Was Heidi nicht erzählt

23. Juni 2009, 18:44
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Die Dokumentation "Picture me" wagt einen Blick in die Abgründe des Modelbusiness und thematisiert sexuelle Übergriffe, die an der Tagesordnung sind

Arbeitstage, die 20 Stunden dauern oder sich nackt den Blicken und auch Händen älterer Herren aussetzen müssen. Das gehört zum Arbeitsalltag von Models, die oft noch nicht einmal fünfzehn Jahre alt sind. Der Dokumentarfilm von dem amerikanischen Model Sara Ziff und Filmemacher Ole Schell "Picture me" begleitet Ziff und ihre Kolleginnen bei ihrer Arbeit weltweit. Der Film macht einen Schritt hinter die Kulissen der sonst sehr verschlossenen Modelbrache, mal abgesehen von Casting-Shows, die in Bezug auf dieses Business wohl nicht ganz ehrlich sind. Dennoch deuten diese Shows gewisse Abgründe schon an: Meist männliche Fotografen, die ihre Hände nicht von den Körpern der Models lassen können zum Beispiel. Dass sexuelle Übergriffe in der Branche auch als solche benannt werden, ist selten. Die Dokumentation "Picture me", die im Frühjahr in New York bei dem Gen Art Film Festival Premiere hatte, versucht jegliche Euphemismen außen vor zu lassen. Der Film dokumentiert etwa, dass sexuelle Übergriffe von Männern gegenüber Minderjährigen an der Tagesordnung sind. Dennoch war es für Ziff und Schell gar nicht so einfach, Models zu finden, die das vor einer Kamera auch aussprechen wollen. So bat etwa eine 16-Jährige kurz vor der Premiere des Filmes, ihre Geschichte doch wieder aus der Dokumentation zu nehmen. Die Angst vor negativen Folgen überragte doch. Dabei berichtete die junge Frau ursprünglich doch "nur" darüber, was innerhalb der Branche wohl kein Geheimnis ist. Die Grenzen zwischen Arbeit, sexueller Belästigung und sexuellen Übergriffen ist fließend, meinte Ziff in einem Gespräch mit dem Guardian: "Du wirst ständig angefasst und berührt, an deinem Hals, an deinen Brüsten."

Grenzen verschwimmen

Auch werde die Modebranche mehr und mehr sexualisiert und die Grenzen, was akzeptabel ist und was nicht, verschwimmen immer mehr. Das sei besonders in Kombination mit dem Model-Ideal, das nur sehr junge Mädchen erfüllen können - sehr dünn, flache Brüste und burschikose Hüften - ein Problem, so Ziff. "Es ist ein inhärent problematisches Verhältnis, wenn ein 45-jähriger Fotograf ein 15-jähriges Mädchen anhält, sexy zu posieren", kritisiert Ziff. Auch Ziff kann von einigen Erlebnissen berichten. Eine erste Erfahrung musste sie als 14-Jährige machen, als sie sich völlig ihrer Kleidung entledigen musste und von den Leuten beim Casting regelrecht umkreist wurde, "wie von einem weißen Hai".

Ziff kritisiert auch, dass aufgrund des hohen Kapitals, das in das Business gesteckt wird, jegliche Bereiche extrem kontrolliert sind und die Einflussnahme auf die jungen Frauen sehr stark ist. Ziff sieht in der Kontrolle des Gewichtes bzw. in dem ständigen Versuch der Gewichtsreduktion die einzige Möglichkeit der jungen Frauen, Kontrolle über sich zu gewinnen.

Konträres Bild zu Casting-Shows

"Picture me" begann eigentlich als Video-Tagebuch und beleuchtete anfangs auch positive Seiten des Business, wie beispielsweise die Kollegialität zwischen den jungen Frauen, ein konträres Bild zu dem, was Model-Casting-Shows immer wieder zeigen. Nach und nach bekam der Film immer mehr den Charakter einer kritischen Hintergrund-Reportage. Um einen besseren Einblick zu bekommen, drückten Ziff und Schell den Models die Kamera selbst in die Hand. Auch über Blogs sprechen Models zunehmend offener über ihre Erfahrung in ihrem Beruf und verschaffen sich so eine Stimme. Victoria Keon-Cohen und Dunja Knezevic bauten sogar eine Gewerkschaft für diese extrem unregulierte Branche auf, die sich um bessere Arbeitsbedingungen, Urlaub oder Krankenversicherungen bemüht.

Die mittlerweile 27-jährige Sara Ziff, die seit dreizehn Jahren das Model-Geschäft kennt, ist heute Vollzeitstudentin an der Columbia University und modelt nur mehr, wenn es ihr Studium zulässt. Die Kombination, dass eine junge Frau modelt und gleichzeitig Seminare in Frauen- und Geschlechterforschung besucht wie Ziff, gibt es wohl eher selten. Über das Modeln sagt sie heute: "Es bringt dir viel Geld und Aufmerksamkeit, aber nicht die Aufmerksamkeit, die man will." (beaha, dieStandard.at, 23.6.2009)

 

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    Das Model-Ideal können nur sehr junge Mädchen erfüllen. 

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