Auf den Gelsenstich gespuckt

  • Die Mücke injiziert Speichel und Gift über einen Stech- und Saugrüssel in die Haut.
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Die Mücke injiziert Speichel und Gift über einen Stech- und Saugrüssel in die Haut.

Eine Gelseninvasion bedroht Österreich - Spucke soll nach dem Stich Erleichterung bringen - Was verleiht dem berühmten Körpersaft seine Zauberkraft?

0,6 bis 1 Liter wässrig schleimiges Sekret wird von den verschiedenen Speicheldrüsen der menschlichen Mundschleimhaut täglich produziert. Der Mediziner spricht vom Saliva, allgemein hin ist diese Körperflüssigkeit aber besser als Speichel oder Spucke bekannt. Mikrobiologisch betrachtet ist die Zusammensetzung der Spucke höchst interessant, existieren doch bis zu 100 Millionen Bakterien in nur einem Milliliter davon. Wohlgemerkt handelt es sich hierbei aber um einen physiologischen Keimpool, der beim gesunden Menschen unter normalen Umständen keinerlei pathogene Wirkung besitzt. Potentiell gefährlich sind die Mikroorganismen erst dann, wenn sie über kleine Verletzungen in das Blut gelangen. Erst dann sind sie in der Lage sich über das Gefäßsystem im gesamten Organismus auszubreiten um an anderer Stelle schwere gesundheitliche Schäden, wie Herzmuskelentzündungen zu verursachen.

Keimpool mit desinfizierender Wirkung

Unbestritten bleibt, der Speichel ist ein ganz besonderer Saft mit besonderer Wirkung. Er reinigt und befeuchtet Mundhöhle und Zähne, neutralisiert säurehaltige Nahrung, remineralisiert beziehungsweise repariert die Zähne, unterstützt beim Schlucken und Sprechen und leitet mit der α-Amylase die Verdauung der Kohlenhydrate ein. Und ganz nebenbei gelingt es der Spucke auch noch mit Hilfe von Lysozymen, Immunglobulin A, Laktoferrin und Histatin krankmachende Bakterien, Viren und Pilze abzuwehren.

Letzteres ist nicht nur eine Beweis für die keimtötende Wirkung des Speichels, sondern erklärt auch warum große Wundflächen, wie sie auch nach Zahnextraktionen entstehen, innerhalb kürzester Zeit wieder verheilen. Histatin macht diese beschleunigte Heilung erst möglich, hat das Ergebnis einer niederländischen Studie aus dem Jahr 2008 »FASEB-Journal« (Doi: 10.1096/fj.08-112003) gezeigt. Dass das heilbringende Protein auch außerhalb der Mundhöhle seine Wirkung vollzieht ist also durchaus denkbar.

Breites Wirkungsspektrum

Ob sich daraus die Empfehlung erklärt, warum es Sinn macht nach einem Insektenstich auf die betroffene Stelle zu spucken? Bernhard Redl, Mikrobiologe am Biozentrum Innsbruck kann dem unappetitlichen Akt mehrere positive Effekte abgewinnen: „Speichel kühlt, beschleunigt dank Histatin die Wundheilung, besitzt infektionshemmende Wirkung und enthält zudem noch Proteasen, die fähig sind Insektengifte abzubauen". Für die giftneutralisierende Wirkung gibt es zwar laut Redl keine wissenschaftlichen Beweise, Gründe darauf zu spucken sind es aber eh schon genug.

Die Spucke als Allheilmittel einzusetzen und deshalb größere Mengen davon über noch größere Wunden zu leeren, davon raten Experten derzeit einstimmig ab, denn ob sich 600 verschiedenen Keime auf Wundflächen dieser Größenordnung als Erfolg bringend erweisen, ist unklar. Fest steht, wer sich schon bemüßigt fühlt Spucke auf seine kleinere Wunde zu geben, der sollte auf jeden Fall die eigene verwenden. (Regina Philipp, derStandard.at, 02.07.2009)

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