Die Qual der Wahl beim Zahnersatz

23. Juni 2009, 15:27
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Ob Brücke oder Teilprothese - die Bedeutung des Zahnersatzes für die gegenüberliegende Zähne bleibt unklar

Ob die Beschaffenheit der Zähne im gegenüberliegenden Kieferteil einen Einfluss auf den für Patienten bedeutsamen Nutzen von festem oder herausnehmbarem Zahnersatz hat, bleibt eine offene Frage. Weil geeignete Studien fehlen, sind hier derzeit keine belastbaren Aussagen möglich. Zu diesem Ergebnis kommt das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) in seinem am 23. Juni 2009 veröffentlichten Abschlussbericht. Die Autorinnen und Autoren halten zusätzliche klinische Vergleiche für dringend geboten und fordern die wissenschaftliche Zahnmedizin auf, Kompetenz insbesondere im Bereich der Studienplanung aufzubauen.

Nicht nur eine Frage des Aussehens

Zahnlücken sind nicht nur ein ästhetisches Problem. Sie können sich auch ungünstig auf die benachbarten Zähne und die Zähne des gegenüberliegenden Kiefers auswirken: Probleme beim Kauen, Karies, nächtliches Zähneknirschen und migräneartige Kopfschmerzen sind nur einige der möglichen Folgeschäden. Schließen lassen sich die Lücken durch festsitzenden Zahnersatz in Form von Brücken oder durch herausnehmbare Teilprothesen. Beides lässt sich auch auf Implantate aufbauen.

Seit Anfang 2005 zahlen die Krankenkassen ihren Versicherten einen festen Betrag, unabhängig davon, für welche dieser Varianten sich die Patientinnen und Patienten entscheiden. Der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hatte deshalb das IQWiG beauftragt, anhand der wissenschaftlichen Literatur zu prüfen, ob je nach Beschaffenheit der Zähne - oder des Zahnersatzes - im gegenüberliegenden Kieferteil ein fester oder ein herausnehmbarer Zahnersatz für Patientinnen und Patienten vorteilhafter ist.

Nur eine Studie stellt direkten Vergleich an

Wie die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler feststellten, ist die Studienlage unzureichend. Dabei hatten sie sich bei ihrer Recherche nicht nur auf randomisierte kontrollierte Studien (RCTs) beschränkt, sondern auch nicht randomisierte kontrollierte Studien und unkontrollierte Interventionsstudien einbezogen, sofern diese bestimmte methodische Voraussetzungen erfüllten. Insgesamt konnten sie 17 Arbeiten in die Bewertung einschließen, wovon allerdings nur eine einzige Studie die beiden untersuchten Zahnersatzformen im Sinne einer kontrollierten prospektiven Interventionsstudie direkt miteinander verglich.

Als Aspekte des patientenrelevanten Nutzens untersuchte das IQWiG die Funktionsdauer, die Veränderung des Ernährungsverhaltens, die Patientenzufriedenheit sowie den Aufwand für Prothesenpflege und -nachsorge.

Wenige schwache Studien liefern lediglich Hinweise auf Vorteile

Das IQWiG und seine externen Sachverständigen fanden lediglich einige Hinweise, dass Patienten, die im gegenüberliegenden Kiefer bereits eine Vollprothese haben, mit einem festsitzenden Zahnersatz durchschnittlich "zufriedener" sind als Patientinnen und Patienten mit einem herausnehmbaren. Diese Hinweise stammen allerdings aus zahlenmäßig geringen und methodisch schwachen Studien. Für die übrigen untersuchten Aspekte gibt es derzeit weder Belege noch Hinweise auf einen Nutzen.

Das IQWiG kommt daher zu der Schlussfolgerung, dass angesichts der unzureichenden wissenschaftlichen Untersuchungen keine belastbaren Aussagen zur Fragestellung des Auftrags möglich sind. Es bleibt also unklar, von welchem Zahnersatz Patientinnen und Patienten am meisten profitieren.

Mehr und bessere Forschung in der Zahnmedizin notwendig

Das Institut empfiehlt dringend, weitere klinische Vergleiche anzustellen. Studien, die hinreichend sichere und interpretierbare Daten liefern, sind nach Auffassung des IQWiG auch in der Zahnmedizin notwendig und möglich. Zwar gebe es in diesem Bereich der medizinischen Versorgung besondere Einschränkungen etwa durch die Art der Kostenerstattung oder die Unmöglichkeit der Verblindung. Dennoch sollte die wissenschaftliche Zahnmedizin vermehrt Anstrengungen unternehmen, sich dem State of the Art der Studienplanung in anderen Bereichen der Medizin anzunähern und belastbare Evidenz zu schaffen. (red)

 

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