Die Sehnsucht nach dem anderen Gesicht

23. Juni 2009, 17:36
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Das Kunsthistorische zeigt "Wir sind Maske" , eine sparten- wie epochenübergreifende Ausstellung über die vielen Gesichter, die die Menschen gerne hätten

Wien - Angesichts der Welt (und ihrer Bewohner) hat sich die Kontrolle über die Mimik als zumindest ungenügend herausgestellt. Früher oder später entgleisen die eigenen Züge ja doch: aus Angst, aus Freude, aus Lust, aus Langeweile, ob der unvermeidlichen Müdigkeit, im Angesicht des Todes. Und also mussten Masken her, statische Gesichtszüge, deren Zweck es war und ist, einem Gegenüber Furcht, zumindest aber Respekt einzuflößen.

Ob das Gegenüber jetzt ein gefährlicher Bär ist, den es zu erlegen gilt - wobei das Bedürfnis nach Fell wie die Lust nach seinem Fleisch gleichermaßen nach einer Waffe verlangen - oder eine begehrenswerte Frau, der gegenüber man im latenten Mangel an Selbstbewusstsein sich zunächst nicht gerne unverstellt zeigen möchte, spielt keine Rolle. Maskierung ist stets der Wunsch nach einem anderen, nach einem mächtigeren Gesicht. Die Maske bietet die Chance zur Traumrolle.

Die Maske erhebt, macht zum Verführer, zum Schamanen, zum Häuptling, zum Jäger. Und: Die Maske konserviert, hält fest, was das Altern, was der Tod unwiederbringlich rauben. Der Gebrauch des anderen Gesichts ist seit den frühesten künstlerischen Darstellungen überliefert. So finden sich bereits in den Höhlenmalereien von Lascaux (etwa 15.000 v. Chr.) Masken. Und die Freude am Maskieren ist ungebrochen. Das Kunsthistorische Museum hat die Chance genutzt, mit dem Völkerkundemuseum einen der wichtigsten Leihgeber auf diesem Gebiet im eigenen Konzern zu haben. Und Sylvia Ferino, stellvertretende Direktorin der Gemäldegalerie, hat ihre Chance genutzt, Fach- wie Spartengrenzen zu überwinden. Lustvoll zu überschreiten.

Sie hat als Kuratorin einen Parcours durch etwa 7000 Jahre angelegt, zeigt Schädelmasken und Mumienporträts neben Feuerwehrhelmen aus dem frühen 20.Jahrhundert, stellt Totenmasken neben Mussolinis berühmte "Lebendmaske" , schlägt assoziative Brücken von der antiken Tragödie (die zwischen Maske und Gesicht nicht unterscheidet) zu den ephemeren Gesichtsveränderungen durch Schminke bis hin zu solchen von Dauer, die auf chirurgische Eingriffe zurückzuführen sind: Da läuft ein Video der kosmetisch-chirurgischen Eingriffe, die die Französin Orlan an ihrem Gesicht vornehmen lässt, um dieses zum Kunstwerk zu erheben. Da zeigt sich Birgit Jürgensen maskiert, um so den Projektionen auf ihren, den weiblichen Körper, zu begegnen, ohne sich selbst dabei preiszugeben. Da stehen Ritterrüstungen neben Mumien, Kultgegenstände neben Grabbeigaben oder Filmrequisiten.

Da wurde erneut demonstriert, dass "die Sammlung" der Kern eines Museums ist. (Markus Mittringer/DER STANDARD, Printausgabe, 24. 6. 2009)

Bis 28. 9.

  • Orlan, oder was von ihr übrig blieb: Seit Jahrzehnten lässt die
Französin ihr Gesicht zwecks Kunst-werdung chirurgisch verändern.
    foto: galerie michael rein, paris

    Orlan, oder was von ihr übrig blieb: Seit Jahrzehnten lässt die Französin ihr Gesicht zwecks Kunst-werdung chirurgisch verändern.

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