Franz Josef Radermacher

"Brauchen richtig brutale Krise"

24. Juni 2009 10:58

Der Ökonom und Mitglied des Club of Rome sieht die Chancen auf eine strenge Regulierung der Finanzmärkte schwinden

STANDARD: Wie muss sich das Verhalten der Menschen ändern, damit sich eine Krise wie diese nicht wiederholen kann?

Radermacher: Die Menschen spielen fast keine Rolle. Es ist das Steuerungs- und Regelungssystem in unserer Gesellschaft, das Ungerechtigkeiten zementiert. Erinnern wir uns: Schon beim G-8-Gipfel 2007 in Heiligendamm wurde die Regulierung der Finanzmärkte und Hedgefonds gefordert. Die USA und Großbritannien haben sich gewehrt - erfolgreich. Sie haben die größten Finanzmärkte und folglich am meisten zu verlieren. Dennoch ist es schlecht.

STANDARD: Den wild gewordenen Finanzmärkten Zügel anlegen - ein hoffnungsloses Unterfangen?

Radermacher: Wir brauchen eine richtig brutale Krise, sonst haben wir keine Chance. Wenn nicht etwas Fundamentales passiert, haben wir in spätestens zehn bis zwölf Jahren einen Finanzkollaps auf staatlicher Seite. Dann werden Notstandsmaßnahmen notwendig sein, um die Finanzmärkte zu stabilisieren.

STANDARD: Wurde auf die Krise bisher richtig reagiert?

Radermacher: Wenn es brennt, muss man löschen. Die Regierungen haben das getan, auch wenn sie nicht wussten, was das bewirken würde. Das Knifflige kommt aber erst: Abtragen der Schuldenberge.

STANDARD: Wie könnte das sozialverträglich gehen?

Radermacher: Unter anderem dadurch, dass man sich zu einer sogenannten "Money-leverage-tax" durchringt.

STANDARD: Das heißt?

Radermacher: Auf die bestgerateten Kredite, die es heute zu 3,5 Prozent gibt, einen halben Prozentpunkt aufschlagen - weltweit. Das würde pro Jahr rund 1000 Milliarden Dollar in die Staatskassen spülen - mehr, als die Neuverschuldung der Staaten in Normaljahren ausmacht. Das Geld soll zum Schuldenabbau verwendet werden.

STANDARD: Wie verändert sich das soziale Gefüge in der Krise?

Radermacher: Schon auf dem Weg zur Krise hat sich die Ungleichheit vergrößert. Und es sind jetzt wieder die Letzten, die von den Hunden gebissen werden.

STANDARD: Wer sind die Letzten?

Radermacher: Menschen, die aufgrund der Absatzkrise zum Beispiel ihre Arbeitsplätze in der Metallindustrie verlieren. Selbstständige, bei denen die halbe Rente weg ist, weil sie in Aktien vorgesorgt haben, die Kurse aber in den Keller gerasselt sind. Aber die, die das ganze Schlamassel mitverursacht haben, die im Zentrum des Geldgenerierungssystems gestanden sind und ihre Konten mit Boni vollgehäuft haben, die sind teilweise schon wieder mitten im Business.

STANDARD: Inwiefern?

Radermacher: Wer flüssig ist, hat in der jetzigen Situation ungeheure Möglichkeiten. Wer hingegen illiquid ist, muss verkaufen. Da sind große Umverteilungen im Gang. Auch an der Übernahmeauseinandersetzung zwischen VW und Porsche sieht man, dass alles auf eine Frage zuläuft: Wer bekommt den Kredit zu welchen Konditionen, wer nicht. Es gewinnt nicht der mit dem besseren Geschäftsmodell, sondern der mit dem besseren Zugang zum Kredit.

STANDARD: Ethisch möglicherweise verwerflich, aber erlaubt.

Radermacher: Ethisch sicher verwerflich, aber möglich, weil die Gesetzeslage das zulässt, weil Staaten wie die USA oder Großbritannien dieses Verhalten fördern.

STANDARD: Sie haben wenig Zuversicht, dass sich daran etwas ändert?

Radermacher: Ich hatte die Hoffnung, dass die G-20 rigoros durchgreifen. Es hat gut begonnen, sowohl das Washingtoner als auch das Londoner Meeting waren ein großer Schritt nach vorn, vor allem auch die Thematisierung der Steuerparadiese. Meine Sorge jetzt ist, dass die Kraft, dass der Schwung nachlässt, weil man sich einbildet, aus dem Ärgsten wieder heraus zu sein. Und die Lobbyisten sind längst ausgeschwärmt, eine strengere Regulierung zu verhindern. (Günther Strobl, DER STANDARD, Printausgabe, 24.6.2009)

Zur Person

Franz Josef Radermacher (59), Mathematiker und Ökonom, ist Leiter des Forschungsinstituts für anwendungsorientierte Wissensverarbeitung an der Universität Ulm. Der Autor von gut 300 wissenschaftlichen Arbeiten ist Mitglied des Club of Rome und Vizepräsident des Ökosozialen Forums Europa. Er hielt bei einer Veranstaltung von Roland Berger ein Referat in Wien.

Kommentar posten
Posting 1 bis 25 von 65
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motorsport
26.06.2009 08:09
unglaublich

was dieser mann vorschlagt grenzt eigentlich intellektuell schon an frechheit, wirtschaftlich and planwirtschaft und sozial an faschischtische Diktatur.
er ist also der meinung, dasz die besten ideen nicht an das geld herankommen.Warum die Leute mit Kapital die Qualitaet der Ideen nicht selbst beurteilen koennen verraet er uns nicht.Vielleicht wollen die Menschen mit Kapital ihr geld einfach nicht an bestimmte risiken koppeln. Wenn ihn das interessieren wuerde dann sollte er sich ueber Foerdern von VC und Innovation in der Ausbildung sorgen. Aber darum geht es ja letztlich bei solchen Menschen nie. Es geht immer nur um das Sicherstellen, dasz die mit guten Ideen nicht vorankommen sondern von denen mit schlechten Ideen in den Sumpf gezogen w

José Atento
24.06.2009 22:48
Wer kennt sich da noch aus?

<Unter anderem dadurch, dass man sich zu einer sogenannten "Money-leverage-tax" durchringt.
>

Finde ich eine sehr gute Idee!
Warum hat das noch KEIN Politiker aufgegriffen?

Das würde auch dem ungebändigte Schuldenmachen einen Riegel vorschieben.

Nein, die Experten erklären wir müssen endlich MEHR Schulden machen und mehr konsumieren ???

luilui
24.06.2009 17:05
Grundsätzlich stimts das und Lösungen gäbs auch

aber diwie Radermacher schon darstellt, die von uns gewählten Entscheider sind
1. durch Lobby-Klüngelei eingeschränkt handlungsfähig
2. und/oder durch ideologische Barrieren behindert
3. und/oder durch schlichte Unfähigkeit behindert.
http://4wardseconomy.blogspot.com/2009/04/k... on-20.html

http://4wardseconomy.blogspot.com/2009/03/w... klich.html

Mostbluzer
24.06.2009 14:55
was noch brutaler?

als diese finanz-terroristen ... gg

http://www.faz.net/s/Rub77CA... ntent.html

c70
24.06.2009 14:06
Kreditzins-Aufschlagserhöhung aufgrund staatlicher Vorschrift - nicht schlecht die Idee.

José Atento
24.06.2009 22:50

Im Prinzip braucht man dann nur die EZB abschaffen, dann ist es auch vorbei mit künstlich niedrigen Zinsen. Die Banken kann man dann höher besteuern.

Peter_23
24.06.2009 15:10
Ansich eine gute Idee

Denn die jetzige Misere ist primär eine Misere des Schuldenmachens (=Kredite). Diese zu verteuern und damit das Schuldenmachen ein wenig zu bremsen ist sicher schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Immer nur auf Pump leben geht eben nicht.

Alexander Neumaier
24.06.2009 13:52
Wenn nicht etwas Fundamentales passiert, haben wir in spätestens zehn bis zwölf Jahren einen Finanzkollaps auf staatlicher Seite.

Den Kollaps wird es geben.
Aber nur deshalb, weil man Leuten wie ihm, mit dem Wunsch nach mehr und mehr Besteuerung, glauben wird und daher die Probleme nicht lösen wird, sondern nur durch höhere Besteuerungen, z.B. durch die Kreditbesteuerung wie angeführt, in die nächste Generation verschieben wird.
Verschieben aber löst keine Probleme, auch wenn es populär ist.

José Atento
24.06.2009 22:54

Es müsste natürlich aufkommensnutral passieren.
Neue Steuern sind natürlich großer Unsinn.

Nur Sparen kann uns retten. Wir müssen sehr lange sparen, um wieder die Basis zu bilden für seriöse Investitionen in Geschäfte, die man wirklich braucht.

Da das niemand will, wird es zum totalen Zusammenbruch kommen, leider.

Einfach Gonzales
24.06.2009 14:57

Wie lautet Ihre Lösung für das Problem?

Alexander Neumaier
24.06.2009 15:21
Sparen

Und zwar an allen Ecken und Enden.

Das Problem der Finanzpolitik ist ein ganz einfaches, es werden die Kosten durch populäre/populistische Ideen beständig erhöht und niemand fragt danach, wie so manche Idee zu finanzieren sei.
Zuletzt ganz gut zu sehen in der letzten Nationalratssitzung vor den Wahlen 2008.
Also sollten zuerst die Ausgaben auf Sinnhaftigkeit überprüft werden und ggf. solche gestrichen werden, die keinen erweiterten Sinn machen.
Danach sollte eine echte Struktur- und Verwaltungsreform stattfinden, die den Namen auch verdient.
Auch das spart Steuergelder.
Wenn dann noch etwas überbleibt, kann man ja eine Flattax von 25% auf alle Einkommensarten und einführen.
Sowie das Ende des Umlagensystems zugunsten eines Ansparmodells.

dermartino
25.06.2009 07:42

Meiner Meinung nach schießen sie massiv am Ziel vorbei.
Verwaltungsreform ja, sparen und Apparat verschlanken, ja...

aber: Pensionisten, Hackler, Studenten... an denen scheitert unser System nicht. Solange es Leute gibt, die ein Unternehmen fast vollständig an die Wand fahren und dafür Millionen von Boni kassieren, solange reg ich mich nicht über denjenigen auf, der nach 40 Jahren körperlicher Schwerstarbeit, die REALEN WERT schafft, in seine verdiente Frühpension geht.

Grantscherben
06.07.2009 17:48

je schärfer an die Wand desto mehr Boni!

José Atento
24.06.2009 22:56

Vollkommen richtig.

Ich schätze sie sind kein Politiker. Deshalb wird all das was richtig wäre niemals passieren.

yes2bertl
24.06.2009 20:44
Herr, Sie gehen mir auf den Geist.

Der Verwaltungsreform kann ich zustimmen. Was Sie unter Strukturreform verstehen, sollten Sie noch erläutern. Der Rest Ihrer Wünsche: 1.)Umlagensystem wollen Sie einstellen, zugunsten eines Ansparmodells?
Sagen Sie waren Sie extraterrestrisch verreist im letzten Jahr? Nicht mitbekommen wohin sich die "Ansparmodelle" entwickelt haben?
2.) 25% Flattax. Ein Modell, dass in seiner gesellschaftlichen Abartigkeit nur noch vom 50prozentigen Umsatzsteuer Modell des Herrn Werner übertroffen wird.
Ich fordere: Ein bedarfsorientiertes Mindesteinkommen sowie ein garantiertes Maximaleinkommen.
Halte mich da an Haselsteiner: Einkommen in absurder Höhe brauchen absurde Steuersätze.

Oder wie hoch wollen Sie die Mauern in Döbling bauen.

Alexander Neumaier
25.06.2009 11:13
Wie lieb

Es geht Ihnen also jeder auf den Geist, der Ihre Ansichten nicht teilt.
Damit kann ich leben.
Das Ansparmodell ist in einigen Ländern, u.A. in Singapore - da lebe ich, sehr wohl dem Umlageverfahren überlegen.
Das ist eine Frage des Managements, offenbar sind die in Österreich eher schlechte Manager.
Flattax?
Ja definitiv, denn nur diese Form der Besteuerung ist wirklich gerecht, schließlich zahlen dann alle Steuerzahler denselben Prozentsatz.
Und wenn der Staat schlank genug ist, kommt er damit auch aus.
Haselsteiner ist netter Plauderer, den sie aber nicht erstanden haben, denn er lebt von seiner Stiftung und philosophiert von Dingen, die er hofft, niemals erleben zu müssen.
Dem gehen Sie auf den Leim, nicht ich.

José Atento
24.06.2009 22:58

Was bitte ist ein "ein garantiertes Maximaleinkommen" ?

Das hätte ich auch gerne...

yes2bertl
25.06.2009 09:24
Garantiertes Maximaleinkommen.

Zugegeben, der Ausdruck war zynisch zu verstehen.
Soll heißen: Jemand kann, z.B. 200.000,- verdienen,
garantiert! nicht mehr. Der Rest wird restlos abgeschöpft und umverteilt.
WENN Sie darüber nachdenken, dass alle oben genannten Probleme ihre Ursache in der mangelnden Verteilungsgerechtigkeit von lokalen und globalen Gesellschaften haben, können Sie dann zustimmen?

José Atento
25.06.2009 12:27

Ich bin gegen eine gesetzliche Regelung. Das wäre knapp am Kommunismus.

Aber ich bin dafür, dass wir die Moral wieder so weit anheben, dass sich Manager selbst auf ein noch erträgliches Gehalt beschränken, bzw. die Eigentümer auch darauf achten, dass die Manager nicht zu gierig werden. Das ist ein Prozess, der nicht von heute auf morgen abläuft, aber wenn Politiker und Promis immer wieder darauf pochen, dann wird auch etwas passieren.

Alexander Neumaier
25.06.2009 11:14
Jemand kann, z.B. 200.000,- verdienen, garantiert! nicht mehr. Der Rest wird restlos abgeschöpft und umverteilt.

Wie lieb, das ist das kriminelle System des Kommunismus, ein wahres Erfolgsmodell.

yes2bertl
25.06.2009 12:34
Krimineller Kommunismus, Argument erledigt.

Ich halte Ihre Argumentationen für ausgmachte Schwätzereien.

W. G.
24.06.2009 15:44
ich bin auch für sparen...

...aber bei den Banken - Rettungspaketen.

Es darf keine Selbstverständlichkeit werden, daß Zocker-Banken unbegrenzt und auf unbestimmte Zeit durch Geld des Steuerzahlers gerettet werden.

Nicht die Ausgaben für Krankenkassen, Pensionen, Schulen, ... sondern die maroden Banken sind die Killer der Staatsfinanzen.

Obendrauf kommt noch eine infame Lüge dazu: Das Partizipationskapital ist ein Geschäft für den Staat.

Alexander Neumaier
24.06.2009 15:56
Jaein

Diese Investitionen, etwas anderes sind die Bankenpakete ja nicht, haben wenigstens den Vorteil, daß die Gelder mit Verzinsung, wieder an den Staat zurückfließen.
Das ist also eher eine Art Investment und kein verlorenes Geld.

W. G.
24.06.2009 16:15

Investment mit sehr hoher Ausfallwahrscheinlichkeit.

Mit Steuergeldern zockt man nicht.

Alexander Neumaier
24.06.2009 18:30
Investment mit sehr hoher Ausfallwahrscheinlichkeit.

Eben nicht, da gerade Banken eine sehr hohe Besicherungsquote haben.

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