Eröffnungsrede

"Klagenfurter Sensenmänner"

24. Juni 2009, 20:30
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    apa-foto: georg hochmuth


    Josef Winkler rechnete vehement ab

     

     

Josef Winkler eröffnete das Ingeborg-Bachmann-Lesen mit einer vehementen Abrechnung - Reihenfolge des "Wettlesens" ausgelost

Klagenfurt - Dem Kärntner Autor und Büchner-Preis-Träger Josef Winkler wurde die Ehre zuteil, im Klagenfurter ORF-Theater die 33. Tage der deutschsprachigen Literatur mit einer Rede zur Literatur zu eröffnen. Ganz entgegen seiner Gewohnheit, die Kärntner Wirklichkeit mit eher metaphorisch gestimmten Einlassungen zur Kenntlichkeit zu bringen, geriet sein Text "Der Katzensilberkranz in der Henselstraße" zur handfesten Abrechnung mit aktuellen (und jüngst verstorbenen) Machthabern.

Winkler heftete sich in seinem Text nicht nur auf die Fersen von Ingeborg Bachmann. Rund um den tragischen Unfalltod eines neunjährigen Buben spann Winkler eine Assoziationskette von Ingeborg Bachmanns Kindheitsstadt ("K" ) hin zu seinen eigenen Jugendtagen in Klagenfurt.

Der carinthische Mikrokosmos rund um eine Kreuzung unweit der Klagenfurter Henselstraße verleitete den Eröffnungsredner zu weitreichenden Folgerungen: "... seinen Verletzungen erlegen ist auch der neunjährige Lorenz Woschitz, vor zwei Jahren, als einem größenwahnsinnig gewordenen Bürgermeister und einem ebenso größenwahnsinnigen Landeshauptmann, den beiden Hausherrn der Stadt K. und des Landes K., in den Kopf gestiegen war - der eine hat später, schwer alkoholisiert, aus seinem mit dreifach überhöhter Geschwindigkeit fahrenden Auto ein beim Aufprall mehrfach sich überschlagendes Geschoß gemacht -, für drei Fußballspiele, für viereinhalb Stunden Fußball also, ein gigantisches Fußballstadion in dieser Kleinstadt zu bauen."

Winkler, einmal in Fahrt gebracht: "Der neunjährige, gerade aus der Schule kommende Lorenz Woschitz, der auf dem Heimweg war, wurde in Klagenfurt an einer Kreuzung - damals ein Dreivierteljahr lang eine ein paar hundert Quadratmeter große Baustelle -, die er auf einem Zebrastreifen bei Grün überquerte, von einem Lastwagen überfahren und getötet."

Die Anklage Winklers: Für den Bau des Fußballstadions seien immer wieder Arbeiter von eben dieser Kreuzung abgezogen worden. Und so hätten "die verantwortlichen Straßenbauer, die Sensenmänner von Klagenfurt" , den Tod eines Schulkindes "buchstäblich aus dem Asphalt gestampft".

Heftige Kritik übte Winkler auch an der Tatsache, dass Klagenfurt bis heute keine eigene Bibliothek besitzt, was er als Verrat an der Jugend wertet: "Diese Stadt Klagenfurt, die sich seit über dreißig Jahren, jährlich im Juni, in der Zeit der Lindenblüte, als deutschsprachige Literaturhauptstadt feiern lässt, ist wohl die einzige Stadt Mitteleuropas mit 100.000 Einwohnern, in der es keine eigene Stadtbibliothek gibt."

Es gebe kein Geld, so lauteten die Argumente der Politiker. Winkler stellte dieser Aussage das Sechs-Millionen-Euro-Honorar entgegen, das der damalige Landeshauptmann Jörg Haider, "der sich mit seiner Asche aus dem Staub gemacht hat" , und ÖVP-Chef Josef Martinz einem Steuerberater für die Beratung beim Verkauf der Landesanteile der Kärntner Hypo an die BayernLB bezahlt haben.

Zum Abschluss stellt Winkler die Frage: "Wie lange werden sich die Bevölkerung des Landes K. und die Bewohner der Stadt K. von diesen schamlosen und räuberischen Politikern, den Hausherrn des Landes Kärnten und den Hausherrn der Stadt Klagenfurt, noch ausbeuten lassen, wann werden sie endlich auf die Straße gehen und den Mund aufmachen?" (poh / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.6.2009)

 

Nach der vom Publikum mit Jubel und Bravo-Rufen quittierten Rede von Josef Winkler ist am Mittwochabend die Reihenfolge des Wettlesens ausgelost worden.

Die österreichischen Teilnehmer sind auf alle drei Wettbewerbstage verteilt. Den Auftakt macht am Donnerstag um 10.00 Uhr Lorenz Langenegger, gefolgt von Philipp Weiss , Karsten Krampitz, Bruno Preisendörfer und Christiane Neudecker.

Am Freitag macht die Österreicherin Linda Stift den Anfang, nach ihr ist Ralf Bönt dran, gefolgt vom in Barcelona lebenden Schweizer Karl Gustav Ruch. Es folgt Jens Petersen, den Abschluss macht Andreas Schäfer.

Gregor Sander eröffnet den Samstag, nach ihm lesen Andrea Winkler und Katharina Born. Caterina Satanik beschließt den Reigen der Wettbewerbsteilnehmer. (APA)


Zur Nachlese: Literarisches Familienbad im Woerthersee

Link: Bachmannpreis


Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 69
1 2
xerxes0001
01
28.6.2009, 20:05
Zeit für klare Worte

Winklers Rede über die Zustände in Kärnten war überfällig, vielleicht werden die Kärntner so endlich munter. Wie lange lassen wir uns die Arroganz der Größenwahnsinnigen noch gefallen???

onlychrissie
00
30.6.2009, 00:44

ich schäm mich jedes mal, wenn ich sag, dass ich aus kärnten bin
da hilft nicht mal die aussage "ich komm da her, wo ihr urlaub machts"

the photographer
00
27.6.2009, 15:09
the photographer
00
27.6.2009, 15:07
Mehr von K.

Alexander Widner
Kreitzberg
Roman

http://www.drava.at/bildanzei... n_0487.jpg

Kritischer Freund1
24
25.6.2009, 21:37
Eine Wohltat ist´s

einen Literaten zu hören / lesen, der Dinge benennt, die viel aufzeigen und sichtbar machen wie abgezogene Haut, die verfaultes Fleich offenlegt.

http://www.welt.de/kultur/ar... nfurt.html

Mucosapolaps
121
25.6.2009, 19:53

Diese Nestbeschmutzer-Mentalität geht mir schön langsam auf die Nerven!

the photographer
06
27.6.2009, 15:25
Schiefes Bild...

Das Nest ist tatsächlich angeschi**en - nur der Josef Winkler hat's ganz sicher nicht getan!
Keiner wollte das beka**te Nest wahrnehmen, alle haben weggeschaut, verdrängt, derealisiert. Jetzt ist es offenbar, in K. stinkt es, seit Jahrzehnten!
Vor lauter Bekenntniszwang zur Einsprachigkeit und Einfalt, Trauer über den Verlust des schnell fahrenden Alleinunterhalters, Lust auf Fahnen schwingende Alt-Männerbünde und Ulrichsbergreden, Krieger-Treffen und andere wenig fröhliche Urständ hat dort in letzter Zeit kaum jemand ungestört die Realität wahrnehmen können, zu viele hatten ständig feuchte Augen.
Winkler sei Dank, jetzt ist der klare Blick wieder möglich! Es scheint, es bricht ein Damm!

galiontariaho
02
26.6.2009, 15:27
hmm.

ich finde das auch.. wie kann man nur ein land so runterwirtschaften?
man macht sich doch mit der misswirtschaft und dem unseriösen proporz in kärnten das eigene nest schmutzig..

gut dass es menschen gibt, die sogar in kärnten auf den schmutz hinweisen..

schön dass wir da mal einer meinung sind...

Der Reisende
00
25.6.2009, 20:33

Nicht jeder der die Wahrheit aufzeigt ist ein Nestbeschmutzer!

Die Bunte Zeitung
 
00
25.6.2009, 18:44
Todesarten

Wir wissen ja wer überhaupt kein Interesse daran hatte irgendetwas nicht begreifen: Ingeborg Bachmann!
http://www.buntezeitung.at/ingeborgbachmann

Schneeglöckchen
 
00
25.6.2009, 15:05
Warum?

Warum redet Stadler plötzlich piefkinesisch?

humbert heller
10
26.6.2009, 20:15
identifikation mit dem angreifer

ja, liebes schneeglöckchen, warum singt die stürmerin preußisch (ich lebä...), warum sprechen sophie rois oder bürgit minichmayr 'n büßchen bundesdeutsch, warum verleugnen eine personalchefin der deutschen bahn oder der chef der lufthansa ihren (zugegebenermaßen gräßlichen) oberösterreichischen heimatdialekt?

weil möglicherweise das wiener höhere-töchter-deutsch (vgl. jelinek, streeruwitz) oder das gequälte oberösterreichische hochdeutsch (fekter, mitterlehner) auch nicht angenehmer ist.

Schneeglöckchen
 
11
27.6.2009, 10:41

Ostarrechische Hochschbrache indegriad Åusschbracheegenhetn ostarrechischa Dialekde.
Deswegen ist es mAn unnatürlich und v.a. anstrengend, plötzlich auf „p“/“t“/“s“/“au“/“ei“/“n“…
zu achten.

Oft geht's halt um Selbstwertfragen ("kleines, rückständiges Österreich") gepaart mit Karriereambitionen. Oder man ist Nachfahre Deutscher und erachtet die Sprache der Vorfahren als überlegen (Schmidt/Schmidtkunz in Ö1-Gespräch, evtl auch Grissemann). Bei Lafer/Wiener/Stürmer gehts mMn auch darum, in D nicht als Zeuge Österreichs für Großdeutsches vereinnahmt zu werden. Bei anderen wiederum gerade damit in D zu punkten...

Gschamster Diener, Herr Direktor!
02
25.6.2009, 14:55
titanic-magazin.de

Beim diesjährigen Klagenfurter Wettlesen ist die Entscheidung gefallen: Der Sieger heißt Lorenz Langenegger. Bereits heute um 11 Uhr vormittags hatte der Schweizer seinen Text fertiggelesen und ging damit als Erster durchs Ziel. Ihm folgte mit einer Stunde Abstand Philipp Weiss (Österreich), die Bronzemedaille geht an den Deutschen Karsten Krampitz, der um 13 Uhr fertig wurde. Chancenlos sind damit die Mitbewerber, die am Nachmittag oder überhaupt erst morgen bzw. übermorgen an den Start gehen. Langenegger habe "geradezu unschweizerisch viel Tempo vorgelegt" und bereits "um 10 Uhr zu lesen begonnen", so Chefjuror Burkhard Spinnen achselzuckend: "Der frühe Vogel fängt eben den Wurm!"

EU-phorie statt EU-phobie
12
25.6.2009, 13:01
danke!

endlich einer der klartext redet!

se örth is a too smoll plänet for mi1
124
25.6.2009, 08:56

Anstatt irgendeine 0815-Literatur-Wirtschaftskrise-Rede aus dem Hut zu zaubern, langweilt er die deutschsprachigen Literaturfreunde mit Kärntner Lokalpolitik .... selbstverständlich darf auch der ehemalige LH auf keinen Fall fehlen.

Peinlich, provinziell, kleinkariert.
Der Zustand der österreichischen Literaten eben.

Quasis Herr Karl
14
25.6.2009, 23:27
Dranbleiben. Nicht locker lassen!

Immer wieder versuchen, nicht frustriert sein, schicken Sie weiterhin Ihre Manuskripte an Verlage, sie wissen, das Glück ist ein Vogerl.

am ko
33
25.6.2009, 17:06
irgendein 0815-hauptsache-dagegen-posting

langweilt die freunde des konstruktiven austauschs.

peinlich, provinziell, kleinkarriert.
der zustand vieler poster eben.

avanti popolo
05
25.6.2009, 14:22
ahnungsloser! die deutschsprachige literatur wär arm, gäbs die österreichische nicht!

nebenbei haben österreichische literaten so ziemlich alle wichtigen preise dazu in letzter zeit abgeräumt! nimm deine too smalle hardware mal her und spiel ihr ein bissel software rauf, bevor du zu diesem thema wieder postest!

AttenTexter
 
21
25.6.2009, 12:45
...

Peinlich, provinziell, kleinkariert.

Der Zustand ihres Geistes eben.

NobodysBaby
16
25.6.2009, 11:27

peinlich provinziell kleinkariert? und der zustand der österreichischen literaten eben? sie lesen wohl keine österreichische literatur? vermutlich auch nicht josef winkler (der büchner preis geht nur äußerst selten an provinzielle kleinkarierte, und wenn wir bei den österreischichen literaten bleiben, auch der nobelpreis der der österreicherin elfriede jelinek verliehen wurde wird auch ganz selten an provinschriftsteller verliehen)

ich finde eine rede, die einen austragungsort, der sich in wirklichkeit nicht mal im entferntesten für irgendeine kultur interessiert, demaskiert alles andere als peinlich. zu sagen dass es wichtiger ist ein gigantisches fussballstadion zu bauen als eine bibliothek.

Der Ernste
00
24.6.2009, 21:52
Die Seltsame Stadt K

Es gibt eine Stadt irgendwo im scheinbar im Nirgendwo eingeschlossen zwischen einer Mauer der Ignoranz betreiben die dort Herrschenden einen unaufhörlichen Narrentanz auf einem steinernen Platz mitten in ihr gelegen auf dem das beflecken und besudeln verboten ist der scheinbare Mist verborgen hinter Mauern und dunklen Toren vergraben im modernen Tempel der Selbstverherrlichung der im untergehenden Sonnenlicht die verlorene Seele widerspiegelt.

pesigny
20
24.6.2009, 21:18
klare worte (2)

- wohl aber über das bildungsniveau der menschen. und auch hier scheint klagenfurt "vorbildlich" zu sein: geld für ein fussballstadion und klientelwirtschaft ist vorhanden, aber keines für eine bibliothek. da muss man sich nicht wundern, warum die resonanz auf winkler und vertreter der modernen literatur im vergleich zur kronenzeitung und co. marginal ist. der qualität ihrer literatur, vergleichbar der qualität einer technisch grandiosen leistungen, die von niemandem zur kenntnis genommen wird, tut das alles keinen schaden.

pesigny
21
24.6.2009, 21:13
klare aussage (1)

in einer zeit, in der opportunisten ihr intellektuelles potential aus opportunistischen gründen nicht nutzen, ist es doch immer wieder wohltuend erfrischend, einen zu hören, der sagt, was sache ist. das ist, so nebenbei gesagt, auch die funktion moderner literatur: sagen, was sache ist - in realistischer oder fiktionalistischer form. ob sie das dann wichtig oder unwichtig finden, ist eigentlich nicht wichtig. wichtig ist, das, was ist, gesagt zu haben, und zwar auf einem literarisch hohem niveau. und das exakt ist winkler wieder einmal gelungen.
das reicht vorerst. welche gesellschaftliche resonanz die literarirische reflexion der realität erfährt, ist ein sekundäres phänomen, das nicht primär etwas über die qualität der literatur sagt -

Der Boss der Bosse
85
24.6.2009, 12:03
Unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Trotz TV.
Die zeitgenössische deutschsprachige Literatur ist am Ende. Sie weiß es nur noch nicht.
Sie hat sich international gesehen der kompletten Irrelevanz fast perfekt angenähert.
Sie wird von jungen Menschen ungefähr so begeistert rezipiert wie Lehár-Operetten - nämlich gar nicht (außer solange Lehrer das verlangen).
Sie existiert nur noch, weil es eine staatliche Subventionskultur gibt, die für Preise, Stadtschreiberposten, Stipendien, Druckkostenzuschüsse und natürlich die Buchpreisbindung sorgt.
Die Bestsellerlisten dagegen strotzen nur so von fremdsprachiger Literatur, die von deutsch(sprachig)en Verlagen für viel Geld eingekauft und übersetzt wird - und zwar quer durch alle Genres und Qualitätsmaßstäbe.
Bankrott, Untergang.

Kommentar posten
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