollak geschrieben).
    foto: gächter

    Der gerettete Grabstein Polaks (hier Pollak geschrieben).

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