Bienen unter Beobachtung

23. Juni 2009, 18:40
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Im letzten Frühjahr starben in Deutschland tausende Bienen an Vergiftung durch das Maisbeizmittel Clothianidin

Forscher sollen nun die Risiken für Österreich ermitteln. Die Zeit drängt: Viele Bienenvölker sind durch Krankheiten geschwächt.

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Zuerst waren es nur einige Handvoll toter Bienen. Doch schon nach wenigen Tagen war klar: Hier ist etwas passiert. In etwa 1200 Bienenstöcken in Baden-Württemberg und Bayern waren im Frühjahr in kurzer Zeit tausende Bienen gestorben. Die Tiere hatten sich vergiftet - am Pflanzenschutzmittel Clothianidin. Durch einen Fehler bei der Ausbringung der Maissaat waren Partikel eines Pestizides gegen den gefürchteten Maiswurzelbohrer auf die Blüten der umliegenden Wiesen und Rapsfelder gelangt. Hier nahmen Flugbienen auf der Suche nach Nektar die Partikel auf - und starben.

Seither bangen auch Österreichs Imker um ihre Insekten. Denn auch hierzulande gibt es massive Probleme mit dem Maiswurzelbohrer, berichtet Leopold Girsch, Bereichsleiter Landwirtschaft der Österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit, Ages. Gegen den Schädling schützen sich die Bauern ebenfalls mit Clothianidin. Welche Auswirkungen das Maisbeizmittel auf die Bienen hat und welche Konsequenzen man daraus ziehen muss, das soll nun das Ages-Forschungsprojekt Melissa untersuchen.

Verdachtsfälle auf Bienenvergiftungen gab es schon 2008, und auch heuer wurde das Institut für Bienenkunde der Ages schon von besorgten Imkern kontaktiert. Wegen der warmen Witterung waren im Frühjahr zur Zeit der Maisaussaat schon zahlreiche Pflanzen in der Blüte - und die potenzielle Gefahr für die Bienen damit höher als in früheren Jahren, als Löwenzahn, Kirsche oder Raps erst später blühten.

Doch ohne genaue Analyse ist es schwierig, zu sagen, woran genau die Bienen erkranken. Würden die Bienenstöcke nicht täglich kontrolliert, könne es zudem vorkommen, dass einem Imker tote Bienen gar nicht auffallen. Denn ihre emsigen Kollegen bugsieren tote Artgenossen zügig aus dem Bienenstock heraus. "Gerade Hobbyimker merken darum oft nicht sofort, wenn etwas in ihrem Stock nicht stimmt", betont Rudolf Moosbeckhofer, Leiter des Institutes für Bienenkunde an der Ages, der das Forschungsprojekt betreut, das vom Landwirtschaftsministerium finanziert wird.

Globaler Bienenhandel

Die meisten Imker haben Erfahrung mit Bienenkrankheiten: Die in den 1980er-Jahren eingeschleppte Varroamilbe etwa, die rasch ganze Stöcke infizierte, aber auch Viren und Darmparasiten machen den Insekten immer wieder das Leben schwer. "Ich fürchte, dass es in Österreich kein Bienenvolk mehr gibt, das vollkommen gesund ist," sagt Moosbeckhofer.

Das jedoch ist fatal: Weil die Bienenvölker insgesamt geschwächt sind, werden sie auch anfälliger für neue Angriffe. "Irgendwann ist dann ein Punkt erreicht, an dem das Volk die Einbrüche in der Population nicht mehr stemmen kann. Es stirbt ab", sagt Moosbeckhofer. Die meisten der Krankheitserreger wurden im Laufe der Jahre aus anderen Ländern eingeschleppt. Schuld ist ein intensiver Handel mit Bienen. Denn auch sie sind inzwischen Teil einer globalisierten Warenkette: Bienenköniginnen werden zu Zuchtzwecken um die Welt geschickt, ganze Bienenvölker als sogenannte "Paketbienen" importiert. Mit ihnen reisen ihre Krankheiten.

Wie viele Bienen von welcher Krankheit betroffen sind, ist nicht bekannt, selbst wenn reisende Bienen Gesundheitszeugnisse und Herkunftsnachweise brauchen: "Man kann einen Schwarm nur stichprobenartig untersuchen", erklärt Moosbeckhofer, ein geringer Schutz angesichts der Bedeutung der Bienenarbeit. Schließlich werden bis zu 90 Prozent der Äpfel, Birnen und Kirschen durch Bienen bestäubt, ein Drittel der weltweiten Nahrungsmittelproduktion hängt nach Angaben der Welternährungsorganisation der Vereinten Nationen von Bestäubern ab.

Und so bleibt Imkern und Forschern nur, den Schaden zu begrenzen und hoffen, dass die Bienen lange genug durchhalten. Wissenschafter in aller Welt arbeiten an Behandlungsmethoden gegen Viren und Parasiten, auch die Hersteller von Pestiziden forschen an neuen Techniken. Doch die Krankenpflege ist schwierig: Schließlich dürfen die Medikamente keine Rückstände in Waben und Honig hinterlassen.

Inzwischen soll das Projekt Melissa Klarheit über die Auswirkungen schaffen: Mehrere Dutzend Proben wurden seit Mitte April, dem Beginn der Maisaussaat, bereits eingesandt. In Zusammenarbeit mit Imkern und Labors in Frankreich, Deutschland und den Niederlanden werden tote Bienen, Honig, Pollen und Blüten auf Rückstände des Pflanzenschutzmittels untersucht. Bis September soll ein Bericht vorliegen. (Tanja Krämer/DER STANDARD, Printausgabe, 24.06.2009)

 

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    Fleißige Bienchen: Ein Drittel der weltweiten Nahrungsproduktion hängt von ihrer Bestäubungsarbeit ab. Durch Krankheiten und Pestizide sind sie zunehmend bedroht.

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