Neue Antwort auf die Anzugfrage

23. Juni 2009, 20:17
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Weltverband lässt nun wieder alle Produkte zu und sorgt damit für helle Aufregung im Athletenlager - Trainer Gödecke: "Keine Chancengleichheit bei WM"

Lausanne - Wieder alles anders im Schwimmsport. Der Internationale  Verband (FINA) hat seine Anzug-Entscheidung revidiert und am Montag für den Rest des Jahres auch wieder alle umstrittenen Produkte zugelassen. Darunter befinden sich auch der "Jaked 01" und - leicht modifiziert - der "Arena X-Glide", mit beiden wurden schon Weltrekordzeiten erzielt. Diese und acht weitere Anzüge waren am 19. Mai generell verboten worden, da sie in zu hohem Ausmaß bzw. gänzlich aus Neopren bestünden und damit zu viel Auftrieb geben würden.

Laut offizieller Aussendung wäre die Zeit zu knapp gewesen, um die Anzüge ausreichend darauf zu prüfen, ob sie die Richtlinien erfüllen. Die umstrittene Schlussfolgerung: Bis auf weiteres ist alles erlaubt, am 1. Jänner 2010 sollten dann neue Richtlinien erlassen werden. Gleichzeitig wies die FINA darauf hin, dass alle erlaubten Anzüge bei den Weltmeisterschaften vom 26. Juli bis 2. August in Rom auch für alle Sportler verfügbar sein müssen.

Keine Chance auf Chancengleichheit

Für Helge Gödecke, Coach im Leistungszentrum Linz (und damit auch von Dominik Koll, David Brandl und Jördis Steinegger), ist das aber nicht realistisch: "Es gibt keine Chance, jetzt noch einen Blue Seventy oder einen X-Glide zu bekommen. Die FINA macht sich lächerlich." Die Entscheidung sei eine Katastrophe, da bei der WM keine Chancengleichheit gegeben sei.

Der mit seinen fünf WM-Schützlingen derzeit auf Höhentrainingslager in der Sierra Nevada weilende Gödecke erwog deshalb, der FINA-Entscheidung per Einstweiliger Verfügung einen Riegel vorzuschieben. Das hält OSV-Generalsekretär Thomas Gangel für wenig chancenreich, auch wenn er mit Gödecke hinsichtlich der Auswirkungen des FINA-Entscheids einer Meinung ist: "Das ist eine Sauerei." Die müssen  Athleten bis 13. Juli dem österreichischen Verband alle ihre Anzüge abliefern, dieser dann die Ausrüstung bis 15. Juli in Rom plombieren lassen. Nur diese Anzüge dürfen dann auch bei der WM getragen werden.

Rogan "wartet auf Angebote"

Markus Rogan dagegen nimmt die Sache locker. "Das wird jetzt ein Kampf um den besten Ausrüster", meinte der Kurzbahn-Weltmeister und -Weltrekordler. In welchem Produkt er selbst antreten wird, weiß er noch nicht. "Es kommt jetzt darauf an, wer mir den besten Anzug liefert. Ich warte auf Angebote."

Mit dieser Herangehensweise steht Rogan aber ziemlich alleine da. Mirna Jukic wurde Montagmittag von ihrem Bruder Dinko über die neue Lage informiert. "Ich muss mir das jetzt überlegen", meinte die 23-Jährige zu ihrer künftigen Anzugwahl. "Wir werden das mit Papa  besprechen." Für die Wienerin war es keine ausgemachte Sache, zu Jaked zurückzuwechseln, obwohl sie heuer in dieser Haut schon drei Europarekorde geschwommen war.

Jukic hatte bis Ende 2008 einen Vertrag mit Speedo, ist nun aber vertragslos und froh darüber. Denn so ist sie in ihrer Anzugwahl frei, sofern das gewählte Produkt für sie auch verfügbar ist. Anders verhält es sich bei Kraul-Ass Filippo Mangini. Der Italiener hat im Laufe des vergangenen Monats im Glauben an das Jaked-Verbot bei Speedo unterschrieben. Jaked ist Generalausrüster des italienischen Teams.

Für Fabienne Nadarajahs Trainer Robert Michlmayr ist klar, dass kräftigere Athleten nun wieder bessere Karten haben: "Sie sind in Neopren-Anzügen schneller, auch wenn sie eine schlechtere Technik haben." Michlmayr hat Montagvormittag gleich nach der FINA-Entscheidung für Nadarjah und den teilweise auch unter seiner Ägide stehenden Sebastian Stoss Jaked-Anzüge bestellt.

Gödeckes Gruppe vertraut aber auf das zuletzt im Training erprobte Material. So wird David Brandl die WM in Speedo schwimmen und Dominik Koll sowie Nina Dittrich im Revolution von Arena antreten. Nur Jördis Steinegger scheint noch unschlüssig.

Problemfall Qualifikation

Auch die eigentlich abgeschlossene Qualifikation für die WM könnte noch ein Problemfall werden. Der Wiener Bernhard Wolf blieb nämlich Mitte Juni bei den Internationalen Wiener Meisterschaften knapp unter dem Limit, allerdings in einem damals verbotenen Anzug. Der OSV- will diese Angelegenheit am Freitag in seiner Vorstandssitzung behandeln.

"Es geht darum, dass wir eine sportlergerechte Entscheidung treffen", meinte Präsident Paul Schauer. In der dritten OSV-Qualifikationsphase hat es aufgrund der anderen Anzug-Vorschriften nicht die Voraussetzungen gegeben wie bei den ersten beiden Terminen im Februar/März und April. Schauer: "Es ist eine unglaubliche Vorgangsweise der FINA, die mit ihrer Entscheidung ungleiche Voraussetzungen geschaffen hat." (red/APA)

Wissen:

Speedo, Jaked, Arena, Diana, adidas, Nike und Mizuno sind die führenden Hersteller von Schwimmanzügen in den unterschiedlichsten Schnittmustern. Der Jaked 01, der zuletzt für Aufsehen sorgte, ist knöchellang und ärmellos, er kostet 372 Euro. Der ähnlich daherkommende Speedo LZR Racer, mit dem im Vorjahr u.a. Michael Phelps in Peking sieben Weltrekorde fixierte, ist ab 375 Euro zu haben.

Bei den meisten Schwimmanzügen sind die Stofflagen nahtlos mit Ultraschall verschweißt. Das soll den Widerstand im Wasser um bis zu 24 Prozent senken. Zudem halten spezielle Einsätze den Körper in einer stromlinienförmigen Position. Nebenbei bewirkt, wie Wissenschafter herausfanden, die höhere Kompression, dass das Herz mehr Blut in die Muskeln pumpt. (fri, lü - DER STANDARD PRINTAUSGABE 24.6. 2009)

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    Mirna Jukic zum Anzugswirrwar: "Schwimme mit dem, in dem ich mich am wohlsten fühle."

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