"Kein Niveau kann man nicht verlieren"

23. Juni 2009, 17:10
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Liberaler ÖVP-Bildungsvordenker Bernd Schilcher über die neue Matura und den geplatzten Traum einer Nation

STANDARD: Warum wollen Sie mit dem Rasenmäher über alle Maturanten drüberfahren? Für die ÖVP-nahe Schülerunion ist die teilzentrale Matura "Rasenmäherpolitik" .

Schilcher:Das ist ein Missverständnis. Denn generell ist ja an Österreichs Schulen das genaue Gegenteil, nämlich Individualisierung angesagt. Man gießt nicht mehr wie bisher mit der Gießkanne dasselbe Wissen über alle Schüler gleichermaßen aus, sondern wird künftig die Begabungen, Interessen und Vorbildungen jedes Schülers feststellen und ihn dann bis an die Grenzen seiner jeweiligen Leistungsfähigkeit fördern.

STANDARD: Ein Teil dieser "individuellen Befindlichkeit" soll in Zukunft über einen Kamm geschoren werden - mit zentral vorgegebenen Fragen bei der schriftlichen Matura.

Schilcher: Ja, das ist der nötige Gegenpart zur Individualisierung. Je individueller das Schulsystem ist, desto notwendiger muss man zumindest am Ende der Schulzeit erfahren, wo Österreichs Maturanten stehen. Das hat mit internationaler Vergleichbarkeit zu tun, aber auch mit dem primären Ziel der AHS, die Studierfähigkeit herzustellen. Die gibt es ja heute nicht. Tatsächlich haben wir schon an jeder Schule große Unterschiede in den Niveaus von Klasse zu Klasse. Und dasselbe gilt von Schule zu Schule. Ich muss daher lachen, wenn manche von einem Niveauverlust durch die neue Matura reden. Wie kann man ein Niveau verlieren, das nicht vorhanden ist? Kein Niveau kann man nicht verlieren.

STANDARD:Die ÖVP hat bereits erste Einwände gegen einen zentralen Punkt deponiert. Der zentrale Teil soll doch nicht ganz zentral sein.

Schilcher: Dann macht das Ganze keinen Sinn mehr. Wir haben ja schon bei zwei der drei Säulen der neuen Matura - bei der vorwissenschaftlichen Arbeit und den mündlichen Prüfungen - rein schulautonome Gestaltungen und Rücksichtnahmen auf die Schwerpunktsetzungen der Schulen. Wollen wir ein einheitliches Niveau der Studierfähigkeit haben und mit allen anderen Staaten vergleichbar sein, die diese zentrale Matura längst schon eingeführt haben, dann muss es wenigstens bei den schriftlichen Klausuren in drei Fächern zentrale Vorgaben geben.

STANDARD: Bleibt noch ein wesentlicher, noch sehr überzeugungsbedürftiger Player in der Frage: die AHS-Lehrergewerkschaft.

Schilcher:Ja und auch die muss lernen, dass das zentrale Ziel der gesamten Schulpolitik die Verbesserung der Situation der Schüler und des Schulstandortes Österreich ist. Dafür ist es nötig, von der Wissensvermittlung auf die Entwicklung von Schülerkompetenzen umzuschalten und die Niveaus zumindest einzelner Kompetenzen zu standardisieren, um internationale Vergleichbarkeit und einheitliche Studierfähigkeit zu gewährleisten.

STANDARD:Es verlieren die Lehrer etwas, nämlich von ihrer Prüfungshoheit bzw. -allmacht. Die Zentralmatura zeigt ja auch, wie es einem Lehrer gelingt, seine Schüler bestimmte Kompetenzen zu lehren.

Schilcher:Und das ist auch gut so. Schüler wollen keine Lehrer, die sich als allmächtig und unfehlbar empfinden. Und auch die meisten Lehrer wollen das nicht. Lernen ist für niemanden eine Schande. Im Zuge einer Matura lernen alle Beteiligten, wie man den ganzen Vorgang immer wieder verbessert.

STANDARD: Wie erklären Sie sich die in Österreich fast habituell gepflogene Aversion gegen jegliche Formen der Vergleichbarkeit der Leistungen des Schulsystems?

Schilcher:Da hat lange der Satz gegolten: Incognito ergo sum. Da nicht verglichen wurde, konnte man sich viele Jahrzehnte einbilden, dass wir eines der besten Schulsysteme der Welt haben. Das Erwachen aus diesem Traum war dann umso schmerzlicher. Vogel-Strauß-Politik und Realitätsverweigerung sind keine erfolgreichen Strategien - auch nicht außerhalb der Schule.

STANDARD: Wie haben Sie es interpretiert, dass Bildungsministerin Claudia Schmied die Zentralmatura mit dem Uni-Gesetz junktimiert hat - war das eine prophylaktische Notwehraktion nach ihren Erfahrungen mit der Lehrergewerkschaft?

Schilcher: Ja, das habe ich auch als Notwehr gesehen. Ihre Erlebnisse mit der Lehrergewerkschaft waren alles andere als erfreulich. Noch viel schlimmer war allerdings der gemeinsame Umfaller von Kanzler und Vizekanzler. Auch diesmal geht es um sehr viel, nämlich um eine gewaltige Kulturänderung im gesamten Lehr- und Lerngeschehen. Statt Stoff auswendig zu lernen, Kompetenzen zu entwickeln - sowie eine strikte Individualisierung des Unterrichts mit einer (teil-)zentralen, standardisierten Matura zu kombinieren. Beides ist neu und anspruchsvoll. Ich glaube aber, dass alle guten Lehrer mittun werden wie auch die Eltern und die Schüler. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD-Printausgabe, 24. Juni 2009)

 

Zur Person:

Bernd Schilcher (69) war Professor für Zivilrecht an der Universität Graz, Klubobmann der steirischen Volkspartei und von 1989 bis 1996 Landesschulratspräsident. Im Juni 2007 wurde der ÖVP-Politiker von Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) als Vorsitzender der Expertenkommission für die Schulreform bestellt.

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    Warum Zentralmatura? Um Vergleichbarkeit herzustellen und Studierfähigkeit zu sichern, sagt Bernd Schilcher.

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